Vor Polen gesunken

"Georg Büchner": Der unerklärte Untergang eines legendären DDR-Schiffs

Unzureichende Unterlagen, ein fragwürdiger Verkauf und unerklärte technische Mängel werfen Schatten auf den Schicksalsweg des legendären Schiffs.

Author - Sebastian Krause
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Das Schiff „Georg Büchner“ sinkt am 28. Mai 2013. Doch der Fall ist bis heute nicht umfassend aufgeklärt.
Das Schiff „Georg Büchner“ sinkt am 28. Mai 2013. Doch der Fall ist bis heute nicht umfassend aufgeklärt.imago/imagebroker

Der Untergang der „Georg Büchner“ ist bis heute nicht abschließend geklärt. Das macht den Fall fast 13 Jahre später noch immer so brisant. Am 28. Mai 2013 verließ das frühere Fracht-, Ausbildungs- und Hotelschiff den Rostocker Stadthafen. Nur zwei Tage später sank es vor der polnischen Küste in der Ostsee.

Viele Fragen zur „Georg Büchner“ noch offen

Offen blieben seitdem nicht nur die Ursache des Untergangs, sondern auch Fragen zum Verkauf, zum Eigentum, zu Unterlagen und zur Versicherung, wie der „Nordkurier“ schreibt.

1967 übernimmt die VEB Deutsche Seereederei Rostock

Dabei war die Geschichte des Schiffs lang und wechselvoll: Gebaut wurde es 1950 in Hoboken bei Antwerpen als „Charlesville“. Ab 1951 fuhr es für die Compagnie Maritime Belge im Liniendienst zwischen Belgien, dem Belgisch-Kongo und Angola.

Ein Blick ins Innere der „Georg Büchner“ bei einer Offiziersmesse.
Ein Blick ins Innere der „Georg Büchner“ bei einer Offiziersmesse.imago/Jens Koehler

1967 übernahm der VEB Deutsche Seereederei Rostock das kombinierte Fracht- und Passagierschiff. Nach Umbauten wurde es im September 1967 als „Georg Büchner“ in Dienst gestellt und unter anderem auf Linien nach Kuba und Mexiko eingesetzt. 1977 endete die aktive Laufzeit. Das Schiff wurde in Stettin zum stationären Schulschiff umgebaut und im selben Jahr nach Rostock-Schmarl verlegt, wo es der Ausbildung von Seeleuten diente.

Hansestadt Rostock kauft Schiff für eine D-Mark

Nach der Wiedervereinigung ging die „Georg Büchner“ 1991 für den symbolischen Preis von einer D-Mark an die Hansestadt Rostock. Später wurde das Schiff weiter für Ausbildung und Fortbildung genutzt. 2003 kam es in den Stadthafen.

Ein Förderverein übernahm es, baute es zum Hotelschiff um und betrieb es bis Ende 2012 als schwimmende Jugendherberge. Dann geriet der Verein in finanzielle Schwierigkeiten. Für Erhalt und Sanierung wurden rund fünf Millionen Euro veranschlagt. Die Stadt Rostock verzichtete auf ihr Vorkaufsrecht. Im Raum standen damals 750.000 Euro für einen Erwerb sowie Folgekosten von etwa 25.000 Euro pro Monat.

„Georg Büchner“ steht seit 2004 in der Denkmalliste

Im Dezember 2012 wurde ein Kaufvertrag mit der auf den Seychellen ansässigen Argent Venture Limited bekannt. Das Schiff sollte zu diesem Zeitpunkt für 900.000 Euro verkauft werden.

Besonders heikel: Die „Georg Büchner“ stand seit 2004 in der Denkmalliste des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Das Rostocker Amt für Denkmalschutz war zunächst nicht über den Verkauf informiert. Später wurde der erste Kaufvertrag im Zuge des Insolvenzverfahrens für ungültig erklärt.

Belgien will das frühere „Kongoschiff“ erhalten

Parallel gab es Bemühungen aus Belgien, das frühere „Kongoschiff“ zu erhalten. Diese scheiterten an Finanzierung, Fristen und fehlenden Sicherheiten. Am 14. Mai 2013 wurde der Denkmalschutzstatus aufgehoben. Zwei Wochen später begann die letzte Reise.

