Sie leben in Berlin-Pankow, haben einen Pflegefall und brauchen ganz schnell Hilfe vom Amt? Na dann, gute Nacht! Denn das Sozialamt in Pankow ist hoffnungslos überfordert. Seit Jahren herrscht dort das Behördenchaos. Das bekam auch Dirk Dreyer (60) zu spüren. Im November 2023 beantragte er finanzielle Hilfe zur Pflege für seine an Alzheimer erkrankte Mutter Barbara. Bis heute kämpft der IT-Experte mit dem Amt um die Hilfe. Inzwischen ist seine Mutter (83) verstorben.
Mutter Barbara: Von einer lebenslustigen Frau zum Pflegefall
Eine lebenslustige Frau mit einem Sektglas in der Hand: Ein Foto zeigt so die Mutter von Dirk Dreyer. Das Bild entstand vor 25 Jahren während einer Familienfeier, als die Welt von Barbara Dreyer noch in Ordnung war, sie voller Freude ihre zwei Enkelkinder erleben durfte.
„Als mein Vater 2014 starb, begann sich ganz langsam die Welt meiner Mutter zu ändern“, sagt ihr Sohn. „2021 brach dann die Alzheimer-Krankheit bei ihr richtig aus. Pflegegrad 5, meine Mutter musste ins Pflegeheim.“
Mutter erkennt am Ende ihren eigenen Sohn nicht mehr
Das Foto mit der strahlenden Frau und dem Sektglas hängt an einer Wand im Wohnzimmer. Für Dirk Dreyer ist es eine der schönsten Erinnerungen an seine Mutter, die am Ende ihres Lebens noch nicht einmal mehr ihren Sohn erkannte.
Das Bild ist auch auf dem Laptop zu sehen, auf dem Dirk Dreyer seit über zwei Jahren einen schriftlichen Kampf mit dem Sozialamt Pankow führt.

Zunächst fing alles recht unproblematisch an, als Barbara Dreyer im Februar 2023 in ein Pflegeheim in Berlin-Karow kam. „Wir hatten Glück, fanden einen Pflegeplatz ganz in unserer Nähe“, sagt Sohn Dirk Dreyer. Auch der Eigenanteil, den die Familie für den Pflegeplatz zahlen musste, war moderat.
„Noch reichte die Rente meiner Mutter dafür aus.“ Das waren 2.600 Euro, die die einstige technische Angestellte inklusive Witwenrente bekam.
„Rente meiner Mutter reichte nicht mehr fürs Pflegeheim“
Doch so blieb es nicht. Der Preis für den Pflegeplatz erhöhte sich. Und damit auch der Eigenanteil der Familie.
„Wir konnten ihn nicht mehr allein mit der Rente meiner Mutter bezahlen“, sagt Sohn Dirk Dreyer. Knapp 400 Euro pro Monat musste die Familie zu dem damaligen Zeitpunkt dazu bezahlen. Etwas später sank der Betrag, weil Barbara Dreyer schon ein Jahr im Pflegeheim lag.
Dennoch: Die Kosten für den Eigenanteil lagen über dem Budget, das die Familie zur Verfügung hatte. Man bat also das Sozialamt Pankow um Hilfe zur Pflege, genauso, wie es gesetzlich vorgesehen ist.
Im Herbst 2023 stellte Dirk Dreyer den Antrag. Am 29. November 2023 ging er in die Fröbelstraße, um persönlich die Unterlagen im Sozialamt abzugeben. Am Eingang der Behörde ließ Dreyer sich die Abgabe des Antrags mit einem Stempel quittieren.
Es dauerte zwei Monate, bis das Sozialamt Pankow den Eingang des Schreibens bestätigte. In dem Schreiben vom Januar 2024 machte der Sachbearbeiter nicht nur klar, dass Dirk Dreyer noch Unterlagen nachzureichen habe.
Der Behördenmitarbeiter schrieb auch, dass die Bearbeitung des Antrags „einige Zeit in Anspruch nehmen wird“. Wie lange das wirklich dauern würde, ahnte Dirk Dreyer da noch nicht. Er reichte die geforderten Unterlagen nach und wartete auf den Bescheid.
Sozialamt Pankow schreibt einer toten Frau
Es kommt keine Antwort, es folgt kein Bescheid. Was aber geschieht: Am 18. Juni 2024 stirbt Barbara Dreyer. Der Sohn teilt am 1. Juli 2024 dem Sozialamt den Tod seiner Mutter mit. Doch in der Pankower Behörde muss so ein Chaos herrschen, dass man dort offenbar dieses Schreiben gar nicht registriert.
Im Gegenteil: Eine Mitarbeiterin des Sozialamtes schickt am 10. Juli 2024 ein Schreiben an die verstorbene Barbara Dreyer und ihren Sohn, in dem die „sehr geehrte Frau Dreyer“ um die Vorlage von Unterlagen gebeten wird.
Die Mitarbeiterin droht am Ende: Wenn dieser Bitte nicht innerhalb eines Monats nachgekommen wird, „werde ich … die beantragte Leistung ganz versagen“. „Das Schreiben ist eine Frechheit“, sagt Dirk Dreyer.

