Das ukrainische Paar Maryna und Dima in ihrer Berliner Bleibe bei der Arbeit. Volkmar Otto

Zwei Stühle, ein Holztisch, darauf zwei Laptops. An einem Rechner eine junge Frau, am anderen ein junger Mann, beide konzentriert bei der Arbeit. Vor den Fenstern Berliner Sonnenschein. Doch das ist kein Homeoffice, wie es viele kennen. Das ist das neue Leben eines Pärchens aus der Ukraine, das sich noch nicht wirklich an den Gedanken gewöhnt hat: „Wir sind Flüchtlinge.“ Besonders Maryna (24) ist an jedem Morgen voller Sorge: „Leben meine Eltern noch, wie geht es meiner Schwester?“

Maryna und Dima (31), beide in der IT-Branche tätig, hatten sich am 13. Februar aus dem Kiewer Vorort Irpin in Richtung Polen aufgemacht. Der Software-Entwickler berichtet, dass ihnen die Situation immer heikler vorgekommen war, nachdem Russland immer mehr Truppen an die Grenze gestellt hatte und eine Botschaft nach der anderen in der ukrainischen Hauptstadt ihr Personal abzog.

Sie hatten erst gedacht, sie könnten nach einer Woche zurück

Das hätten sie erst auf eine gewisse Panik wegen der Erfahrung des chaotischen Abzugs aus Afghanistan zurückgeführt.

Maryna: „Als aber schließlich Israel seine Bürger aufforderte, das Land zu verlassen, wurde klar, es wird ernst.“ Sie beluden ihr kleines weißes Auto, in der Erwartung, nach einer Woche werde sich die Lage beruhigt haben und sie könnten zurückkehren. Die erste Etappe  war Lublin in Polen, dann ging es auf der Suche nach günstigeren Unterkünften weiter nach Warschau: Die Zahl der Menschen, die aus der Ukraine kamen, wuchs.

Dima berichtet, sie seien höchstens von einem Angriff Russlands im Osten ausgegangen, dort, wo die kurz zuvor von Wladimir Putin anerkannten „Volksrepubliken“ von Donezk und Luhansk liegen. Doch dann, als sie 24. Februar in Warschau aufwachten, wurde klar: Ihr Heimatland wird von allen Seiten angegriffen. Keine Rückkehr möglich.

Die Unterkünfte in Polen wurden immer teurer, nach einer Nacht in Posen kamen sie am Sonnabend nach Kriegsbeginn in Berlin an, müde und ausgelaugt.

Maryna und Dima gönnen sich nur kurze Pausen von der Arbeit im Berliner Sonnenschein. Volkmar Otto

Über eine lange zurückliegende Urlaubsbekanntschaft vermittelt, sind sie vorerst in einer kleinen Einliegerwohnung eines Einfamilienhauses untergekommen.  Der Besitzer war vergangenes Jahr verstorben, das Erdgeschoss bewohnen jetzt seine erwachsenen Enkel, die anderthalb Zimmer mit Bad und Küche unterm Dach stehen seit längerem leer.

Einerseits herrscht für die jungen Leute in der Charlottenburger Nebenstraße Frieden. Aber die Gedanken an die Heimat lassen das Paar nicht los. „Meine Eltern haben ein Haus in einem südwestlichen Vorort von Kiew in der Nähe des internationalen Flughafens, sie schlafen im Keller. Sie sind Rentner, fürchten sich mehr vor Luftangriffen als von Bodenkämpfen“, berichtet Maryna.  In Angst war sie vor allem um ihre Schwester Lisa (20).

Die Familie habe heftig diskutiert, aber die Studentin habe sich dennoch entschieden, mit ihrem Freund ins Auto von Bekannten zu steigen, um in den Westen des Landes zu gelangen. „Bis zur polnischen Grenze sind es etwa 600 Kilometer, und alle Tankstellen auf der Strecke haben kein Benzin mehr“, sagt Maryna, es drohe Beschuss durch die Russen. Doch inzwischen hat sich Lisa gemeldet, ist kurz vor der polnischen Grenze.

Auch von ihren Eltern hat Maryna mittlerweile einigermaßen gute Nachrichten: Sie konnten Kiew verlassen und ins Zentrum des Landes fahren.

