Es ist ein Verbrechen, das in Berlin kaum noch jemand in Erinnerung haben dürfte. 40 Jahre ist die schreckliche Tat her. Es geht um Renate Pollaczek, die vor fast 40 Jahren Opfer eines Sexual- und Raubmörders geworden ist. Tatort war eine Kneipe, in der sie arbeitete. Es ist ein sogenannter Cold Case, ein Fall dessen Akten längst verstaubt sind. Doch solche Akten werden auch wieder geöffnet. Neue Ermittlungsmethoden können zu Spuren führen, womöglich den Täter überführen. Im Fall Renate Pollaczek rollt ein junger Staatsanwalt die Beweise neu auf.
Dazu gehören alte Fotos. Ein Flipper-Automat steht an der einen Wand, an der anderen hängt eine Dartscheibe. Ein paar drehbare Barhocker warten vor dem Tresen auf Kundschaft. Hinter dem Ausschank befindet sich die Zapfanlage für das Fassbier, in einem Regal stehen zahlreiche Schnapsflaschen. Auf dem kleinen Tisch daneben liegt eine Schachtel Zigaretten neben einem noch vollen Glas Bier und einer Kippe im Aschenbecher.

Die Bilder sind in einem rosafarbenen Hefter voller vergilbter Seiten zu sehen. Thilo Pietzsch blättert die Akte Seite für Seite vorsichtig durch, als könnten die alten Fotos und die vielen mit Schreibmaschine beschriebenen Blätter zwischen seinen Fingern zerbröseln. „Ich habe richtig Angst, dass sie kaputtgehen“, sagt er. Die Akten sind wesentlich älter als Pietzsch mit seinen 29 Jahren. Der Staatsanwalt ist seit Februar in jener Abteilung der Berliner Staatsanwaltschaft tätig, die für die Ermittlungen bei Kapitalverbrechen zuständig ist. Mord, Totschlag und ärztliche Fehler zählen zu den Delikten, die die Abteilung bearbeiten muss.
Pietzsch sitzt in einem kleinen Büro im Kriminalgericht. Vor ihm auf dem Schreibtisch liegen elf Hefter. Darin sind die Ermittlungsergebnisse des Verbrechens an Pollaczek zusammengetragen. Im Moment hat der Staatsanwalt etwas Zeit und kann sich somit auch den alten Akten widmen.
Und Thilo Pietzsch will diesen Fall nun aufklären. „Moderne Untersuchungsmethoden von Spuren machen das vielleicht möglich“, sagt Pietzsch. Es wäre „Wahnsinn, wenn das klappt“.

Renate Pollaczek war 44 Jahre alt, als sie Ende 1985 als Kellnerin in der „Schultheiß-Baude“ in der Galvanistraße begann, einem gutbürgerlichen Viertel in Charlottenburg. Sie hatte jahrelange Erfahrung in der Gastronomie und sie wohnte unweit des Lokals. Die „Schultheiß-Baude“ hatte sieben Tage die Woche geöffnet, 24 Stunden am Tag.
Die Kellnerin lag tot in der Küchennische
Renate Pollaczek hatte am 10. April 1986 die Nachtschicht am Tresen übernommen, die erst am nächsten Morgen endet. Der letzte Gast, der die kleine, nur 1,61 Meter messende Frau noch lebend gesehen hatte, war ein Stammgast, ein Kfz-Meister (49), der jeden Morgen gegen fünf Uhr kam und die Kneipe bereits meist zehn Minuten später wieder verließ.
Als er an jenem Morgen das Lokal verließ, kehrte dort gerade ein junger Mann ein, den er noch nie gesehen hatte. Die Beschreibung: 20 bis 25 Jahre alt, etwa 1,75 Meter groß und muskulös gebaut. War dies der Mörder der alleinstehenden Kellnerin?
Fest steht, dass Renate Pollaczek den Betreiber der Kneipe nicht wie vereinbart telefonisch geweckt hatte. Deswegen eilte der 39-Jährige gegen 7.30 Uhr zur „Schultheiß-Baude“. Er fand seine Mitarbeiterin in der Küchennische. Renate Pollaczek lag auf dem Boden, ein mehrfach gewundenes und verknotetes Geschirrtuch um den Hals. Sie war tot. Der Wirt rief die Polizei.
Die „Auffindesituation“ habe darauf schließen lassen, dass die Kellnerin vergewaltigt worden sei, sagt Staatsanwalt Pietzsch. Die Obduktion am selben Tag bestätigte den Verdacht. Der Mörder hatte aus der Kneipe auch die Kasse mitgehen lassen. „Geschätzt 150 D-Mark“, sagt Pietzsch.

