Viel ist heute bekannt über die verschiedenen Versuche von Menschen, aus der DDR in den Westen zu fliehen. Ob mit dem Zug, im Heißluftballon oder schwimmend durch das Meer: Immer wieder haben DDR-Bürger alles versucht, um dem Staat zu entkommen, im goldenen Westen ein neues Leben anzufangen. Aber: Haben sie gewusst, dass beinahe ein toter Wal zum Fluchthelfer geworden wäre? Wir verraten, was es mit dieser besonderen Geschichte auf sich hat – und wer Fluchthelfer Jonas war.
Timmy und Hartwin: Früher reisten tote Wale durchs Land
Erst hat der Buckelwal Timmy Hope ganz Deutschland beschäftigt, nun blicken Tierschützer gebannt auf Buckelwal Hartwin. Doch während heute alle hoffen, dass verirrte Wale ihren Weg zurück in den Atlantik finden, ging man vor vielen Jahren anders damit um: Der KURIER berichtete schon, dass tote Wale mit Konservierungsmittel vollgepumpt und als Attraktionen auf Reisen geschickt wurden – etwa der Wal „Goliath“, der 1954 zum ersten Mal öffentlich ausgestellt wurde. 1962 wurde der Wal in Ost-Berlin gezeigt, 1965 und 1966 kehrte er für eine Reise durch die DDR zurück.
Tote Wale konnten von den Besuchern damals besichtigt werden. Der Besuch von Goliath in der DDR hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt – wer damals dabei war, erinnert sich noch daran, den Wal gesehen zu haben. Manche schossen sogar Erinnerungsfotos im Maul des Tiers – und andere berichten vom besonderen Geruch, den das Tier vor allem im Sommer verströmte. Goliath ist auch nicht der einzige Wal, der auf Reisen ging: In westlichen Ländern war auch der Wal Jonas unterwegs.

Das Tier wurde im September 1952 harpuniert, konserviert, getauft und in Holland erstmals gezeigt. Danach reiste der Wal als mobile Ausstellung unter anderem nach Belgien, Österreich, Frankreich, England, Schottland, in die Schweiz, nach Tunesien, Libyen, Ägypten, Italien und Schweden. Die gesamte Geschichte hat Wal-Historiker Alfred Schmidt aus Emden gemeinsam mit seinen Kollegen erforscht und im regelmäßig erscheinenden Magazin „Fluke“ veröffentlicht.
Toter Wal Jonas sollte zum Fluchthelfer werden
Dabei stießen die Experten auch auf eine kleine Episode aus dem Leben von Wal Jonas. Er sollte im Jahr 1964 als Fluchthelfer herhalten! Im Rahmen der Forschungen stießen sie auf einen Mann aus den Niederlanden, der im Jahr 1964 drei Monate lang mit Wal Jonas unterwegs war. Er reiste mit dem Tier durch Deutschland, betreute die Ausstellungen. Nahe der Gedächtniskirche wohnte der Mann mehr als 20 Tage in einem Wohnwagen. Und berichtete den Wal-Forschern die unfassbare Geschichte.

Ein Mitarbeiter, der ebenfalls an der Wal-Ausstellung beteiligt war, habe damals einen Flucht-Plan gefasst. Er wollte gemeinsam mit anderen Leuten aus Berlin eine Familie aus dem Osten in den Westen schmuggeln. Dafür sollte der Wal scheinbar auch im Osten gezeigt werden – und dort sollten sich die Personen im Bauch von Jonas verstecken. Im Inneren des toten Wals wären sie nach Westberlin gereist – und hätten die DDR hinter sich lassen können. Doch der Plan platzte: Laut dem kurzen Bericht im Magazin „Fluke“ wurden gerade zu der Zeit die Grenzkontrollen verschärft.
Flucht im Wal aus der DDR hätte Geschichte geschrieben
Einige Tage zuvor waren außerdem Menschen beim Fluchtversuch an der Berliner Mauer erschossen worden. Während der Wal Jonas in Berlin ausgestellt war, ertranken außerdem zwei Männer in der Havel, als sie in den Westen fliehen wollten – und es wurden ein Mann und eine Frau beim Versuch, die Grenze zu überwinden, erschossen. „Angesichts dieser menschenverachtenden Vorkommnisse an der deutsch-deutschen Grenze war es mehr als verständlich, dass man den Fluchtversuch mit Jonas aufgegeben hat“, heißt es im Magazin „Fluke“.




