Als im Silicon Valley der Informatiker Jon Postel das Domain Name System (DNS) erfand, summten in Jena, Dresden und Ost‑Berlin die Robotron‑Rechner – die Arbeitstiere der sozialistischen Digitalisierung.
Aufbruchstimmung in der DDR an Unis und Akademien
Auch die DDR wollte ins Internet. An Unis und Akademien herrschte Aufbruchsstimmung. In Jena experimentierte Professor Scheffel mit modernen TCP/IP-Implementierungen. An der Humboldt‑Uni tüftelten Forscher an E‑Mail-Systemen auf X.25. Und die Akademie der Wissenschaften betrieb Rechenzentren auf internationalem Niveau. Zumindest auf dem Papier.
Internet schwer mit strenger Informationskontrolle vereinbar
Der Plan war logisch. Die Internationale Organisation für Normung, kurz Iso, hatte 1974 das Länder‑Kürzel DD vergeben. Daraus hätte wie bei .de die Top‑Level‑Domain .dd werden sollen. Doch die Praxis hakte.
Eine Landes‑Domain bedeutete Mitgliedschaft in der globalen Netzwelt, mit freiem Informationsfluss und dezentralen Strukturen. Schwer vereinbar mit strenger Informationskontrolle. Der Leipziger Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Kleinwächter erinnert sich an Postels Verfahren: „Wir haben überlegt, wie man den ‚Vertrauenshandschlag‘ bekommen könnte“, berichtet Kleinwächter in der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung.

Kalter Krieg sperrt Technologie aus
Tatsächlich entschied Postel in den 1980ern persönlich, wem er nach einem technischen Kompetenz‑Nachweis den virtuellen Handschlag gab. In der DDR fehlte dafür die offizielle Ansprechperson. Wissenschaftler wussten Bescheid, hatten aber keine Vollmacht.
Gleichzeitig bremste der Kalte Krieg: Das CoCom‑Embargo schnürte Ost‑West‑Kooperationen ab, sperrte Hochtechnologie hinter Listen und Kontrollen. Ergebnis: Kein Handshake, keine Domain – .dd wurde nie ins DNS eingetragen.
Schein-Adresse .dd tauchte in Mails auf
Trotzdem lebte .dd als Schein‑Adresse in abgeschotteten Netzen. In Jena und Dresden tauchten Mails wie „rz.uni-jena.dd“ auf. Der Netzpionier Lutz Donnerhacke erinnert sich: „Für einen beginnenden Studenten mit einer uni-jena.dd-Adresse erschien vieles anders, als es später recherchierbar ist.“
Man nutzte X.25 – langsam, aber robust, mit Fehlerkorrektur. IP blieb die Ausnahme. „RFC-Netze waren in der DDR nicht opportun“, erklärt Donnerhacke. „Bis auf Jena und Dresden haben alle brav X.25 gemacht. Kein Bedarf für .dd.“

Standleitung zwischen Humboldt-Uni und FU Berlin
Die einzige Datenverbindung zwischen Ost und West war eine Standleitung zwischen Humboldt-Universität und FU Berlin – eine digitale Nabelschnur zur Außenwelt.
Pionier Heiko Schlichting stellt klar: „Fakt ist, dass die Top-Level-Domain .dd nie in den Root Name Servern eingetragen war.“ Über Umwege entstanden individuelle Verbindungen gen Westen – „boerde.de“ und „thur.de“ wurden Teil des Individual‑Network.
Fakt ist, dass die Top-Level-Domain .dd nie in den Root Name Servern eingetragen war.
.dd tauchte 2011 als Stadt-Domain wieder auf
Dann kam der 3. Oktober 1990. Mit der Wiedervereinigung verschwand die theoretische .dd‑Chance, die ISO strich DD.
Ironischerweise tauchte .dd 2011 noch einmal auf. Dresden liebäugelte mit .dd als Stadt‑Domain. Doch neue Regeln forderten mindestens drei Zeichen – plus 185.000 US‑Dollar Bewerbungsgebühr. Heike Großmann, Sprecherin der Stadt, sagt: „Die Stadt hat geschaut, ob es Investoren gibt. Es gab aber keine Rückmeldung.“ Ende der Idee.
Ost-Städten fehlt eigene Internet-Domain
Heute wirkt .dd wie ein Spiegel der Wendezeit: kreative Ingenieurskunst unter harten Bedingungen. Während .hamburg, .koeln, .nrw oder .ruhr online glänzen, fehlt Ost‑Städten bis heute eine eigene Domain.
Kleinwächter setzt deshalb auf ein „mitteldeutsches Paket“ für die nächste ICANN‑Runde – Leipzig, Dresden, vielleicht Halle und Erfurt. Eine späte digitale Emanzipation.




