Auma Obama (66) ist Germanistin, Soziologin, Journalistin und Autorin – und Halbschwester einer der bekanntesten Politiker der Welt. Im Gespräch mit dem KURIER blickt sie zurück auf eine Kindheit zwischen Unsicherheit und Unterstützung, und erklärt, wie aus dieser Prägung ein ungewöhnliches Projekt mit klaren Werten entstanden ist.
Schwierige Kindheit – und entscheidende Unterstützung
Auma Obama wuchs nicht wohlhabend auf. Oft fehlte Geld für Schule und Alltag. Nach einem Unfall ihres Vaters wurde die Situation noch schwieriger. Auma erinnert sich aber gerne an ihre Schulzeit und umso mehr an die Lehrer, die an sie geglaubt haben. „Die haben mir immer das Gefühl gegeben: ‚Ich kann‘“, erzählt sie. „Ohne diese Menschen wäre ich nicht weitergekommen.“

Ihre Erkenntnis bis heute: „Junge Leute brauchen nur eine Person, die sagt: ‚Du kannst das‘.“ Sie selbst fühle diese Verantwortung heute sehr stark, weil sie das Privileg hatte, so eine Person in einer Lehrkraft gefunden zu haben. Heute lebt Auma in Kenia und leitet ihre Stiftung „Sauti Kuu“. Dort vermittelt sie jungen Menschen vor allem eines: Verantwortung für das eigene Leben.
Schmuck mit Haltung
Um diese Philosophie selbst vorzuleben, suchte Auma nach einem eigenen Projekt. „Ich musste selbst etwas finden, was im Einklang ist mit meinen Werten“, erzählt sie. Fast zwei Jahre später liegt das Ergebnis vor: die Marke Auma Obama Fine Jewelry.

Die Produktion ist transparent, ohne Ausbeutung und auf Augenhöhe. Der Mensch steht im Mittelpunkt, der Profit ist nachrangig. Gemeinsam mit Geschäftsführer Nils Steinkopff entwickelte sie ein Konzept, das die gesamte Wertschöpfung offenlegt – vom Minenarbeiter in Madagaskar bis zum fertigen Schmuckstück.
„Es geht nicht um den Wert des Schmuckstücks, sondern um die Geschichte hinter der Produktion“, so Auma. Deshalb trägt jeder Stein den Namen des Minenmitarbeiters, der ihn aus der Erde geholt hat.
Der Gedanke hinter der Marke: humanistischer Kapitalismus. Ihre Botschaft: Luxus kann auch transparent und respektvoll entstehen.
Eine Familie, eine Haltung
Auma ist überzeugt: Würde ihr Vater sie heute sehen, wäre er nicht überrascht. „‚Natürlich schaffst du das, du bist eine Obama‘, hätte er gesagt“, erzählt sie schmunzelnd. Dieses Vertrauen habe sie geprägt. Ihr Vater sei „wie ein offenes Buch“ gewesen, ehrlich und direkt.
Eine Haltung, die sie auch mit ihrem Bruder verbindet – den sie erst mit 24 Jahren kennenlernte. „Barack und ich sind uns sehr ähnlich“, erzählt sie. „Als wir uns endlich kennenlernten, haben wir stundenlang gesprochen. Wie wenn man jahrelang Durst hatte und plötzlich zu trinken bekommt.“
Mauerfall in Berlin: „Barfuß durch die Stadt“
Auma lebte viele Jahre in Deutschland und war in Berlin, als die Mauer fiel. „Ich bin barfuß durch Berlin gelatscht“, erzählt sie. Eigentlich sei sie zu dem Zeitpunkt auf einer Konferenz gewesen, aber eine Frau sei aufgestanden und habe gesagt: „‚Frauen, wir sind hier als Journalistinnen. Es geschieht ein Weltwunder draußen vor der Tür!‘ Und dann standen wir alle nacheinander auf und sagten: ‚Ich gehe'.“

Der Fall der Mauer sei ein toller Moment gewesen. „Wie eine Oma und ihr Enkelkind am Bahnhof an Weihnachten, wenn sie sich in den Arm fallen“, erinnert sie sich. „Man hat die Leute sehr, sehr herzlich empfangen.“
Mehr Vielfalt, aber auch mehr Stress
An ihre Zeit in Deutschland erinnert sich die Kenianerin gerne. „Es war wirklich schön für mich, ich habe mich entfalten können, ich durfte so viel lernen und meine Stimme wurde gehört“, so Auma.
In den vergangenen Jahren habe sich die Stimmung in Berlin verändert. Die Leichtigkeit von früher fehle, viele Menschen seien unsicherer geworden und „ein Teil dieser Tiefe“ sei verloren gegangen. „Weil die Menschen so viel Stress haben“, glaubt sie.
Klare Kritik: „Deutsche arbeiten zu viel“
In der Debatte über Arbeitsmoral widerspricht Auma daher deutlich. „Dass die Deutschen zu wenig arbeiten, kann nicht wahr sein.“ Ihre Beobachtung: „Die Menschen arbeiten nicht zu wenig, sie arbeiten zu viel.“ Der Grund seien steigende Kosten und Unsicherheit im Sozialsystem. Sie bedauert, dass viele aus finanzieller Unsicherheit sogar im Alter weiterarbeiten müssten.

Während Auma deutsche Innenpolitik nur am Rande verfolgt, beschäftige sie aber vor allem die globale Lage. Kriege und Konflikte – im Sudan, in Gaza, in Syrien, Libyen, im Iran und in Israel – würden zu wenig kritisch thematisiert. „Man muss diskutieren“, sagt Auma. Und sie stellt die Frage: „Warum erlauben wir, dass die Welt in Flammen steht?“
Am Ende wird deutlich: Auma Obama ist eine beeindruckende Persönlichkeit mit klaren Werten – und definitiv eine Frau, die es verdient, jenseits ihres berühmten Bruders im eigenen Licht gesehen zu werden.


