Unvergessenes Spektakel

Toter Wal in der DDR: Die irre Geschichte von Goliath – haben Sie ihn auch gesehen?

Ein toter Wal als Sensation: Goliath tourte mehrere Jahre durch die DDR und blieb vielen unvergessen. Die unglaubliche Geschichte dahinter.

Author - Florian Thalmann
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Der Wal Goliath wird mit drei Kränen auf einen Lkw verladen. Das Tier wog 42 Tonnen. Schon vor der Tour durch die DDR wurden aber Fleisch und Fett entfernt.
Der Wal Goliath wird mit drei Kränen auf einen Lkw verladen. Das Tier wog 42 Tonnen. Schon vor der Tour durch die DDR wurden aber Fleisch und Fett entfernt.Jean Rezzonico/zVg

Ganz Deutschland schaut in die Wismarer Bucht, wo der Buckelwal Timmy noch immer um sein Leben kämpft. Schon vor Wochen wurde spekuliert, was wohl aus Timmy wird, sollte er auf der Sandbank in der Bucht verenden. Klar ist: Auf keinen Fall wird ihn ein Schicksal wie in der DDR-Zeit ereilen. Damals ging ein toter Wal namens Goliath in der DDR auf Reisen, wurde als Attraktion ausgestellt. Viele erinnern sich noch heute daran, die Tier-Schau brannte sich ins kollektive Gedächtnis. Aber: Was steckte hinter der irren Geschichte vom toten Wal, der durch die DDR tingelte?

Toter Wal Goliath wurde in einem Zelt ausgestellt

Die Ausstellungen mit Wal Goliath – es gibt kaum jemanden, der sie sah und sich heute nicht daran erinnert. Das riesige Tier wurde gegen den Verfall präpariert, in den frühen 60er-Jahren auf einem großen Wagen durch die DDR transportiert – und in einem Zelt ausgestellt.

Noch heute werden im Netz Postkarten verkauft, die zeigen, wie sich Besucher um den Wal scharen. Sie alle wollten ein Tier sehen, das es auch heute nicht einmal im Tierpark gibt. Aber: Was steckte hinter der Wal-Schau?

Das Problem: Obwohl sich der Besuch von Goliath in der DDR ins kollektive Gedächtnis gebrannt hat, findet man heute nur wenige Informationen über diese besondere Attraktion. Vereinzelte Berichte mit Erinnerungen von Zeitzeugen sind alles, was sich entdecken lässt.

Nur die Fachleute wissen Bescheid: Alfred Schmidt aus Emden sammelt moderne und historische Unterlagen über den Walfang und Walstrandungen – und bringt zusammen mit anderen Wal-Historikern das Magazin Fluke heraus. Für eine Ausgabe erforschten sie die Geschichte solcher Wal-Schauen, auch die von Goliath in der DDR.

Goliath wurde am 16. Juni 1954 an Bord des Schiffes „Finnhval I“ harpuniert. Hier wird er auf einen Lkw verladen.
Goliath wurde am 16. Juni 1954 an Bord des Schiffes „Finnhval I“ harpuniert. Hier wird er auf einen Lkw verladen.Alfred Schmidt/Fluke/zVg

Alfred Schmidt gab dem KURIER Einblicke in die Forschungen. Das Team hat es geschafft, die Geschichte von Goliath zu recherchieren. Sie begann auf der Hestnes Hvalstasjon, einer Walfangstation in Norwegen. Die Station verkaufte im Jahr 1954 den Wal Goliath an ein Schaustellerkonsortium.

Goliath wurde am 16. Juni 1954 an Bord des Schiffes „Finnhval I“ harpuniert – durch den Kapitän Petter Breivik höchstpersönlich. Die Länge des toten Wals wurde mit 23 Metern angegeben, was sich später allerdings als Übertreibung erwies. In den Körper des Wals wurden 7000 Liter Formalin gepumpt. Anschließend wurde der Wal mit Champagner auf den Namen Goliath getauft.

Wal Goliath wurde im Juli 1954 erstmals ausgestellt

Goliath wurde erst nach Bergen gebracht, reiste später weiter nach Frankreich. Seine Weltpremiere feierte der Wal in Turin in Italien, hier wurde das Tier noch lange vor den Auftritten in der DDR am 20. Juli 1954 ausgestellt.

Täglich musste man laut den Forschern der Zeitschrift Fluke Formalin in den Körper spritzen, weil der Gestank unter der italienischen Sommerhitze höllisch gewesen sein muss. Während der Reise durch Italien mussten später sogar Fleisch und Fett aus dem Körper des 42 Tonnen schweren Wals entfernt werden, weil der Lastwagen das Gewicht nicht tragen konnte.

