Hertha-Kolumne

Hertha BSC und die Nationalelf: Warum die Tür fast zu ist

Die DFB-Elf überzeugt, Hertha bleibt außen vor. Warum Zweitligaspieler kaum Chancen haben – und welche Hoffnung es trotzdem gibt.

Teilen
Ex-Nationalspieler Arne Friedrich wechselte aus der Zweiten Liga zu Hertha BSC und startete direkt durch. Insgesamt spielte der Verteidiger 82 Mal für Deutschland.
Ex-Nationalspieler Arne Friedrich wechselte aus der Zweiten Liga zu Hertha BSC und startete direkt durch. Insgesamt spielte der Verteidiger 82 Mal für Deutschland.imago sportfotodienst

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft quälte sich lange zur WM-Endrunde in den USA, überzeugte aber zuletzt beim 6:0 gegen die Slowakei. Profis von Hertha BSC sind dabei außen vor. Der Grund ist simpel: Zweitligaspieler haben nur selten die Chance, in der A-Nationalmannschaft des viermaligen Weltmeisters mitzumischen. Zu groß ist das Angebot von Profis, die erstklassig agieren oder sich in europäischen Spitzenligen ihren Traum von Ruhm und großem Geld erfüllen. Jüngstes Beispiel ist Torjäger Nick Woltemade, schon nach kurzer Zeit Liebling bei Newcastle United und vor gut zwei Jahren noch beim damaligen Drittligisten SV Elversberg am Ball.

Für Hertha BSC waren in diesen Tagen dennoch drei Profis mit ihren A-Nationalteams unterwegs: Marton Dardai für Ungarn – der Abwehrmann entschied sich im Januar 2024 für das Heimatland seiner Eltern und gegen eine weitere DFB-Karriere, Jon-Dagur Thorsteinsson für Island und Oldie Peter Pekarik für die Slowakei.

Hertha und die DFB-Elf: Warum Zweitliga-Profis kaum Chancen haben

Arne Friedrich erzielte in 82 Länderspielen genau ein Tor – beim 4:0-Sieg im Viertelfinale gegen Argentinien bei der WM 2010 in Südafrika.
Arne Friedrich erzielte in 82 Länderspielen genau ein Tor – beim 4:0-Sieg im Viertelfinale gegen Argentinien bei der WM 2010 in Südafrika.IMAGO/Mark Leech

Es gab allerdings Zeiten, in denen Herthaner auch in der deutschen Nationalelf eine gute Rolle spielten. Hertha BSC hat bislang 28 Nationalspieler hervorgebracht, die auf insgesamt 224 Länderspiele kommen. Der letzte Blau-Weiße in diesem exklusiven Zirkel war Abwehrmann Niklas Stark. Der passte allerdings ins Kuriositätenkabinett, was uns Reporter einst beinahe sprachlos machte. Als Nationalspieler im „ewigen Wartestand“ wurde er tituliert, weil ihm nach vielen Berufungen durch Jogi Löw stets etwas passierte. Mal litt er an einer Schleimbeutelentzündung, einmal lief er im DFB-Hotel in der Nacht gegen die scharfe Kante eines Glastischs und verletzte sich am Schienbein, ein anderes Mal kam eine gebrochene Nase dazwischen. Am 19. November 2019 klappte es endlich mit dem Debüt beim 6:1 gegen Nordirland und im Oktober 2020 folgte ein Kurzauftritt beim 3:3 gegen die Türkei. Seitdem wurde kein Herthaner mehr berufen, denn in der Liga ging es für die Berliner meist gegen den Abstieg …

Von Arne Friedrich bis Niklas Stark: Die lange Geschichte der Hertha-Nationalspieler

Die Hoch-Zeiten von Hertha-Profis in der Nationalmannschaft liegen also weit zurück. Unter Bundestrainer Erich Ribbeck stand im April 2000 das Trio Marko Rehmer, Dariusz Wosz und Michael Preetz beim 1:1 gegen die Schweiz auf dem Platz. Und Anfang Juni 2000 kamen beim 3:2-Sieg gegen Tschechien Rehmer, Wosz und Sebastian Deisler zum Einsatz.

Ex-Herthaner Niklas Stark musste lange auf sein Debüt für Deutschland warten. Der Verteidiger war der bisher letzte Herthaner beim DFB.
Ex-Herthaner Niklas Stark musste lange auf sein Debüt für Deutschland warten. Der Verteidiger war der bisher letzte Herthaner beim DFB.Jan Huebner/Scheiber via www.imago-images.de

Zudem liefen danach für das DFB-Nationalteam als Herthaner auch Stefan Beinlich, Arne Friedrich, Fredi Bobic, Michael Hartmann, Malik Fathi, Marvin Plattenhardt und eben Niklas Stark bei Länderspielen auf.

Nagelsmanns Hoffnungsschimmer: Kann ein Hertha-Profi den Sprung schaffen?

Logisch, dass nach dem Abstieg von Hertha 2022/23 die Nationalelf für Berlins Spieler nur mit dem Fernrohr zu sehen ist. Als Zweitligaspieler liegen die Chancen, vom Bundestrainer angerufen zu werden, beinahe bei null. Dennoch sagte Julian Nagelsmann im Juli dieses Jahres: „Fabian Reese hat etwas Besonderes! Wir haben tatsächlich vor der EM auch über einen Zweitligastürmer diskutiert. Ich mache vor keiner Liga halt.“

Solche Aussagen sollten Hoffnungsträger der Hertha, die bislang in U-Mannschaften des DFB unterhalb der Nationalmannschaft zum Einsatz kamen, Ansporn sein. Nichts ist unmöglich. Bei Hertha gibt es ein Paradebeispiel, wie eine Karriere – vom recht unbekannten Zweitligaspieler über die 1. Liga bis zum gestandenen Nationalspieler - durchaus sensationell verlaufen kann. Ich meine Arne Friedrich. Der kam im Sommer 2002 als Zweiliga-Profi von Arminia Bielefeld zur Hertha und nahm eine rasante Entwicklung. Nach lediglich zwei Erstliga-Duellen zu Saisonbeginn in Dortmund und gegen Stuttgart holte ihn Rudi Völler zur Nationalmannschaft. Beim Testspiel in Sofia gegen Bulgarien (2:2) kam er am 21. August 2002 zu seinem Debüt in der A-Elf. Es wurden danach insgesamt überaus stattliche 82 Länderspiele, davon 79 als Hertha-Profi (Vereinsrekord) und drei für den VfL Wolfsburg! Am ehemaligen Hertha-Kapitän könnten sich gegenwärtig umworbene Profis wie Fabian Reese, Tjark Ernst oder auch Supertalent Kennet Eichhorn in Zukunft orientieren.