Der Sohn reicht fristgemäß die geforderten Unterlagen in der Sache ein, in der es um eine Gesamtsumme von etwa 1.200 Euro geht. Zustimmung oder Ablehnung: Eigentlich müsste es jetzt mit dem Bescheid recht schnell gehen. Aber nicht im Sozialamt Pankow. Die Behörde, die mit Fristen und Versagen von Leistungen droht, braucht wieder Monate, bis sie sich bei Dirk Dreyer meldet.
Sozialamt Pankow: 20.000 ungeöffnete Postsendungen
Nachdem der Sohn im Dezember 2024 bei der Behörde nachfragte, was nun der Sachstand sei, meldete sich daraufhin im Mai 2025 (ein halbes Jahr später) ein leitender Mitarbeiter des Sozialamtes Pankow. Er schreibt, Mitarbeiter des Amtes würden „ein kontinuierlich hohes Arbeitspensum bewältigen“.
„Bedauerlicherweise haben krankheitsbedingte Abwesenheiten sowie eine hohe Fluktuation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich der Hilfe zur Pflege dazu geführt, dass eine fristgerechte Entscheidung bisher nicht getroffen werden konnte“, schreibt der leitende Mitarbeiter. Das Amt bittet um Entschuldigung.

Seit diesem Schreiben vom Mai 2025 hat Dirk Dreyer nichts mehr von dem Amt gehört. Anrufe sind zwecklos. Kein Wunder: Im Februar 2025 wurde offiziell öffentlich, dass im Sozialamt Pankow über 20.000 Postsendungen ungeöffnet liegen, über 1000 Neuanträge unbearbeitet und über 1000 Rechnungen offen sind.
Stadträtin weiß nicht, wie viele Mitarbeiter ihr Amt hat
Der KURIER fragt im Bezirksamt Pankow nach. Wie ist der Stand heute? Bis auf die Mitteilung, dass die „ungeöffneten Poststücke“ von damals „den Akten jetzt zugeordnet wurden und sich sukzessive in Bearbeitung befinden“, kann die verantwortliche Bezirksstadträtin Dominique Krössin (Linke) dazu nichts weiter sagen.
Auch die Fragen nach dem derzeitigen Mitarbeiterstand in der Behörde und den Krankmeldungen kann die Politikerin „aus Zeitgründen derzeit nicht beantworten“. Grund: „Alle Sachbearbeiter und Sachbearbeiterinnen sind mit der Bearbeitung der Rückstände und den laufenden Fällen befasst“, sagt Stadträtin Krössin.

Das, was im Mai 2025 der Familie Dreyer zu den Personalproblemen mitgeteilt wurde, „ist leider weiterhin zutreffend, was besonders die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr bedauern“, sagt Krössin. Das klingt nicht nur wie ein Offenbarungseid. Es ist auch einer. Denn die Frage, was das Bezirksamt Pankow gegen die Probleme im Sozialamt unternimmt, lässt Stadträtin Krössin unbeantwortet.
Auch zu der katastrophalen Bearbeitung des Antrags zur Pflegehilfe im Fall der Familie Dreyer will die Politikerin sich „aus datenschutzrechtlichen Gründen“ nicht äußern. Der Fall wird sie auch nicht länger mehr beschäftigen.


