Er ist wieder da! Jedes Jahr rund um den Muttertag tauchen fliegende Händler, meist osteuropäischer Herkunft auf, die bündelweise Maiglöckchen auf den Straßen verkaufen. Zwei bis drei Euro kostet der Strauß. Die Händler ernten sie büschelweise meist in den Wäldern in der Nähe von Berlin.
Jedes Jahr verkaufen sie Maiglöckchen
Am Olivaer Platz, Ecke Xantener Straße oder vor den Schönhauser Allee Arcaden sind die Maiglöckchen-Händler in dieser Saison schon aufgetaucht. Kurios, es ist genau der selbe Mann, der mir schon im letzten Jahr einen Strauß unter die Nase hielt. Meist stehen sie zu zweit dort, einen Eimer, Trolley oder eine Tasche voller saftig grüner Maiglöckchen vor sich auf dem Boden.
Spricht man sie auf die Herkunft der Blumen an, geben sie sich wortkarg. Einer sagt: „Aus Rumänien.“ Wirklich? Ein anderer Verkäufer hat vor Jahren gegenüber einem Kollegen vom Tagesspiegel einen anderen Ursprungsort verraten: aus dem Wald in Brandenburg habe er die Blumen.

Woher kommen die Maiglöckchen auf Berlins Straßen?
Und tatsächlich braucht man vom Alexanderplatz keine Stunde, um im Maiglöckchen-Paradies zu landen. Die Regionalbahn der Linie 1 fährt stündlich in Richtung Frankfurt/Oder. Steigt man an der Station Hangelsberg aus, kann man die Maiglöckchen schon fast riechen. Hier im Wald befindet sich eines der größten Vorkommen an Maiglöckchen Europas. Streng geschützt, wie viele glauben, sind die weißen Blümchen allerdings nicht.
Sind Maiglöckchen streng geschützt?
„Maiglöckchen vermehren sich stark und bilden große Bestände“, sagt Nabu-Sprecherin Heidrun Schöning. Anders als oft behauptet, sind sie aber nicht streng geschützt, sie fallen aber in jedem Fall unter das Naturschutzgesetz. Das heißt, große Mengen aus dem Wald nehmen und sie verkaufen, ist verboten.
Die Maiglöckchen-Anbieter in Berlin ficht das aber nicht an. Strenge Strafen haben sie eher nicht zu befürchten.

Größtes Vorkommen in Europa bei Hangelsberg
Im Forstbetrieb Hangelsberg ist das Problem Maiglöckchen-Klau bekannt. Leiter Lars Kleinschmidt kennt die Sammler, die immer wieder in die Wälder von Hangelsberg kommen und auch größere Mengen an Maiglöckchen mitnehmen. „Das Gelände ist groß, nicht immer kann man die Sammler ansprechen oder auch Ordnungswidrigkeiten geltend machen“, sagt Kleinschmidt.
Über Gebühr am Wald bedient
„Es ist das, was es ist“, so Kleinschmidt weiter: Nur bestimmte Größenordnungen an Pflanzen, Pilzen und Beeren dürfen in Deutschland aus der Natur entnommen werden. Die gewerbsmäßige Entnahme sei kritisch zu sehen. „Ein Handstrauß ist in Ordnung, mehr aber nicht.“ Man bediene sich hier über die Gebühr am Wald, spricht er Klartext.
Um Fürstenwalde, Grünheide und Erkner gibt es in den Wäldern viele Maiglöckchen, wenn Kleinschmidts Mitarbeiter auf Sammler treffen, sprechen sie sie an und machen auch schon mal eine Ordnungswidrigkeit geltend, sollten sie öfter auftauchen. Insgesamt ist die Fläche aber viel zu groß, um dem Klau etwas entgegenzusetzen.
Maiglöckchen gegen die Armut
Am Ende handelten die Betroffenen auch nicht aus Spaß mit den Maiglöckchen, sondern um sich in prekären Situationen etwas hinzuzuverdienen, gibt der Leiter des Forstbetriebs zu bedenken.
Und so müssen sich am Ende die Kunden in Berlin fragen, ob sie den Maiglöckchen-Dealern ihre duftenden Sträuße abkaufen wollen, oder nicht.

„Wenn sie nicht gekauft würden, weil man weiß, die Blumen kommen aus den Wäldern rund um Berlin und stammen aus Eingriffen in unsere Natur, die nicht gesteuert werden, dann fehlte irgendwann schlicht die Nachfrage nach der Ware. Anders könne man dem Problem aus seiner Sicht nicht Herr werden”, so Kleinschmitt in einem KURIER-Interview.
Übrigens ist der Brauch, Maiglöckchen zu verschenken uralt: Maiglöckchen gelten seit Jahrhunderten als Frühlings- und Glückssymbol. Schon im 16. Jahrhundert soll König Karl IX. von Frankreich am 1. Mai Maiglöckchen verschenkt haben, wodurch der Brauch populär wurde.
In Frankreich entwickelte sich daraus der „Tag des Maiglöckchens“ (Fête du Muguet), an dem bis heute Maiglöckchen verkauft und verschenkt werden – steuerfrei und überall auf der Straße.
Wie wäre es also in diesem Jahr mit einem Familien-Ausflug zum Maiglöckchenwald. Ein Handstrauß für die Mama ist schließlich erlaubt.