Dimas Schwester ist in Polen in Sicherheit. Seine Eltern sind dem Krieg schon lange näher, leben in der „Volksrepublik“ Donezk. Aktuell gebe es keine Kämpfe in der Nähe seines Heimatorts Makijiwka, einer Großstadt, die unmittelbar an die Hauptstadt Donezk grenzt.

„Im Osten der Ukraine verstecken sich die Männer“

Er hört von dort, dass sich die Männer möglichst nicht auf der Straße zeigen, um nicht zum Kampf gegen die Ukraine gezwungen zu werden: „Der Sohn eines Freundes meines Vaters wurde aus dem Auto geholt und ist verschwunden.“ Im Internet kursiere ein Video, das gefangen genommene Kämpfer der Separatisten zeige. Alle seien keine Soldaten, sondern Lehrer, Erzieher, Professoren … Wäre er in der Heimatstadt, die er 2007 verlassen hatte, würde ihm ein ähnliches Schicksal drohen, dabei war er aus medizinischen Gründen nie Soldat.

In der Analyse der Lage sind die beiden russischsprachig Aufgewachsenen dicht beieinander: Der Angriff Russlands habe die Ukrainer endgültig zusammengeführt, egal, ob ukrainisch- oder russischsprachig. Es sei schon immer nur Moskauer Propaganda gewesen, dass russischsprachige Ukrainer diskriminiert worden seien, sagt Maryna. „Die Hälfte der Kiewer spricht russisch, es gab kein Problem für sie.“

Spätestens mit der Besetzung der Krim durch Russland 2014 und dessen Unterstützung der Separatisten im Osten sei klar geworden, dass Russland kein „Bruder“ sei, an der Feuerlinie zwischen den Separatisten und der ukrainischen Armee hätten die Leute so gar keinen Wunsch nach dem „Russischen Frieden“.

Dima findet harte Worte: „2014 waren wir nicht bereit, gegen Russen zu kämpfen, meine Familie hat ja auch Verwandte in Russland. Inzwischen hat sich die Meinung geändert, wenn auch nicht bei allen. Auch die Dümmsten haben spätestens jetzt verstanden, wo die Russen Geburtskliniken in Charkiw beschießen und Zivilisten töten: Russland will uns nicht helfen, es will unser Land und unsere Nation zerstören.“

Voller Stolz blicken die beiden auf die Soldaten, „die unser Land verteidigen und dafür sterben“, und auf Zivilisten, die sich unbewaffnet russischen Panzern in den Weg stellen. Amüsiert haben sie sich über Internet-Filmchen, die zeigen sollen, wie ukrainische Bauern Russen mit dem Traktor Schützenpanzer klauen …

Maryna hat dieses Foto von Irpin aus dem Netz gefischt, der Stadt bei Kiew, die sie mit ihrem Freund Dima am 13. Februar verlassen hat. zVg

Fassungslos dagegen seien sie gewesen, als Deutschland der Ukraine anbot, 5000 Helme zu liefern, und Maryna ärgert sich über russische Freunde, mit denen sie vor zwei Jahren noch in Budapest studiert hatte. „Ich habe ihnen geschrieben, sie sollen gegen den Krieg demonstrieren. Sie antworten, dass schon fünf von ihnen in St. Petersburg festgenommen wurden, dass es zu gefährlich sei, dass sie Putin auch hassen, aber nichts tun können, dass die Menschen nicht bereits seien, bei Protesten zu sterben.“

Ihre Pläne sind kurzfristig, die Arbeit ist wichtig

Was aus ihrem eigenen Leben wird, ist Maryna und Dima noch nicht klar. Sie überlegen noch, ob sie sich in Deutschland oder anderswo als Flüchtlinge registrieren lassen. Das wäre die letzte Option, am wichtigsten sei, weiter arbeiten zu können. Dima ist selbständig für ein US-Unternehmen tätig, Maryna in der Kundenbetreuung für ein ursprünglich belarussisches, jetzt in Litauen ansässiges IT-Unternehmen.

Und sie macht sich nützlich und hat begonnen, über das Internet Hilfe für andere Flüchtlinge zu organisieren, Fluchtwege zu finden, Geld für die Armee sammeln.

Was in der nächsten Woche sein wird? „Wir checken die Möglichkeiten.“ Und immer wieder das Handy, ob die Verbindung in die Heimat noch steht.

Der Verbleib der Schwester und der Eltern Marynas hat sich verändert, der Text wurde entsprechend am 6. März aktualisiert.