Wohnen

Wie 60 Berliner für 4,70 Euro pro Quadratmeter in Lichtenberg wohnen

In Berlin werden immer mehr Gering- und Normalverdiener durch teure Mieten verdrängt. Diese Pioniere wehren sich mit ihrer genialen Idee gegen Miethaie.

Author - Sharone Treskow
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In diesem Kiez liegt das Projekt „WiLMa19“, unterstützt vom Mietshäuser Syndikat.
In diesem Kiez liegt das Projekt „WiLMa19“, unterstützt vom Mietshäuser Syndikat.Lukas Beck / Wikimedia Commons

Eine Miete von nur 4,70 Euro pro Quadratmeter – und das auch noch mitten in Berlin? Klingt wie ein Traum, eine Wunschvorstellung. In der Hauptstadt liegt der durchschnittliche Mietpreis aktuell nämlich bei 15,84 Euro pro Quadratmeter. Das können und wollen sich viele Menschen nicht leisten. Deshalb hat sich eine Gruppe Berliner zusammengeschlossen und mithilfe des Mietshäuser Syndikats „einfach“ selbst ein Wohnhaus gekauft – um tatsächlich bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Die Idee dahinter ist eigentlich ziemlich genial.

60 Berliner leben für Billigmiete in altem DDR-Bau

Das Projekt „WilMa19“ liegt in der Magdalenenstraße 19 in Lichtenberg. Das heutige Wohnhaus ist ein ehemaliges Bürogebäude des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Auf sechs Etagen leben hier etwa 65 Menschen verschiedenen Alters und mit verschiedenen Beschäftigungen. Das Erstaunliche: Sie alle zahlen eine durchschnittliche Miete von 4,70 Euro pro Quadratmeter.

Das ist das Berliner Projekt „WiLMa19“ in der Magdalenenstraße 19.
Das ist das Berliner Projekt „WiLMa19“ in der Magdalenenstraße 19.WiLMa

Doch wie ist das möglich? Zum Vergleich: Der Mietspiegel für Lichtenberg im Bereich der Magdalenenstraße liegt 2026 bei durchschnittlichen Kaltmieten von etwa 12,21 Euro bis 17,41 Euro pro Quadratmeter.

Wir wollen uns nicht nur um unsere eigenen vier Wände kümmern, sondern uns auch für soziale Mieten in der Stadt einsetzen. Darum haben wir den Wohnraum entsprechend kostengünstig gebaut und konzipiert.

Die WilMa19

Die Antwort: Die Berliner, die hier leben, haben das Haus mit einer Wohnfläche von insgesamt 2330 Quadratmetern auf einem 1588 Quadratmeter großen Grundstück am 29. November 2012 selbst gekauft – für 2,3 Millionen Euro. Dadurch können sie die Miete allein festlegen, die bei jedem anderen Privateigentümer oder auch einer landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft um ein Vielfaches höher ausfallen würde.

Natürlich ist es nicht so einfach, an einen entsprechenden Kredit zu kommen, um mal eben ein ganzes Haus für 2,3 Millionen Euro zu kaufen. Hier kommt das Mietshäuser Syndikat ins Spiel.

So funktioniert das Mietshäuser Syndikat

Das Mietshäuser Syndikat ist ein bundesweiter Verbund von inzwischen rund 210 Hausprojekten und etwa 20 Projektinitiativen, die sich gemeinsam dauerhaft bezahlbaren Wohnraum sichern wollen. Jedes Haus gehört rechtlich einer eigenen GmbH, in der zwei Gesellschafter sitzen: der jeweilige Hausverein und das Syndikat selbst.

Dadurch bleibt jedes Projekt autonom – gleichzeitig wird verhindert, dass Häuser später verkauft oder privatisiert werden. Ziel ist, Wohnungen dem Immobilienmarkt dauerhaft zu entziehen.

Das Haus soll uns gehören – aber niemandem alleine.

Mietshäuser Syndikat

Am Anfang steht fast immer derselbe Wunsch: selbstbestimmt wohnen, ohne Angst vor Verkauf, Verdrängung oder Abriss. Oft schließen sich Menschen zusammen, die ihr Mietshaus selbst übernehmen wollen – oder Leerstand und Abrissobjekte als Chance begreifen.

Yvonne wohnt im Projekt „Zossener48“.
Yvonne wohnt im Projekt „Zossener48“.Sina Schuldt/dpa

Doch Eigenkapital ist meist kaum vorhanden. Der Kauf gelingt nur mit hohen Krediten von Banken und privaten Unterstützern. Gerade in der Anfangsphase heißt das: wirtschaftlicher Hochseilakt, wenig Luft und ein Hauch Idealismus. „Wir wollten keinen Palast – wir wollten Sicherheit und ein Zuhause.“

Beispielloses Solidarprinzip, das wirklich funktioniert

Der Clou des Syndikats liegt im Solidarprinzip: Ältere, schuldenarme Projekte geben Überschüsse an neue Projekte weiter, statt die eigenen Mieten immer weiter zu senken oder den Komfort hochzufahren. So werden Risiken verteilt und Erfahrungen weitergegeben. Beratung, politischer Rückhalt und finanzielle Hilfe fließen innerhalb des Netzwerks. Das verhindert, dass jedes Projekt bei null anfangen muss: „Alleine wären wir gescheitert – gemeinsam ging es.“

Die Idee entstand 1989 beim Freiburger Grether-Projekt und wurde 1992 im Syndikatsstatut festgeschrieben. Der Anspruch ist bis heute derselbe: „Menschenwürdiger Wohnraum, ein Dach über dem Kopf für alle.“

Hier gibt es noch echte Nachbarschaft

Ganze 20 erfolgreiche Projekte gibt es bereits in Berlin. Da wäre „Grüni“ in der Grünberger Str. 73, „Rigaer78“ in der Rigaer Str. 78 oder auch die „Kastanie“ in der Kastanienallee 85. Sie alle haben beneidenswerte Mietpreise zwischen vier und sechs Euro pro Quadratmeter.

Doch damit nicht genug! Das Schöne ist: Die Bewohner leben hier in einem familiären Kollektiv zusammen. Hier wird einander noch geholfen, Nachbarn kennen sich namentlich, sind befreundet – was in Berlin leider kein Standard mehr ist.

In der „WiLMa19“ gehört ein hübsches Außengelände zum Haus. Es wurde von den Bewohnern selbst so umgestaltet, dass dort eine vielseitige Grünfläche und ein Spielplatz allen zur Verfügung stehen. Ihr Veranstaltungsraum – „die Remise“ – wird von Initiativen und für Veranstaltungen (Partys, Konzerte, Kinoabende, Radiostudio, Sportgruppen, politische Infoabende) genutzt.

Ganz klar: Was die Berliner in der „WiLMa19“ haben, ist etwas ganz Besonderes. Dafür mussten sie „nur“ ordentlich Mut beweisen, das Haus selbst zu kaufen, und bei der einen oder anderen Baumaßnahme mit anpacken. Aber das ist es wohl allemal wert.

Wie denken Sie über die Projekte vom Mietshäuser Syndikat? Schicken Sie uns gerne einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.