Die Ermittler fanden in der Kneipe zahlreiche Spuren. Darunter waren zwei Zigarettenkippen und eine Schachtel der Marke Camel. Zudem wurde Sperma bei der Obduktion der Leiche sichergestellt. „Mit Sicherheit stammt es vom Täter“, sagt der Staatsanwalt.
Da die Außenbeleuchtung des Bierlokals noch angeschaltet und die Gardinen zugezogen waren, konnten die Ermittler auch rekonstruieren, wann Renate Pollaczek getötet worden sein musste: Zwischen 5.15 Uhr und 6.15 Uhr.
Anhand der Angaben des Stammgastes wurde bei der Polizei ein Phantombild jenes Mannes gefertigt, der nach ihm gekommen war. Staatsanwalt Pietzsch hält den Fahndungsaufruf in der Hand. „Die Polizei bittet um Mithilfe – Sexualmord an Kellnerin“ steht auf dem DIN-A4-großen Zettel, der damals überall in der Gegend geklebt und verteilt worden sei. Darauf ist das Phantombild des Verdächtigen abgedruckt. Die Polizei suchte Zeugen. Zudem wird für Hinweise, die zur Aufklärung des Verbrechens führen, eine Belohnung von 10.000 D-Mark ausgesetzt.

86 Hinweise seien nach dem Zeugenaufruf damals eingegangen, sagt der Staatsanwaltschaft. Eine heiße Spur sei nicht darunter gewesen. Pietzsch sagt, dass es damals sechs Tatverdächtige gegeben habe, gegen die seien die Ermittlungen aber relativ schnell wieder eingestellt worden. „Sie waren es nicht“, sagt Piezsch.
DNA-Profil des Mörders ist nicht in der Datenbank
2023 wurden die Akten des Mordfalls wieder herausgeholt. Mit neuesten wissenschaftlichen Methoden konnte ein eindeutig zu einem einzigen Menschen zuzuordnendes Profil der damals sichergestellten DNA vom Sperma erstellt werden. „Wir haben jetzt das Profil, aber es ist nicht in der Datenbank“, sagt Pietzsch.
Sicher ist, dass der Mann, dem das Sperma zuzuordnen ist, auch die beiden Zigaretten der Marke Camel geraucht hat. Eine Kippe lag neben der Leiche der Kellnerin, die andere im Aschenbecher neben dem Bier.
Staatsanwalt Thilo Pietzsch gibt nicht auf. Nach 39 Jahren will er den Mörder der Kellnerin finden – denn Mord, so betont er, verjähre nicht. Deswegen läuft derzeit eine DNA-Reihenuntersuchung. Männer, die damals alt genug für eine Sexualstraftat waren und in der Gegend der „Schultheiß-Baude“ gelebt haben, werden zum Speicheltest gebeten. Der Staatsanwalt geht davon aus, dass der Mörder von Renate Pollaczek kein Tourist war. Er habe damals wohl im Umfeld der Galvanistraße gelebt.
Lebt der Killer heute im Ausland?
Mittlerweile wurde laut Pietzsch bereits die DNA einer hohen zweistelligen Anzahl von Männern überprüft – auf freiwilliger Basis und mit richterlichem Beschluss. Bisher noch ohne Treffer.
Aber nicht alle Personen, die potenziell infrage kommen, leben noch in Deutschland. Nach Angaben des Staatsanwalts wurden auch Rechtshilfeersuchen in Thailand, Serbien, Tschechien, Polen und Portugal gestellt.