Wie groß der Andrang bei den Wal-Schauen war, zeigt dieses alte Foto: Hier warten etliche Menschen in Budapest, um das Tier bestaunen zu können.
Wie groß der Andrang bei den Wal-Schauen war, zeigt dieses alte Foto: Hier warten etliche Menschen in Budapest, um das Tier bestaunen zu können.Jean Rezzonico/zVg

In der DDR war Wal Goliath mehrfach zu Gast

Zahlreiche weitere Stationen folgten. Goliath war in Frankreich und später in Finnland zu sehen, bevor er im April 1959 nach Hamburg verschifft wurde. Es begann eine Reise durch Osteuropa, die bis 1967 andauern sollte. In der DDR war Goliath im Jahr 1962, damals gastierte der tote Wal allerdings nur in Ost-Berlin. Laut den Forschungen kehrte er in den Jahren 1965 und 1966 zurück, damals war er dann auch in vielen anderen Regionen in der DDR unterwegs.

In Osteuropa gab es auf der Reise viele Probleme

Die Forscher haben auch herausgefunden, dass es während der Reise im Osten zahlreiche Probleme gab. Strenge Grenzkontrollen und Werbebeschränkungen durch die staatliche Kontrolle der Medien machten es den Organisatoren schwer.  

„Die Truppe musste einmal Geld über die Grenze schmuggeln. Ein anderes Mal wurde der Wal gründlich durch die Grenzpolizei durchsucht, da man annahm, es könnte sich um ein Trojanisches Pferd handeln, in dessen Bauch sich CIA-Agenten versteckten“, heißt es im Beitrag des Magazins Fluke.

Solche Bilder waren damals der Hit: Eltern ließen gern ihre Kinder im Maul des Wals Goliath fotografieren.
Solche Bilder waren damals der Hit: Eltern ließen gern ihre Kinder im Maul des Wals Goliath fotografieren.Alfred Schmidt/Fluke/zVg

Unvorstellbar: Als Goliath durch die DDR tourte, war das Tier bereits seit mehr als zehn Jahren tot. Und seine Reise endete hier noch lange nicht. Er kam nach Griechenland, zum zweiten Mal für eine drei Jahre lange Tour nach Italien.

Hier diente der tote Wal sogar einem guten Zweck: Jeder, der an einer neben der Ausstellung aufgebauten Einrichtung des Roten Kreuzes Blut spendete, bekam vier Freikarten für die Schau. Die Tour zog sich danach noch bis in die 90er-Jahre – mehrere Male wurde Goliath verkauft, bis er mutmaßlich in Spanien auf einem Stück Brachland gelagert wurde und dadurch nach und nach zerfiel.

Solche Postkarten wurden damals verkauft – und erinnern noch heute an den Wal Goliath, der auch durch die DDR reiste.
Solche Postkarten wurden damals verkauft – und erinnern noch heute an den Wal Goliath, der auch durch die DDR reiste.zVg

Wal Goliath hinterließ in der DDR bleibenden Eindruck

Bei der Tour durch den Osten hinterließ Goliath aber nach den Forschungen der Experten vom Magazin Fluke einen bleibenden Eindruck. „Fast überall, wo der konservierte Wal hinkam, wurde es ein Erfolg“, heißt es in dem Bericht. Man kann es an den Erinnerungen der Menschen an die damalige Zeit ablesen. „Für mich als Zehnjährigen war das ein bisschen gruselig, denn diese Körperteile schwammen in großen Glasgefäßen in einer konservierenden Flüssigkeit“, sagte ein Zeitzeuge aus Görlitz, wo der tote Wal Goliath 1965 ausgestellt war.

Auf Facebook berichteten Nutzer unter entsprechenden Posts unter anderem auch von Auftritten von Goliath in Reichenbach im Vogtland, in Magdeburg, in Schkeuditz. „Kann ich mich noch gut daran erinnern, der Geruch war kein Parfüm, sondern sehr ranzig.“

Ein Nutzer kommentiert: „War damals auch in Burgstädt ausgestellt und mich hat die Größe als Kind unwahrscheinlich beeindruckt.“ Es zeigt, wie viele Menschen die Erinnerung an die besondere Schau teilen. Klar ist aber auch: Tierschützer dürften glücklich sein, dass diese Zeiten vorbei sind – und dass den Wal Timmy in der Wismarer Bucht auch im Fall seines Todes kein solches Schicksal ereilen wird.

Haben Sie den Wal Goliath auf seiner Tour durch die DDR auch gesehen? Schicken Sie uns Ihre Erinnerungen per Mail an wirvonhier@berlinerverlag.com. Wir freuen uns über Ihre Zuschriften!