Kindern in Deutschland geht es immer schlechter. Laut einer Unicef-Studie schneidet die Bundesrepublik in den Bereichen Kindeswohl und Bildung nur noch unterdurchschnittlich ab. Nicht zum ersten Mal. Der Trend setzt sich seit Jahren fort.
Studie bestätigt schlimme Befürchtungen
Für Jörg Maywald, Honorarprofessor für Kinderrechte und Kinderschutz an der FH Potsdam, kommen die Ergebnisse der Studie nicht überraschend. „Das ist eine Bestätigung der Befürchtungen, die ich bereits zuvor hatte“, sagt er dem Berliner KURIER. „Die Befürchtungen sind gravierend. Es geht Kindern in Deutschland insgesamt betrachtet nicht gut.“
Rumänien, Ungarn und die Slowakei sind besser platziert
Die internationale Vergleichsstudie hatte ergeben, dass Deutschland beim Thema Wohlbefinden von Kindern nur noch auf Platz 25 liegt – von 37 bewerteten Ländern. Damit liege Deutschland wie schon im vergangenen Jahr im unteren Mittelfeld und bleibe weit hinter seinen Möglichkeiten zurück, teilt das UN-Kinderhilfswerk in Köln mit. Selbst Länder wie Rumänien (Platz 9), Ungarn (Platz 10) und die Slowakei (Platz 19) schneiden mittlerweile besser ab.

Ähnlich schlecht sieht es im Bereich Bildung aus. Nur 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen demnach die Mindestkompetenz in Lesen und Mathematik. Damit liege Deutschland auf Platz 34 von 41 Ländern mit vergleichbaren Bildungsdaten, so die Studie.
Zustand der Kinder ist „besonders beunruhigend“
„Es ist absehbar, dass diese Kinder dann auch große Schwierigkeiten im weiteren Leben haben werden“, sagt der 71-jährige Experte. „Besonders beunruhigend“ findet er, dass in Deutschland der Bildungserfolg der Kinder sehr stark vom Einkommen der Eltern abhängig ist.
Ein Land wie Deutschland, das rohstoffarm ist und auf Bildungserfolg und Innovationen angewiesen ist, kann es sich nicht leisten, 20 Prozent der Kinder abgehängt zu lassen.
Laut Unicef-Studie erreichen unter den Jugendlichen aus wirtschaftlich benachteiligten Familien nur 46 Prozent die grundlegenden Kompetenzen. In privilegierten Familien seien es dagegen 90 Prozent. Mehr noch: In Deutschland liegt die Kinderarmutsquote seit Jahren bei hohen 15 Prozent.
Politik steuert nicht ausreichend dagegen
Für Maywald sind die Zahlen erschreckend – auch mit Blick auf die kommenden Jahre. „Ein Land wie Deutschland, das rohstoffarm ist und auf Bildungserfolg und Innovationen angewiesen ist, kann es sich nicht leisten, 20 Prozent der Kinder abgehängt zu lassen.“ Diese Kinder seien „lebenslang“ benachteiligt, so der Experte.
Lässt sich der Abwärtstrend noch stoppen? Wie kann Deutschland die Trendwende schaffen? Aus Sicht von Maywald müsste die Politik massiv gegensteuern, doch es fehle am nötigen Willen. „Ich sehe den auf keinen Fall in ausreichendem Maße.“

Was machen andere Länder nur besser?
Problem ist, dass Kitas, Schulen und Bildungseinrichtungen nicht gut ausgestattet seien. Auch investiere Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern einen nur relativ geringen Prozentsatz in Bildung. Und Deutschland sehe Bildung nicht als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Investition in Bildung ist wirklich gut angelegtes Geld. Da sollten wir zulegen. Aber das ist eine politische Frage“, so Maywald, der seit vielen Jahrzehnten in Berlin lebt.
Wer heute nicht in die Teilhabe, die Bildung und die gesundheitliche Versorgung der jüngsten Generation investiert, schadet nicht nur den Kindern, sondern zahlt morgen einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Preis.
Und was machen andere Länder besser? Warum liegen laut Studie die Niederlande, Dänemark und Frankreich auf den ersten drei Plätzen? Ein großer Unterschied sei, dass in diesen Ländern der Unterschied zwischen wohlhabenden und weniger wohlhabenden Familien geringer sei. Auch sei es dort eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. In Deutschland sei die Lage offensichtlich noch nicht dramatisch genug, findet Maywald.
Deutschland könnte einen hohen Preis bezahlen
„Die Bekämpfung der Kinderarmut muss politische Top-Priorität werden“, fordert Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland. „Unser Land vergibt Zukunftschancen: Wer heute nicht in die Teilhabe, die Bildung und die gesundheitliche Versorgung der jüngsten Generation investiert, schadet nicht nur den Kindern, sondern zahlt morgen einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Preis.“





