Urlauberschiff wird verschrottet

Essen in der DDR: So schlemmte man auf der MS Völkerfreundschaft

1960 kaufte die DDR die MS Völkerfreundschaft, stellte sie dem FDGB-Feriendienst zur Verfügung. Hier wurde geschippert – und geschlemmt!

Author - Florian Thalmann
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Das DDR-Urlauberschiff MS Völkerfreundschaft unterstand dem FDGB-Feriendienst. Auf dem Kreuzfahrtschiff der DDR konnte auch geschlemmt werden - alte Speisekarten sind noch erhalten.
Das DDR-Urlauberschiff MS Völkerfreundschaft unterstand dem FDGB-Feriendienst. Auf dem Kreuzfahrtschiff der DDR konnte auch geschlemmt werden - alte Speisekarten sind noch erhalten.Ulrich Hässler/imago

Sie war DAS Kreuzfahrtschiff der DDR, doch ihr Schicksal ist schon lange besiegelt: Erst vor Tagen berichtete auch der KURIER, dass die „MS Völkerfreundschaft“, einst der Urlaubs-Stolz der DDR, im Hafen von Gent verschrottet wird. Das Schiff war zuletzt unter dem Namen Astoria unterwegs, wurde von einem Recyclingunternehmen gekauft. Wer Urlaub auf der Völkerfreundschaft machen durfte, erinnert sich sicher noch heute an das Schiff. Aber: Wissen Sie noch, was es dort zu essen gab? Wir haben in alten Speisekarten geblättert.

Essen auf der „MS Völkerfreundschaft“: Das gab es damals

Bei dem Schiff handelt es sich um ein Schiff mit Geschichte: Kein Kreuzfahrtschiff der Welt war länger im Dienst. Unter verschiedenen Namen schipperte es über die Weltmeere – zuerst als „Stockholm“, zu DDR-Zeiten als „Völkerfreundschaft“, betrieben vom FDGB. Die DDR hatte das Schiff im Januar 1960 gekauft und stellte es dem Feriendienst zur Verfügung. Knapp 600 Passagiere konnten hier Urlaub machen, eine zwei Wochen lange Kreuzfahrt kostete damals 250 Mark.

Im Jahr 1985 wurde die Völkerfreundschaft wieder verkauft, ging an die Reederei Neptunus Rex Enterprise. Bis dahin konnten hier nicht nur DDR-Bürger, die das Glück hatten, den Urlaub zu genießen, sondern auch Gäste aus dem Westen – so schaffte die DDR noch Devisen ran.

Woher auch immer die Gäste kamen: Sie genossen bei der Reise auf dem Schiff auch köstliches Essen aus der Bordküche. Aber: Was kam hier auf den Tisch? Einige alte Speisekarten gibt es noch heute – sie werden im Internet gehandelt oder schlummern im Depot des DDR Museum in Berlin. Machen wir eine kleine Zeitreise in die kulinarische Welt der „MS Völkerfreundschaft“!

Im Hafen von Gent hat das Recyclingunternehmen Gallo mit der Verschrottung der MS Völkerfreundschaft begonnen.
Im Hafen von Gent hat das Recyclingunternehmen Gallo mit der Verschrottung der MS Völkerfreundschaft begonnen.Markus Lenhardt/dpa

Wer auf der Völkerfreundschaft reiste, bekam volle Verpflegung – so finden sich auch auf den Speisekarten vieler Tage die vollständigen Pläne für den ganzen Tag wieder. Beispiel 14. Mai 1975: Hier gab es zum Frühstück Rühreier mit Speck, gekochte Eier, Butter, Konfitüre und Brötchen. „Auf Wunsch servieren wir auch Milchsuppe und Pumpernickel“, heißt es im Angebot. Dazu wurde Bohnenkaffee, Malzkaffee, Kakao, Milch und Tee gereicht.

Das gab es 1975 auf der „MS Völkerfreundschaft“

Das Mittagessen hielt an jenem Tag Karlsbader Schnitte bereit, außerdem gab es als Süppchen Geflügelcremesuppe und Tomatisierte Kraftbrühe mit Sago. Wer auf ärztliche Anordnung Schonkost brauchte, wurde auch versorgt: Brühnudeln mit Rindfleisch standen für jene Gäste auf der Karte. Beim Hauptgericht konnten die Gäste, die normal aßen, wählen: Es gab am 14. Mai 1975 auf der „MS Völkerfreundschaft“ Fischgerichte und Fleischgerichte mit Beilagen.