So sah der Maschinenraum der „Georg Büchner“ aus.
So sah der Maschinenraum der „Georg Büchner“ aus.imago/Jens Koehler

Am Vormittag des 28. Mai lief der polnische Schlepper „Ajaks“ mit der „Georg Büchner“ im Schlepptau aus Rostock aus. Beim Manöver aus dem Hafen half zusätzlich ein Rostocker Schlepper, weil die „Ajaks“ als wenig wendig galt. Schon beim Auslaufen war eine leichte Schlagseite nach Steuerbord zu erkennen.

Schiff „Georg Büchner“ geht am 30. Mai 2013 unter

Vor der Fahrt wurde das Schiff von Sachverständigen zwar als seetüchtig für die Überführung eingestuft. Bekannt waren allerdings mehrere Schwachstellen, darunter mögliche Korrosion an Leitungen, durchgerostete Nieten und Bullaugen in Höhe der Wasserlinie, die erst in späteren Nutzungsphasen in den Rumpf eingebracht worden waren.

Am 30. Mai 2013 meldete der Kapitän der „Ajaks“ am Abend dem Verkehrsdienst in der Danziger Bucht, dass die geschleppte „Georg Büchner“ starke Schlagseite habe und zu sinken beginne. Das Krängen soll bereits am Morgen eingesetzt haben. Wenig später wurden die Schleppleinen gekappt. Gegen 20.25 Uhr sank das Schiff nördlich der Halbinsel Hel. Das Wrack liegt in rund 37 Metern Tiefe.

Polnische Seekammer sieht kein Fehlverhalten

Für zusätzliche Spekulationen sorgte der per AIS aufgezeichnete Kurs des Schleppers. Die Daten zeigten im Bereich der Havarie Kursänderungen, die früh Fragen aufwarfen. Später wurde auch diskutiert, warum das sinkende Schiff nicht Richtung Küste gebracht wurde.

Die polnische Seekammer sah jedoch kein Fehlverhalten der Schlepperbesatzung. Eine eindeutige technische Erklärung für den Untergang gibt es bis heute nicht. In polnischen Unterlagen wurden ein Leck in der Rumpfbeplankung oder ein unzureichender Schutz von Bullaugen und Seitenventilen als wahrscheinliche Ursachen genannt. Sicher war demnach nur, dass das Schiff durch Wassereinbruch Auftrieb verlor.

Schiff seit 1998 nicht im deutschen Schiffsregister

Hinzu kam eine juristische Besonderheit, die den Fall noch komplizierter machte: Die „Georg Büchner“ war seit 1998 in keinem deutschen Schiffsregister mehr eingetragen, besaß kein Schiffszertifikat und wurde in Rostock zuletzt als Landeinrichtung behandelt. Genau das war ein Grund dafür, dass die polnische Untersuchungskommission den Fall schon im Sommer 2013 nicht als klassischen Seeunfall im Sinne internationaler Vorschriften einstufte und ihre Untersuchung einstellte.

1991 kaufte Rostock das Schiff für den symbolischen Preis von einer D-Mark. Bis Dezember 2012 diente es als Hotelschiff.
1991 kaufte Rostock das Schiff für den symbolischen Preis von einer D-Mark. Bis Dezember 2012 diente es als Hotelschiff.imago/Jens Koehler

Auch wirtschaftlich und rechtlich blieb vieles im Nebel. Es kursierten damals verschiedene Angaben über eine hohe Versicherungssumme, darunter die vielfach genannte Zahl von vier Millionen Euro. Offiziell wurde dieser Betrag zurückgewiesen.

Eigentümerfrage ist lange Zeit ungeklärt

Auch die Eigentümerfrage war zeitweise unklar. Polnische Stellen bemängelten unvollständige Unterlagen und Hinweise auf mehrere Eigner.

Fest stand nur: Mit dem Ablegen in Rostock galt das Schiff nach den Vertragsbedingungen als verkauft. Das Geld war auf einem Anderkonto bei einem Notar hinterlegt. Später hieß es, der Kaufpreis habe unter den zunächst genannten 900.000 Euro gelegen.

Bergung könnte rund 25 Millionen Euro kosten

Nach dem Untergang wurde das Gebiet über dem Wrack für Schifffahrt und Taucher gesperrt. Eine Bergung stand zwar im Raum, die Kosten wurden aber schon früh auf rund 25 Millionen Euro geschätzt. Bis heute ist sie nicht erfolgt. Das Wrack liegt weiter vor der polnischen Küste auf dem Grund der Ostsee.

Welche Erinnerungen haben sie an das Schiff „Georg Büchner“? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com