Schreckliche Tragödie

Todesrätsel der DDR: Das dunkle Geheimnis der „Heimatland“

Beim Schiffsunglück der „Heimatland“ starben 1951 zahlreiche Kinder. Doch bis heute ist nicht ganz geklärt, wie viele Opfer es wirklich gab.

Author - Florian Thalmann
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Noch heute erinnert ein Gedenkstein am Treptower Hafen an das Unglück. Die Schwarz-Weiß-Fotos zeigen die Trauerfeier auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde und eine verletzte Pionierleiterin in einem DDR-Krankenhaus.
Noch heute erinnert ein Gedenkstein am Treptower Hafen an das Unglück. Die Schwarz-Weiß-Fotos zeigen die Trauerfeier auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde und eine verletzte Pionierleiterin in einem DDR-Krankenhaus.Lotse/Wikipedia, Bundessarchiv/Wikipedia, Montage: BK

75 Jahre ist es her, dass sich das schlimmste Unglück der Binnenschifffahrt in der DDR ereignete: Am 5. Juli 1951 explodierte der Motor einer Fähre auf der Spree, das Schiff brannte aus. Auf dem Kahn waren 127 Kinder und ihre Betreuer auf dem Weg in die Ferienspiele. Eine unfassbare Tragödie, die bis heute nicht vollständig aufgeklärt ist. Denn unklar ist, wie viele der Kinder bei dem Unglück tatsächlich ums Leben kamen. In der DDR war offiziell von 28 Todesopfern die Rede. Doch die wahre Zahl könnte weitaus höher liegen. Das Schiffsunglück bleibt eines der großen Todesgeheimnisse der DDR.

Am Morgen explodierte der Motor der „Heimatland“

Es war eine Tragödie, die etliche Familien in Berlin ins Unglück stürzte – und über die es bis heute widersprüchliche Angaben gibt. Anfang Juli vor inzwischen 75 Jahren brannte ein Fahrgastschiff namens „Heimatland“ auf der Spree nach der Explosion des Motors aus – ein Unglück, das etliche Todesopfer forderte.

127 Kinder und ihre Betreuer stiegen am Morgen des 5. Juli 1951 auf die „Heimatland“, Ziel war ein Ausflug von Alt-Treptow nach Hessenwinkel im Rahmen der Ferienspiele der DDR.

Was genau an jenem Morgen auf dem Schiff passierte, geht aus dem gegen den Kapitän verhängten Urteil und Zeitzeugenberichten hervor. Gegen 9.45 Uhr legt die „Heimatland“ im Treptower Hafen ab, doch das Boot kommt nicht auf Touren, der Motor stottert.

Neugierig fragen Kinder, ob das Schiff bald schneller fährt. Erich Weise will nachschauen gehen, nimmt den Gang heraus – da kommt es zur Explosion. Sofort steht die „Heimatland“ in Flammen. Alle Kinder, die zu dem Zeitpunkt im Unterdeck des Schiffes sitzen, sterben bei der Tragödie im Feuer.

Eine verletzte Pionierleiterin im Krankenhaus Friedrichshain. Wie viele Menschen bei dem Schiffsunglück in der DDR ums Leben kamen, ist nicht ganz klar.
Eine verletzte Pionierleiterin im Krankenhaus Friedrichshain. Wie viele Menschen bei dem Schiffsunglück in der DDR ums Leben kamen, ist nicht ganz klar.Bundesarchiv/Wikipedia

Auf dem Schiff bricht Panik aus. Eine Zeitzeugin erinnerte sich Jahrzehnte danach im Interview mit der Berliner Zeitung (erscheint, wie der KURIER, im Berliner Verlag) an die Momente nach dem Ausbruch des Feuers. Sie habe am Rand des Schiffes gestanden, bis sie die Flammen im Nacken spürte, sei dann ins Wasser gesprungen.

