Es war eines der gewaltigsten Prestigeprojekte der DDR: In den 1980er Jahren ließ die Mathias-Thesen-Werft in Wismar fünf Eisenbahnfährschiffe des Typs EGF-321 bauen – Kolosse aus Stahl, 190 Meter lang, für Züge, Fracht und die große politische Verbindung zwischen der DDR und der Sowjetunion.
Die größten Eisenbahnfährschiffe der DDR
Bei ihrer Lieferung galten sie als die größten Eisenbahnfährschiffe der Welt und zugleich als die größten Schiffe, die je in der DDR gebaut wurden.
DDR und Sowjetunion beschließen Aufbau der Linie
Die Mission war klar: Die Fähren sollten auf der Route Mukran (Sassnitz) – Klaipėda (Litauen) Güter über die Ostsee bringen – vorbei am Landweg über Polen, der politisch und militärstrategisch zunehmend heikel geworden war. Am 18. Juni 1982 beschlossen DDR und Sowjetunion den Aufbau dieser Linie. Geplant war ein gigantischer Umschlag von mehr als fünf Millionen Tonnen Gütern pro Jahr. Trabis gehörten nicht zum ursprünglichen Konzept der EGF-321-Fähren. Die DDR-Riesen waren zunächst für Güterwaggons gebaut.

Dafür wurde auf Rügen die „Großbaustelle der deutsch-sowjetischen Freundschaft“ hochgezogen. In Mukran entstand ein Fährhafen mit Rangier- und Umspurbahnhof, damit Waggons zwischen Normalspur und russischer Breitspur wechseln konnten. Doppelstock-Ladebrücken sollten dafür sorgen, dass die Stahlriesen in nur rund vier Stunden be- und entladen werden konnten.
Fünf Schiffe der Serie gehen vom Stapel
Zwischen 1984 und 1989 liefen fünf EGF-321-Schiffe vom Stapel: „Mukran“, „Klaipeda“, „Vilnyus“, „Greifswald“ und „Kaunas“. Ein sechstes Schiff war geplant, wurde nach den politischen Umbrüchen aber nicht mehr realisiert. Die Fähren waren ursprünglich reine Eisenbahngüterfähren. Straßenfahrzeuge und Passagiere spielten im Ursprungskonzept keine Rolle.
Doch dann kam die Wende – und mit ihr das Ende einer Weltordnung. Der Zerfall der Sowjetunion, neue Handelswege und sinkende Transportmengen machten aus dem DDR-Prestigeprojekt plötzlich ein Problem. Nach dem Abzug der letzten russischen Truppen 1994 aus Ostdeutschland gab es auf der Linie nicht mehr genug Ladung für fünf dieser Riesen. Viele Schiffe wurden umgebaut, verkauft, umbenannt – und auf neue Routen geschickt.
Die „Mukran“ wird 2021 in Indien verschrottet
Das erste Schiff der Serie, die „Mukran“, wurde 1986 in Dienst gestellt. Nach einem Umbau 1995 fuhr sie als „Petersburg“ zwischen Travemünde und Sankt Petersburg. Später transportierte sie unter anderem Militärausrüstung in der Adria.

Ihr Ende war trostlos: Nach weiteren Umbauten und gescheiterten Projekten wurde sie 2021 im indischen Alang verschrottet.
Das sind die Schicksale der anderen Schiffe
Die „Klaipeda“ begann ihre Karriere 1987 – und wurde danach zur Weltenbummlerin. Unter neuen Namen wie „Celtic Mist“ war sie auf verschiedenen Routen unterwegs, später landete sie als „Aziz Express“ im Roten Meer. Dort verbindet sie nach Angaben des Fachportals „an Bord“ unter saudischer Flagge Jeddah mit Digna und transportiert Lastwagen, Baumaterial, Lebensmittel, Hilfsgüter und Passagiere.
Auch die „Vilnyus“ wurde 1987 in die Flotte aufgenommen. Nach Einsätzen in der Ostsee kam sie später zur Reederei UKR Ferries. Die EGF-321-Schiffe bewiesen damit, wie robust sie waren. Mehrere Einheiten fanden nach ihrer Ostsee-Zeit neue Aufgaben im Schwarzen Meer, wo Eisenbahnfährverkehr weiter gebraucht wurde.
Jüngstes Schiff ist die „Kaunas“
Die „Greifswald“ lief 1988 in Wismar vom Stapel und wurde 1994 entscheidend umgebaut. Später wechselte sie mehrfach Besitzer und Namen. Inzwischen fährt sie als „Antey“ unter russischer Flagge.

Das jüngste Schiff der Serie, die „Kaunas“, startete 1989. Sie wurde über die Jahre auf verschiedenen Routen eingesetzt, unter anderem auch im Umfeld großer Infrastrukturprojekte.






