Erinnern Sie sich daran?

Toter Wal reiste durch die DDR: Goliath war der Star im Osten

Noch immer zittern viele mit Wal Timmy. Zu DDR-Zeiten ging man mit den Tieren anders um: Man schickte sie als Attraktion auf Reisen!

Author - Florian Thalmann
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Heute beschäftigt Wal Timmy die Massen, doch zu DDR-Zeiten reiste sogar ein toter Wal durch Ostdeutschland. Wir erinnern an das besondere Kapitel der DDR-Geschichte.
Heute beschäftigt Wal Timmy die Massen, doch zu DDR-Zeiten reiste sogar ein toter Wal durch Ostdeutschland. Wir erinnern an das besondere Kapitel der DDR-Geschichte.Susanne Hübner/imago, Archiv

Noch immer blickt ganz Deutschland nach Wismar: Tierfreunde im ganzen Land verfolgen das tragische Schicksal des gestrandeten Wals Timmy, der noch immer auf einer Sandbank liegt und dort vermutlich sterben wird. Was wird aus dem riesigen Tier, wenn es wirklich stirbt? Vor vielen Jahren hätte man darauf eine Antwort gehabt: Erinnern Sie sich noch daran, als die riesigen Meeressäuger zur Attraktion wurden – und jeder sie sich anschauen konnte?

Toter Wal reiste zum Anschauen durch die DDR

Was damals mit toten Walen gemacht wurde – aus heutiger Sicht ist es kaum vorstellbar. Und doch ist dies ein Stück deutscher Schaustellergeschichte: Mehrfach gingen auch zu DDR-Zeiten Schausteller mit verendeten Walen auf Reisen, stellten diese bei großen Wanderausstellungen aus.

Das wohl bekannteste Beispiel heißt Goliath: Der riesige Wal wurde in den 60er-Jahren in verschiedenen Städten im Osten Deutschlands gezeigt, machte laut Zeitzeugenberichten unter anderem in Görlitz und in Wittenberg Station. Erinnern auch Sie sich daran, Goliath gesehen zu haben? Dann schreiben Sie uns an wirvonhier@berlinerverlag.com.

Der Wal wurde laut einem Bericht der „Sächsischen Zeitung“ bereits im Jahr 1954 in der Nähe von Trondheim in Norwegen gefangen – und ging danach mit einem Schausteller auf Reisen.

In der sächsischen Stadt Görlitz wurde er etwa auf einem Tieflader ausgestellt, im Sommer 1965 direkt auf der Elisabethstraße – die Besucher konnten sich um das rund 68.000 Kilogramm schwere Tier bewegen und es sich von allen Seiten genau anschauen. Allerdings ist heute nicht mehr klar, wer das Tier damals ausstellte – und wer mit dem Wal durch den Osten Deutschlands reiste.

Als der Wal Goliath durch die DDR tourte, wurden Postkarten verkauft – sie erinnern noch heute an die wohl kurioseste Wanderausstellung im Osten.
Als der Wal Goliath durch die DDR tourte, wurden Postkarten verkauft – sie erinnern noch heute an die wohl kurioseste Wanderausstellung im Osten.Repro: Archiv

Augenzeugen berichten davon, dass um den Wal eine Art Zelt aufgebaut wurde – die Planen sollten das Tier vor der Sonne schützen. In einem kleinen Extra-Zelt seien außerdem innere Organe des Wals ausgestellt worde. Sie lagerten in großen Gläsern mit Formalin, einer farblosen Flüssigkeit, die auch in der Pathologie eingesetzt wird.

„Für mich als Zehnjährigen war das ein bisschen gruselig, denn diese Körperteile schwammen in großen Glasgefäßen in einer konservierenden Flüssigkeit“, sagte ein Einwohner von Görlitz.

In Wittenberg wurde der tote Wal auch ausgestellt

Auch Berichte aus Wittenberg finden sich, hier war der Wal ebenfalls 1965 ausgestellt, das Zelt direkt neben dem Lutherdenkmal aufgebaut. Auf Facebook berichten Nutzer davon, dass der Wal auch nach Reichenbach im Vogtland oder nach Greiz reiste, nach Magdeburg und nach Schkeuditz. Besonders der Geruch hat sich bei vielen anscheinend eingeprägt. Zwar sei das riesige Tier mit Konservierungsmittel vollgepumpt gewesen. „Streng gerochen hat es trotzdem“, heißt es auf einer Facebook-Seite aus dem Vogtland.

Eine Frau schreibt: „Kann ich mich noch gut daran erinnern, der Geruch war kein Parfüm, sondern sehr ranzig.“ Und ein Nutzer kommentiert: „War damals auch in Burgstädt ausgestellt und mich hat die Größe als Kind unwahrscheinlich beeindruckt.“

Noch immer liegt der Wal Timmy vor Timmendorfer Strand - dort wird das majestätische Tier vermutlich sterben.
Noch immer liegt der Wal Timmy vor Timmendorfer Strand - dort wird das majestätische Tier vermutlich sterben.Bodo Marks/dpa

Goliath war nicht der einzige tote Wal, der auf Reisen geschickt wurde: Laut einem Bericht der „Limmattaler Zeitung“ hatte der Westen einen eigenen. Im Sommer 1963 reiste ein Mann namens Kurt Breitmoser laut dem Bericht durch zahlreiche Städte, im Gepäck den Finnwal „Jonas“.

Zu dem Job kam er laut eigener Aussage, weil er als Chauffeur arbeitete, aber etwas mehr Freiheit suchte – deshalb meldete er sich auf eine Stellenanzeige. Gesucht wurde ein Fahrer für ein Schausteller-Unternehmen.

Der Westen hatte einen eigenen Wal: Jonas wurde auf einem Transporter durchs Land gekarrt und überall ausgestellt.
Der Westen hatte einen eigenen Wal: Jonas wurde auf einem Transporter durchs Land gekarrt und überall ausgestellt.Sydsvenskan/imago

Kältemaschine kühlte den Wal von innen

Also chauffierte er den toten Wal, der mit 7000 Litern Formalinlösung präpariert war. Ein Dutzend Mitarbeiter kümmerte sich um den Wal und den zugehörigen Fuhrpark. Besonders spektakulär: Durch eine Tür im Boden des Sattelschleppers konnten die Angestellten ins Innere des Tiers gelangen – dort lief dauerhaft eine Kältemaschine, die das tote Tier von innen kühlte. Der Tross fuhr damals unter anderem in Städte wie Heidelberg und Kassel. Auch ein dritter Wal soll etwa zur gleichen Zeit unterwegs gewesen sein – ein Tier namens Mrs. Haroy.

Erinnern Sie sich noch an die Wale, die vor Jahrzehnten durch Deutschland tourten? Schicken Sie uns Ihre Erinnerungen per Mail an wirvonhier@berlinerverlag.com. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften!