Die Sommersaison hat begonnen. Doch der Urlaub fällt flach. Etwa ein Fünftel (21 Prozent) der Bevölkerung in Deutschland lebte im vergangenen Jahr in Haushalten, die sich nach eigener Einschätzung keine Woche Urlaub leisten konnten. Ein Trend, der seit Jahren anhält.
17,3 Millionen Deutsche können sich keinen Urlaub leisten
Wie das Statistische Bundesamt anhand einer Umfrage zu Einkommen und Lebensbedingungen mitteilte, waren das rund 17,3 Millionen Menschen. Der Anteil blieb im Vergleich zu 2024 unverändert. 2023 hatte der Wert sogar bei 23 Prozent gelegen.
Im Osten trifft es Thüringen besonders hart
In Ostdeutschland trifft es vor allem Menschen in Thüringen hart. Dort können sich den Angaben des Statistischen Bundesamts zufolge auf Anfrage des Berliner KURIER 25,6 Prozent keinen einwöchigen Urlaub leisten. Danach folgen Mecklenburg-Vorpommern (22,6 Prozent), Sachsen-Anhalt (22,2), Brandenburg (21,4), Berlin (18,2) und Sachsen (17,1).

Deutschlandweit am höchsten ist der Wert in Bremen mit 35,9 Prozent, am niedrigsten in Bayern (14,6). Die Daten stammen aus einer europäischen Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen. In Deutschland ist diese Erhebung seit 2020 Teil des Mikrozensus, also der großen jährlichen Haushaltsbefragung. Gefragt wurde, ob sich der Haushalt finanziell leisten kann, mindestens eine Woche pro Jahr in den Urlaub zu fahren.
Alleinerziehende sind am häufigsten betroffen
Besonders dramatisch: In Haushalten mit Alleinerziehenden konnten sich 39 Prozent keine Woche Urlaub leisten. Zum Vergleich: In Haushalten mit zwei Erwachsenen ohne Kinder waren 16 Prozent der Menschen betroffen. In Haushalten mit zwei Erwachsenen mit Kindern waren es 18 Prozent.

Für Sebastian Heimann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Familienverbands, sind die Zahlen „ein politisches Alarmsignal“. Er könne die Daten „leider aus der täglichen Praxis bestätigen“, wie er dem KURIER sagt. „Die Urlaubsstatistik ist somit ein sehr verlässlicher Seismograph für die verdeckte und offene Armutsgefährdung bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein.“
Verzicht auf Urlaub ist ein „Indikator für Armut“
Aus Heimanns Sicht würden die Zahlen auch „eine massive finanzielle Schieflage“ im Land zeigen. „Es verdeutlicht, wie stark die Inflation, steigende Wohnkosten und enorme Belastungen durch Steuern und Sozialabgaben die Haushaltsbudgets aufgefressen haben“, sagt Heimann.
Es fehlt vielen Familien sogar das Geld für alltägliche Freizeitangebote wie Schwimmbad, Zoo oder ein Eis.
Für den Paritätischen Wohlfahrtsverband in Berlin sind die Ergebnisse des Statistischen Bundesamtes vor allem ein „Indikator für Armut, soziale Ausgrenzung und mangelnde gesellschaftliche Teilhabe“, wie Andreas Aust, Referent für Sozialpolitik, dem KURIER sagt.
Armutsquote steigt in Deutschland weiter
Das fehlende Geld in vielen Haushalten verhindere nicht nur Reisen in den Urlaub, sondern auch Freizeitaktivitäten vor Ort. „Es fehlt vielen Familien sogar das Geld für alltägliche Freizeitangebote wie Schwimmbad, Zoo oder ein Eis“, sagt Aust. Dadurch werde gesellschaftliche Teilhabe eingeschränkt, besonders für Menschen, die in Armut leben.
Das Problem hat sich in den vergangenen Jahren noch verschärft. Von 2024 zu 2025 stieg die Armutsquote in Deutschland um 0,6 Prozent auf 16,1 Prozent. 13,3 Millionen Menschen leben hierzulande in Armut, wie es im Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands heißt. Das sei der höchste Stand seit 2020.
Kinder leiden besonders stark unter fehlendem Urlaub
Die Folgen von fehlendem Urlaub wirken sich nicht nur auf Erwachsene aus, sondern auch auf Kinder – psychologisch und sozial. Heimann bringt als Beispiel die Frage nach dem Urlaub nach Schulferien ins Spiel. „Kinder, die dann immer nur von zu Hause erzählen können, erleben Stigmatisierung und fühlen sich ausgegrenzt“, sagt er. Urlaub sei nicht nur Freizeit, sondern biete auch „wichtige Entwicklungs- und Bildungsimpulse, die diesen Kindern verwehrt bleiben“.

Aust findet zudem, dass Urlaub für Familien aus einkommensschwachen Verhältnissen zusätzlichen Stress statt Erholung bedeute. Denn das Problem ist: Urlaub ist nicht als Teil des menschenwürdigen Existenzminimums anerkannt.
So können sich mehr Menschen einen Urlaub leisten
Wie könnte eine Lösung aussehen? Wie können sich Familien wenigstens eine Woche Urlaub leisten? Wie kann man Menschen aus der Armut holen?
Die Urlaubsstatistik ist somit ein sehr verlässlicher Seismograph für die verdeckte und offene Armutsgefährdung bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein.
Heimann schlägt dazu vor, dass Familien grundsätzlich stärker entlastet werden müssen, unter anderem bei Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen. Auch müssten der Kinderfreibetrag und das Kindergeld so gestaltet werden, dass sie die tatsächlichen Kosten für das Aufwachsen des Kindes decken. Und er fordert, dass staatlich geförderte Familienferienstätten finanziell gestärkt und ausgebaut werden.
Urlaub muss Teil der Grundsicherung sein
Aust bringt noch zwei weitere Maßnahmen ins Spiel, damit Urlaub nicht zum Luxusgut wird. Es brauche eine gerechtere Verteilung der Einkommen, damit auch einkommensschwache Haushalte sich einen Urlaub leisten können. Und es brauche eine Anerkennung in der Grundsicherung.