Sie ging unter, weil sie nicht schwimmen konnte – wie viele andere Kinder auch. Erst auf einem anderen Boot kam sie danach wieder zu sich. Ihr kleiner Bruder Klaus, der ebenfalls mit auf dem Schiff war, überlebte das Unglück nicht.

Kapitän des DDR-Schiffes bekam 15 Jahre Haft

Die Untersuchung ergab später, dass Kapitän Erich Weise den Dieselmotor des Schiffes gegen einen alten Benzinmotor ausgetauscht hatte – mutmaßlich ohne Genehmigung der Behörden. Er wurde noch am 2. August des gleichen Jahres zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Ein Autoschlosser, der den Motor auf Weises Bitte hin ausgetauscht hatte, bekam eine Haftstrafe von fünf Jahren. Nach dem Umbau sei das Schiff den behördlichen Kontrollstellen nicht vorgeführt worden.

Noch heute erinnert ein Gedenkstein im Treptower Hafen an die furchtbare Tragödie von 1951. Zahlreiche Kinder kamen ums Leben, als die Fähre Heimatland ausbrannte.
Noch heute erinnert ein Gedenkstein im Treptower Hafen an die furchtbare Tragödie von 1951. Zahlreiche Kinder kamen ums Leben, als die Fähre Heimatland ausbrannte.Lotse/Wikipedia

Ob das stimmt: Unklar. Die Dokumentarfilmer Karin und Till Ludwig stießen auf eine andere Geschichte. Sie fanden heraus, dass die Deutschen Schiffs- und Umschlagsbetriebszentrale (DSU) den Umbau gebilligt hatte. Zwar gab es nach dem Einbau des neuen Motors demnach keine Abnahme mehr. Aber: Der Kapitän habe den Fahrbefehl erhalten – und sei schon vorher von Vertretern der Behörde unter Druck gesetzt worden, weil das Schiff für die Ferienspiele gebraucht wurde.

DDR-Tragödie wurde im Kalten Krieg ausgeschlachtet

Besonders bitter an der Tragödie: Weil der Kalte Krieg in vollem Gange war, wurde das Unglück ausgeschlachtet. Während es der DDR-Regierung natürlich nicht in den Kram passte und man versuchte, die Ereignisse nicht zu groß werden zu lassen, berichtete der Westen anders darüber. Die Unterschiede zeigen sich schon in der Anzahl der toten: 28 Kinder zwischen 6 und 12 Jahren und zwei Betreuerinnen – es handelte sich um zwei Mütter – kamen laut offiziellen Angaben der DDR ums Leben, im Westen war laut Schätzungen von bis zu 49 Toten die Rede.

Wie viele es genau waren, ist bis heute nicht ganz geklärt. In einem Gemeinschaftsgrab auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde werden auf Gedenktafeln zwar 30 Opfer genannt. Allerdings hat ein Experte zwischendurch angemerkt, dass vermutlich nicht alle Opfer wirklich in Friedrichsfelde beigesetzt wurden.

Auch die Rettungsmaßnahmen wurden sehr unterschiedlich beleuchtet. So schilderten Zeitzeugen, die Volkspolizei habe nur halbherzig dabei geholfen, die Kinder aus dem Wasser zu retten. In einem Bericht des Tagesspiegel hieß es damals, Rettungsboote seien erst nach einer halben Stunde gekommen und hätten sich nicht um die Opfer gekümmert, die im Wasser trieben. Zudem sei verhindert worden, dass sich Boote aus dem Westen nähern.

Verletzte wurden in West-Krankenhäusern abgelehnt

In der Berliner Zeitung wurde damals geschrieben, dass Rettungswagen Umwege fahren mussten, weil sie den amerikanischen Sektor nicht durchfahren durften – und dass Verletzte in westlichen Krankenhäusern abgelehnt wurden, weil sie nicht im Westen versichert waren. Noch heute erinnert ein Gedenkstein an der Uferpromenade des Treptower Hafens an das Unglück. Was genau an jenem Tag auf der Spree passierte: Vieles von der Geschichte der „Heimatland“ wird wohl für immer ein großes Geheimnis bleiben.