Gebratene Rotzunge mit Zitronenbutter, Salzkartoffeln und Salat

Ungarisches Borju mit Semmelknödel und Salatbeilage

Paprikasteak mit Butterreis und Salatbeilage

Ein typischer Tag im Restanraut der MS Völkerfreundschaft: Zwischen diesen Gerichten konnten sich die Passagiere entscheiden.
Ein typischer Tag im Restanraut der MS Völkerfreundschaft: Zwischen diesen Gerichten konnten sich die Passagiere entscheiden.Illustration: Berliner KURIER

Das Abendessen fiel dann wieder etwas schlichter aus: Auf die Tische kamen gemischte Wurstplatte, Steppenkäse, Spaghettisalat, Salzgurke, Obst, Butter und Brot, Tee und – auf Wunsch – Schmalz, Knäckebrot und Pumpernickel. Besonders spannend: Für die bessere Organisation konnten die Gäste ihr Essen für den kommenden Tag schon wählen. Am 15. Mai 1975 standen dann die folgenden Gerichte auf der Karte.

Spiegeleier mit Salami, Spinat und Salzkartoffeln

Kasselerbraten mit Rosenkohl und Salzkartoffeln

Gebratene Leber mit Röstzwiebeln, Kartoffelpüree und Salat

Gedünstetes Leberragout mit Püree und Möhrensalat (Schonkost)


Schauen wir uns noch einen anderen Monat an: Auch aus dem August 1975 ist eine Speisekarte erhalten. Genauer gesagt vom 14. August 1975. Am Frühstück hat sich nicht viel geändert – neben Butter, Konfitüre und Brötchen stand Bierschinken, Edamer Käse und auf Wunsch gekochtes Ei auf dem Tisch. Auch Milchsuppe und Pumpernickel wurde angeboten.

Schweinebraten auf der „MS Völkerfreundschaft“

Mittags gab es dann Kraftbrühe mit Backerbsen und Ochsenschwanzsuppe. Bei den Hauptgerichten hatten die Gäste der „MS Völkerfreundschaft“ am 14. August 1975  die Qual der Wahl zwischen folgenden Gerichten.

Serbisches Reisfleisch mit Tomatensoße und Salatbeilage

Schweinebraten mit Kohlrabigemüse und Salzkartoffeln

Fleischklößchen in Kapernsoße, Kartoffelpüree und Salatbeilage

Nudelauflauf mit Tomatensoße und Kopfsalat (Schonkost)


Abends gab es dann neben der gemischten Wurstplatte, Käse und Tomate mit Zwiebeln auch hausgemachte Sülze mit Remouladensoße. Außerdem natürlich Butter und Brot, Tee, Schmalz, Knäckebrot und Pumpernickel.

Der ehemalige Speisesaal der MS Völkerfreundschaft, die später unter dem Namen Astoria auf dem Meer unterwegs war.
Der ehemalige Speisesaal der MS Völkerfreundschaft, die später unter dem Namen Astoria auf dem Meer unterwegs war.Markus Lenhardt/dpa

Auch die Wahl für den kommenden Tag stand beim Essen auf der „MS Völkerfreundschaft“ an. Am 5. August 1975 stand dann ein reiches Angebot aus Fisch und Fleisch auf der Karte:

Rotzunge „Müllerin“ mit Dillkartoffeln und Salatbeilage

Rindersauerbraten mit Rotkohl und Klößen

Irischer Weißkohleintopf mit Hammelfleisch

Gedünstetes Steak mit Möhrengemüse und Salzkartoffeln (Schonkost)


Ein spannender Einblick in die kulinarische Welt der „MS Völkerfreundschaft“, der mit den Tageskarten aber nicht endet. Denn im DDR Museum Berlin ist etwa eine Getränkekarte erhalten, die einen Einleger mit kleinen Gerichten beinhaltet – sie konnten den ganzen Tag über bestellt werden, wurden extra bezahlt und ermöglichten allen, den Hunger zu stillen.

Auf dem DDR-Schiff gab es Schildkrötensuppe und Kaviar

Auch hier zeigt sich ein spannender Blick auf die damalige Zeit, denn an erster Stelle der Karte steht die Schildkrötensuppe, ein zu DDR-Zeiten beliebtes Gericht, das heute aber nicht mehr zeitgemäß ist. Die Suppe kostete 1,80 Mark. Außerdem konnten sich die Gäste Käseplatte mit Butter und Brot (1,90 Mark), Strammer Max (1,55 Mark), Ragout Fin mit Toast (2,95 Mark) und das schwedische Bauernfrühstück „Pytt i Panna“ (2,75 Mark) bestellen.

Außedem gab es – ganz edel – gebackene Weinbergschnecken (3,10 Mark), Schaschlik „grusinisch“ mit Brot (2,55 Mark), Filetsteak mit Spargel auf Toast (5,60 Mark) und 140 Gramm Kaviar auf Eis mit Zwiebeln, Zitrone und Toast für 8,50 Mark. Für alle, die es sich auf der „MS Völkerfreundschaft“ mal so richtig gut gehen lassen wollten.

Haben auch Sie mal Urlaub auf der „MS Völkerfreundschaft“ gemacht? Schicken Sie uns Ihre Erinnerungen per Mail an wirvonhier@berlinerverlag.com. Wir freuen uns über Ihre Zuschriften!