Kaum ein anderer Politiker aus dem innersten Machtzirkel der SED machte eine derart steile Karriere wie Egon Krenz. Er war Vorsitzender der Pionierorganisation und der FDJ, später Generalsekretär der SED und schließlich Vorsitzender des Staatsrates der DDR. Mittlerweile lebt Krenz bereits genauso lange in der Bundesrepublik, wie er einst Mitglied der SED war – rund 35 Jahre.
Uraufführung am 8. Mai in Schwerin
Doch welche Stationen prägten seinen Aufstieg? Wer ist der Mann heute? Und wie blickt er inzwischen auf die DDR zurück? Antworten darauf liefert der Dokumentarfilm „Kommunist“, der beim Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin seine Uraufführung feiert. Zu sehen ist der Film am 8. Mai um 18 Uhr sowie am 10. Mai um 14 Uhr.
Egon Krenz kommt im Film selbst zu Wort
Im Film werden zahlreiche Aussagen und Erinnerungen von Krenz selbst gezeigt. In einer früheren Rede vor SED- und FDJ-Funktionären sagte er einst: „Ich finde, die beste Wahrnehmung der Demokratie im Arbeiter- und Bauernstaat besteht unter anderem darin, dass jeder seine Verantwortung wahrnimmt und seine Verantwortung vor allem erkennt.“
Rückblickend auf sein Leben erklärt Krenz heute: „Nichts hat mich in meinem politischen Leben härter getroffen als der Ausschluss aus der Partei. Ich sollte mein Parteibuch abgeben. Ich habe gesagt: ‚Das gebe ich nicht ab.‘“
Regisseur trifft sich mehrfach mit Krenz in Dierhagen
Regisseur Lutz Pehnert hatte dabei auch persönliche Beweggründe für den Film: „Natürlich haben sich andere Regisseure um einen Film mit und über Egon Krenz bemüht. Aber natürlich spielte mein Name eine Rolle. Mein Vater und Egon Krenz waren in FDJ-Zeiten zwar nicht Freunde, aber immerhin gute Kumpels. Ich habe ihn zumindest mal als Kind erlebt.“ Horst Pehnert war zuletzt stellvertretender DDR-Kulturminister.

Über einen Zeitraum von rund eineinhalb Jahren trafen sich Pehnert und Krenz regelmäßig, unter anderem im Ostseebad Dierhagen, wo der frühere DDR-Politiker seit Jahren lebt. Die dabei entstandenen Gespräche bilden die Grundlage des Films. Darin berichtet Krenz offen über seine Kindheit nach dem Krieg, über seine neue Heimat in Damgarten und darüber, wie er schon früh Geld verdienen musste, um seine Mutter zu unterstützen.
So kam Egon Krenz zur SED
Auch seine ersten politischen Erfahrungen schildert er detailliert: „Mein erstes Geld verdiente ich bei der CDU. Für fünf Mark im Monat erledigte ich Botengänge, sammelte Spenden, kassierte Mitgliedsbeiträge. 1946 standen Landtagswahlen an“, erzählt Krenz. Der CDU-Ortsvorsitzende habe ihm damals einen Eimer Kleister und Wahlplakate gegeben – verbunden mit dem Auftrag, bei Dunkelheit „jedes SED-Plakat mit dem Streifen ‚Wählt CDU‘ zu überkleben“.
Ich wollte nicht nur Historiker oder Politiker abbilden, die ihr Urteil über Egon Krenz abgeben dürfen. Ich wollte Protagonisten finden, die auch ein persönliches Erlebnis mit ihm hatten.
Doch dabei sei er entdeckt worden: „Ein Mitglied der SED. Ich wurde in das Haus der Einheit bestellt, der Genosse dort bot mir an, die SED-Landeszeitung auszutragen. Von jedem verkauften Exemplar durfte ich fünf Pfennig behalten. Das war der Anfang meiner politischen Tätigkeit.“
Regisseur blickt auf das Leben vor der Macht zurück
Für Regisseur Pehnert sind genau solche Episoden entscheidend: „Es geht darum, nicht nur zu gucken, wie war einer, als er an der Macht war. Sondern auch auf den Lebenslauf zu blicken, die Funktionskarriere bis ganz nach oben. Was tut man dafür? Welche Sprache entwickelt sich da? In welcher Blase oder Lüge befindet man sich?“
Deshalb habe er bewusst darauf verzichtet, nur Historiker oder Politiker urteilen zu lassen: „Ich wollte nicht nur Historiker oder Politiker abbilden, die ihr Urteil über Egon Krenz abgeben dürfen. Ich wollte Protagonisten finden, die auch ein persönliches Erlebnis mit ihm hatten.“
Auch politische Weggefährten kommen zu Wort
Zu diesen Personen gehört auch Solveig Leo aus Banzkow. Sie erinnert sich an die gemeinsame Arbeit im Zentralrat der FDJ: „1971 wurde ich Mitglied im Büro des Zentralrates. Da war Egon auch da. Viermal im Jahr waren die Beratungen. Da ging es um prinzipielle Probleme in der Jugendpolitik. Ich hatte das Gefühl, dass man von Seiten der Genossen, die von der Praxis ein Stück entfernt waren, Interesse daran hatte, zu erfahren: ‚Wie läuft das draußen und wie kommt das an?‘ Ich habe darüber gesprochen, wie das wirklich bei uns auf dem Dorf war.“

Doch der Film lässt nicht nur politische Weggefährten zu Wort kommen. Auch Kritiker schildern ihre Sicht auf Krenz. So sagt der Theologe Werner Krätschell: „Egon Krenz gehörte für mich in der DDR zu diesem System, das ich mit meinen Mitteln bekämpft habe. Die Antwort war klar, ich wurde vom System bekämpft, durch den Staatssicherheitsdienst und seine Methoden.“
Pastor aus Berlin-Pankow spricht in dem Film
Krätschell, der zwischen 1979 und 1996 Superintendent und Pastor in Berlin-Pankow war, erinnert sich außerdem an einen besonderen Besuch an Heiligabend 1989. Damals klingelte er spontan bei Familie Krenz in Pankow. „Zu meiner Überraschung ergab sich in dem Gespräch, dass er getauft und konfirmiert ist. Darum hat er mich auch am Anfang begrüßt und hat gesagt: ‚Wissen Sie, von den Genossen kommt keiner mehr, aber mein Pastor kommt.‘“
Für Krätschell war Krenz damals kein Staatsmann mehr, „sondern jemand, der am 6. Dezember tief gestürzt war. Einer, der sehr wohl die Macht gekannt und genossen hat, der aber nun auch die Züge eines Gestürzten an sich trug.“
Egon Krenz: „Ich bin ein Kommunist“
Der Film zeigt dabei auch, dass Krenz seinen politischen Überzeugungen bis heute treu geblieben ist. So sagt er im Dokumentarfilm: „Immerhin haben die 40 Jahre gezeigt, dass auch ein Leben ohne Kapitalisten möglich ist. Nun kann man das gering schätzen und das andere hochheben. Und doch denke ich, dass die Welt ohne Sozialismus keine Zukunft haben wird. So wie sie ist, kann diese Welt nicht bleiben. Mag sein, dass ich für viele ein Stalinist bin, ein Betonkopf, ein ewig Gestriger. Ich sage – Ich bin Kommunist.“




