Kein Richter spricht ein Urteil. Kein Verbrechen liegt vor. Stattdessen wird sie zur „Schwererziehbaren“ erklärt, weil sie ihren Berufswunsch nicht aufgeben und ihre Familie nicht verraten will. Corinna Thalheims Geschichte steht für tausende Seelen, die im DDR‑Heimsystem ihre Kindheit verloren.
„Ich wollte Hilfe – und bekam einen Jugendwerkhof“
Corinna Thalheim will ihren Schulabschluss machen und Strafvollzugsbeamtin im Frauengefängnis werden. „Zum Vorstellungsgespräch bin ich mit meiner Mutter gegangen. Am Ende hieß es: Das geht nur, wenn ich mich von meiner Familie lossage“, erzählt die heute 58-Jährige dem KURIER. Der Grund dafür ist politisch, die Familie gilt als „nicht konform“.

1984 sucht sie Unterstützung und geht selbst zur Jugendhilfe. Was sie bekommt, ist eine Einweisung. Ihre Mutter bringt sie in den Jugendwerkhof Wittenberg – weil sie dachte, es handele sich um ein Jugendwohnheim, in dem Corinna ihre Schule beenden könne.
„Mir war sehr schnell klar, dass das kein Jugendwohnheim war“, sagt Thalheim. „Noch am selben Tag wurde ich zwangsausgeschult. Meine Mutter musste das unterschreiben. Ich bekam einen Arbeitsvertrag als Wirtschaftspflegerin. Meine Schulbildung war damit vorbei.“ Mit der Einweisung gehen den Eltern faktisch alle Mitspracherechte verloren, das Aufenthaltsbestimmungsrecht liegt nun bei der Jugendhilfe.
Flucht und die Drohung Torgau
Thalheim hält es nicht aus. Sie läuft weg. Dreimal. Jedes Mal wird sie gefasst und zurückgebracht. „Ich wollte mich nicht unterwerfen, hatte Heimweh“, erinnert sie sich. Die Antwort des Systems folgt 1985: Verlegung in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau.
Ich wollte einfach nur meine Schule beenden.“
Niemand wird vorgewarnt. Die Verlegung geschieht heimlich, damit niemand flieht. „Torgau hatte einen Ruf. Wir haben Jugendliche gesehen, die von dort zurückkamen: kurz geschorene Haare, völlig ruhiggestellt, voller Angst. Das sollte uns abschrecken.“
Corinna Thalheim bezeichnet die Ankunft bis heute als „Vortod“. „Man kommt an, muss stillstehen, mit dem Gesicht zur Wand. Man darf sich nicht bewegen, nicht sprechen“, erzählt sie.

Arrest, Zwangssport, Missbrauch
Torgau ist die Endstation der DDR‑Heimerziehung. Bildung gibt es dort nicht mehr. „In Torgau gab es keine Schule. Montag bis Freitag wurde gearbeitet. Metallproduktion. Einmal die Woche Unterricht – Mathe, Deutsch, Staatsbürgerkunde.“
Im Deutschunterricht müssen Briefe geschrieben werden. Aber sie dürfen nur eines enthalten: Reue. „Wir mussten schreiben, dass es uns gut geht, dass wir bereuen, einsichtig sind. Alles andere wurde gestrichen und einbehalten.“ Wer „falsch“ schreibt, wird bestraft. „Dann bekam man Arbeitsarrest oder Einzelarrest. Schon ein Satz zu viel konnte reichen“, berichtet Thalheim.
Strafen wie Arrest, Schläge, Zwangssport und Isolation sind fester Bestandteil des Alltags. Auch körperliche Gewalt kommt vor – trotz offiziellen Verbots.

„Wir waren ständig Repressalien ausgesetzt. Man hatte keine Sicherheit. Alles hing von den Launen der Erzieher ab.“ Ziel sei offiziell die „Umerziehung zur sozialistischen Persönlichkeit“ gewesen, erzählt Thalheim, aber „in Wahrheit hat man uns zu gebrochenen Menschen gemacht. Für sehr viele Betroffene ist Torgau lebenslänglich. Man vergisst das nie.“
Zu dem System der Gewalt gehört auch sexualisierte Gewalt. Corinna Thalheim wurde selbst Opfer davon – durch den Direktor der Einrichtung. Eine strafrechtliche Verurteilung erfolgte nie. „Das ist etwas, das viele Betroffene bis heute mit sich tragen“, sagt sie. „Dass Täter nie zur Verantwortung gezogen wurden.“
Freundschaften? Nicht möglich
Auf die Frage, ob Freundschaften innerhalb des Jugendwerkhofs existierten, kommt eine klare Antwort. „Sowas war dort nicht möglich.“ Jahre später lernt Thalheim vier Frauen kennen, die gleichzeitig mit ihr in Torgau waren. Sie können sich nicht aneinander erinnern. Der Grund: „Die Gesichter sind gelöscht.“
Wir wurden nur mit Nummern angesprochen.“
Nach drei Monaten wird Corinna entlassen, weil sie 18 ist. „Freiheit fühlt sich anders an“, erzählt Thalheim. „Bis zu meinem 19. Lebensjahr musste ich mich alle 14 Tage beim Jugendamt melden. Sie kontrollierten sogar meine Wohnung.“

Und die Angst bleibt. „Ich hatte ständig Angst, wieder eingewiesen zu werden. Ein normales Leben gab es für mich nicht.“ Ausbildung „verweigert“, Stempel im Sozialausweis, jahrelange Hilfsjobs. Erst nach der Wende gelingt ihr ein langsamer Neuanfang.
Hilfe für andere: „Verbogene Seelen“
1997 kehrt sie erstmals nach Torgau zurück. 2010 entscheidet sie: Schweigen geht nicht mehr. Sie geht als Zeitzeugin in die Öffentlichkeit und gründet die Selbsthilfegruppe „Verbogene Seelen“ für Missbrauchsopfer in der DDR. Heute arbeitet sie als Beraterin für ehemalige DDR‑Heimkinder und als Zeitzeugin in der Gedenkstätte Torgau.
DDR-Heimkinder haben keine Lobby
Wenn Menschen sagen, die Heimerziehung habe „schon ihren Grund gehabt“, widerspricht Thalheim entschieden. „Was war denn unser Verbrechen? Dass wir pubertär waren? Dass wir frei sein wollten? Musik hören wollten?“, fragt sie. Verhaltensweisen, die heute als selbstverständlich gelten, seien in der DDR als Abweichung bestraft worden, viele Betroffene lebten noch immer unter den Folgen der Gewalt – psychisch, sozial und finanziell. „Viele leben am Existenzminimum“, sagt Thalheim.

Für Thalheim ist klar: „DDR‑Heimkinder sind die jüngste Opfergruppe der SED‑Diktatur – und haben bis heute keine Lobby. Wir sind noch da, wir können noch sprechen.“
Wir sollten gehört werden, solange es möglich ist.“


