Ostsee

Rettung läuft! Meeresbiologe taucht zum Wal: „Er hat Angst“

Der Experte sieht nur geringe Überlebenschancen, doch das Tier reagiert noch, während Bagger verzweifelt eine Rettungsrinne graben.

Author - Tobias Esters
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Der gestrandete Buckelwal vor Niendorf liegt regungslos im flachen Wasser – Rettungskräfte hoffen noch auf eine Chance.
Der gestrandete Buckelwal vor Niendorf liegt regungslos im flachen Wasser – Rettungskräfte hoffen noch auf eine Chance.Susanne Hübner/imago

Vor der Ostsee-Küste von Niendorf (Schleswig-Holstein) kämpfen Einsatzkräfte weiter um das Leben eines gestrandeten Buckelwals. Ob es gelingt, das riesige Tier heute zurück ins tiefe Wasser zu bringen, ist ungewiss. Der Zustand ist des Buckelwals ist nach wie vor kritisch. 

Taucheinsatz vor Ort: Experte hat wenig Hoffnung

Am Donnerstagmorgen ist der Meeresbiologe und Tierschützer Robert Marc Lehmann persönlich zu dem Wal getaucht. Seine Einschätzung danach lässt wenig Raum für Optimismus.

Der Wal lebt – aber er ist geschwächt und verängstigt. „Er reagiert, er hat beide Augen auf, er vokalisiert, aber er ist verdammt unsicher und er hat Angst“, sagte Lehmann gegenüber dem NDR. Die Chancen auf Rettung schätzt der Experte als gering ein. Und doch gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer. „Es ist noch Leben drinnen, wenn ich ihn antippe, dann möchte er“, so Lehmann.

Währenddessen läuft vor Ort eine aufwendige Rettungsaktion. Mit schwerem Gerät versuchen Einsatzkräfte, dem Wal einen Weg ins tiefe Wasser zu graben. Ein schwimmender Schaufelbagger und ein weiterer Bagger an Land arbeiten sich durch die Sandbank.

Das Problem: Die Sandbank ist etwa 50 bis 60 Meter breit. Damit der Wal wieder schwimmen kann, müsste eine mehrere Meter tiefe Rinne entstehen. Nur dann hätte das Tier genug Wasser unter sich, um sich aus eigener Kraft zu befreien.

Meeresbiologe Robert Marc Lehmann vor Ort im Einsatz – er tauchte zum Wal und schätzt die Rettungschancen als gering ein.
Meeresbiologe Robert Marc Lehmann vor Ort im Einsatz – er tauchte zum Wal und schätzt die Rettungschancen als gering ein.Felix Koenig/54°/imago

Doch die Bedingungen sind schwierig. Bereits ein erster Rettungsversuch am Dienstag scheiterte. Ein Saugbagger sollte eine Schneise unter dem Wal schaffen – doch der Sand war zu fest, die Aktion musste abgebrochen werden.

Robert Marc Lehmann, Biologe, untersucht einen gestrandeten Wal in der Ostsee.
Robert Marc Lehmann, Biologe, untersucht einen gestrandeten Wal in der Ostsee.Daniel Bockwoldt/dpa

Hinzu kommt die enorme Größe des Tieres. Experten schätzen, dass der Buckelwal zwischen 12 und 15 Meter lang ist und rund 15 Tonnen wiegt. Ein solches Tier in flachem Wasser zu bewegen, ist extrem kompliziert.

Rätsel um Strandung: War der Wal bereits geschwächt?

Auch der Gesundheitszustand bereitet Sorgen. Die Haut des Wals ist durch den geringen Salzgehalt der Ostsee bereits stark angegriffen. Fachleute gehen davon aus, dass es sich um einen jungen Walbullen handelt, der möglicherweise nicht ganz gesund ist.

Mit schwerem Gerät: Ein Bagger versucht, eine Rinne durch die Sandbank zu graben, um dem Wal den Weg zurück ins Meer zu öffnen.
Mit schwerem Gerät: Ein Bagger versucht, eine Rinne durch die Sandbank zu graben, um dem Wal den Weg zurück ins Meer zu öffnen.Susanne Hübner/imago

Warum der Wal überhaupt auf der Sandbank gelandet ist, bleibt unklar. Möglich ist, dass er sich verirrt hat. Ebenso denkbar ist jedoch, dass das Tier geschwächt war und bewusst flaches Wasser aufgesucht hat. Experten berichten, dass Wale in solchen Situationen mitunter gezielt Orte aufsuchen, an denen sie zur Ruhe kommen – oder sterben.

Während die Rettung weiterläuft, sorgt ein anderes Problem für zusätzliche Spannung: Schaulustige. Immer wieder kommen Menschen nach Niendorf, um das Tier zu sehen – manche ignorieren sogar Absperrungen oder versuchen, sich mit Booten zu nähern.

Für die Einsatzkräfte ist das ein ernstes Problem. Denn jeder zusätzliche Stress schwächt den Wal weiter und kann seine ohnehin geringen Überlebenschancen noch weiter verschlechtern.

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