Am 1. Mai 1964 eröffnete die DDR in Torgau den Geschlossenen Jugendwerkhof (GJWH). Eine Einrichtung, die offiziell Teil der Jugendhilfe war, in der Praxis jedoch wie ein Gefängnis für Kinder und Jugendliche funktionierte. Mehr als 60 Jahre später ist Torgau eine Gedenkstätte, in der historische Aufklärungsarbeit geleistet wird.
Eine neue Folge „Backstage DDR“
Zum Jahrestag der Eröffnung veröffentlicht die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED‑Diktatur eine neue Folge ihrer Erklärfilm-Reihe „Backstage DDR“, die das System der Jugendwerkhöfe in den Blick nimmt.

„Zahlreiche Betroffene berichten bis heute von fehlender Anerkennung ihres erlittenen Unrechts. Die Aufarbeitung dieser Erfahrungen bleibt eine zentrale Aufgabe“, sagt Anna Kaminsky, Direktorin der Bundesstiftung, zur Aufarbeitung der SED‑Diktatur.
Endstation im Erziehungssystem der DDR
Erziehung hatte einen hohen Stellenwert in der DDR. Es galt, Kinder und Jugendliche zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ zu erziehen. Manuela Rummel, eine Mitarbeiterin der Gedenkstätte Torgau, erklärt dem KURIER: „Abweichendes Verhalten reichte oft aus, um Kinder und Jugendliche in sogenannte Spezialheime oder offene Jugendwerkhöfe einzuweisen. Wer sich dort aus Sicht der Verantwortlichen nicht umerziehen ließ, konnte nach Torgau geschickt werden.“
Wiederholte Fluchtversuche, Auflehnung gegen Organe der Jugendhilfe, Arbeitsbummelei und Schulschwänzen waren die häufigsten Einweisungsgründe. „In Torgau ging es dann ausdrücklich darum, den Willen der Jugendlichen zu brechen.“
Zwischen 1964 und 1989 waren insgesamt 4046 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren in Torgau untergebracht. Die Gedenkstätte GJWH Torgau ist bundesweit die einzige, die sich ausschließlich mit der repressiven Heimerziehung in der DDR befasst.
Einweisung ohne Urteil
Der Geschlossene Jugendwerkhof war keine Strafanstalt, auch wenn er so geführt wurde. Ein Gerichtsurteil existierte nicht, jeder konnte eingewiesen werden. „Die Einrichtung unterstand direkt dem Ministerium für Volksbildung und damit Margot Honecker. Ablehnungen von Einweisungsanträgen sind in den Akten bislang nicht dokumentiert“, erzählt Rummel.

Alltag ohne Schutz und Privatsphäre
Die Aufenthaltsdauer war formal auf bis zu sechs Monate begrenzt, aber man konnte mehrfach eingewiesen werden. Während dieser Zeit durften die Jugendlichen das Gelände kein einziges Mal selbstständig verlassen.
„Der gesamte Tagesablauf war streng durchgetaktet: Arbeit, mangelhafter Unterricht, selbst die sogenannte Freizeit fanden ausschließlich im Kollektiv statt. De facto gab es keine echte Freizeit und keinerlei Privatsphäre“, so Rummel. Gearbeitet wurde vor allem in der Metallproduktion, Bildung spielte eine untergeordnete Rolle.
Strafen als pädagogisches Prinzip
Strafen waren zentrales Instrument der Erziehung. Schon kleine Abweichungen, ein geöffnetes Fenster, ein Blickkontakt zwischen Jungen und Mädchen, wurden hart sanktioniert. Obwohl körperliche Züchtigung in der DDR offiziell verboten war, kam es auch zu körperlichen Übergriffen. „Wie weit diese ging, hing oft von der Willkür einzelner Mitarbeitender ab”, erzählt Rummel.

Bereits die Aufnahmeprozedur war traumatisierend. „Die Jugendlichen mussten sich vollständig entkleiden, wurden in allen Körperöffnungen untersucht, die Haare geschoren, der Körper desinfiziert. Anschließend folgte eine mehrtägige Isolation im sogenannten Zuführungsarrest – eine Form gezielter Schocktherapie.“
Die Folgen bis heute
Warum dieses System so lange kaum öffentlich thematisiert wurde, erklärt die Gedenkstättenmitarbeiterin mit gesellschaftlichen Mechanismen: „Das Thema war stark schambehaftet. Heimkinder hatten und haben bis heute keine starke Lobby. Nach der politischen Wende richtete sich der gesellschaftliche Fokus vor allem auf die Stasi. Andere Formen staatlicher Repression gerieten dadurch lange in den Hintergrund.“
Die meisten ehemaligen Heimkinder leiden bis heute unter den Folgen der erlebten Gewalt. „Ein großer Teil der Betroffenen lebt heute am Existenzminimum. Viele konnten keine Ausbildung abschließen und tragen die psychischen Folgen der erlebten Gewalt ein Leben lang mit sich.“

Die Gedenkstätte ist deshalb nicht nur Erinnerungsort, sondern auch Anlaufstelle für Beratung, Aktenrecherchen und Unterstützung bei Rehabilitierungsverfahren. „Wir wünschen uns hier ein Umdenken. Es geht darum, die Umstände zu betrachten. Das waren Kinder und Jugendliche in einem Gewaltkontext“, betont Rummel.
Mit Unterstützung von Bund und Land erinnert die Gedenkstätte heute an die jugendlichen Opfer der „sozialistischen Umerziehungspraxis“. Sie steht damit als Symbol für das gesamte „unmenschliche Strafsystem der DDR-Spezialheime“ und ist von Beginn an auch ein Ort der Begegnung für Betroffene.
Ein Appell an die Gegenwart
Die neue „Backstage DDR“‑Folge versteht sich auch als Warnung für die Gegenwart. Rummel sagt: „Solche Formen von Zwang und Disziplinierung hat es bereits gegeben. Deshalb ist es wichtig, genau hinzuschauen und ernst zu nehmen, was autoritäre Strukturen mit Kindern und Jugendlichen machen.“



