Exklusiv im KURIER

Kaffeewette-Händler: „Kai Wegner hat mich zum Kriminellen gemacht“

Michael Lind gerät wegen seiner Kaffeewette für die Kältehilfe unter Verdacht. Jetzt spricht er über die Vorwürfe – und seine Angst um die Aktion.

Author - Norbert Koch-Klaucke
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Supermarkt-Betreiber Michael Lind (45): Wegen seiner Kaffeewette zu Gunsten der Kältehilfe wurde er nun angeprangert.
Supermarkt-Betreiber Michael Lind (45): Wegen seiner Kaffeewette zu Gunsten der Kältehilfe wurde er nun angeprangert.Norbert Koch-Klaucke

Der KURIER hat den Mann exklusiv getroffen, der in Berlin gerade für Gesprächsstoff sorgt. Supermarkt-Betreiber Michael Lind (45), der  seit Jahren mit den Bezirken mit einer coolen Kaffeewette die Kältehilfe unterstützt, um den Ärmsten der Ärmsten zu helfen. Nun ziehen der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und Berlins Regierender mit bösen Verdächtigungen gegen die Hilfsaktion des Unternehmers zu Felde. Obwohl der  Regierungschef offenbar nun doch die Aktion erlauben will, sagt Lind: „Kai Wegner und Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann haben mich öffentlich zum Kriminellen gemacht!“

Was ist da im Vorfeld passiert? Was ist da schiefgelaufen? Das würde auch Lind gerne wissen, den der KURIER in seinem Supermarkt in Neukölln trifft. In seiner Welt sollte eigentlich vom 19. Januar bis 5. Februar die traditionelle Kaffeewette in Berlin stattfinden.
Die Idee: Die Berliner geben in ihren Bezirksämtern Kaffee-Pakete (500 Gramm, gemahlen oder Bohne) als Spende für die Kältehilfe ab. Jeder Bezirk, der es schafft, mithilfe seiner Einwohner mindestens 500 Päckchen Kaffee zu sammeln, bekommt von Initiator Lind und weiteren Geschäftsleuten 2.500 Euro extra für die Kältehilfe in seinem Kiez.

Supermarkt-Chef in seinem Büro seines Geschäftes in Neukölln
Supermarkt-Chef in seinem Büro seines Geschäftes in NeuköllnNorbert Koch-Klaucke

Seit sieben Jahren ist das so. 2019 startete die Hilfsaktion in Neukölln, in diesem Jahr meldeten sich elf Bezirke an, Friedrichshain-Kreuzberg zum ersten Mal. Doch kurz vor dem Start bekam die Behörde von Bezirkschefin Hermann (Grüne) Bedenken. Vom Verdacht der Vorteilsnahme und Bestechlichkeit ist die Rede.

Der Bezirk sprang von der Aktion ab, schaltete stattdessen den Vertrauensanwalt des Landes Berlin ein. Dieser informierte die Stelle für Korruptionsbekämpfung bei der Generalstaatsanwaltschaft.

„Verdacht wird geäußert, dabei gibt es keine Hinweise“

„Das alles ist nicht nachvollziehbar“, sagt Lind. „Seit Ende Oktober 2025 habe ich mit dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wegen der Aktion Kontakt. Warum spricht man nicht mit mir und fragt nach, wenn es Bedenken gibt?“, so Lind. „Stattdessen schlägt man juristische Wege gegen uns ein.“
Am Ende mischte der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) mit. Seine Senatskanzlei untersagte den Berliner Bezirken die Teilnahme an der Kaffeewette. „Die Senatskanzlei informierte die Berliner Bezirke darüber, dass nach der Entscheidung des Regierenden Bürgermeisters der Verdacht auf Käuflichkeit oder Bestechlichkeit bestünde“, teilte das Bezirksamt Neukölln mit.

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann (Grüne)
Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann (Grüne)Sabine Gudath

„Ich dachte, mir wird der Boden unter den Füßen weggezogen, als ich davon hörte“, sagt Lind. „Meine Frau saß weinend auf der Couch. Unsere Familie war mit den Nerven am Ende. Da wird ein Verdacht geäußert, Ermittlungsbehörden werden eingeschaltet, obwohl es keinen einzigen Hinweis für die Vorwürfe gibt.“

Welchen Vorteil hätte denn Lind von der Aktion gehabt? „Käuflichkeit, Bestechlichkeit – wir haben keinen Laden in Friedrichhain-Kreuzberg“, sagt Lind. „Und für die Kaffeewette habe ich den ganzen Jahren keine Werbung in meinen drei Märkten gemacht. Ich habe auch niemanden aufgefordert, den Kaffee für die Wette in meinen Läden zu kaufen.“

„Ja, ich habe Werbung gemacht – für die Kältehilfe“

Ja, er habe Reklame gemacht. „Ich habe mit der Kaffeewette Werbung für die Kältehilfe gemacht. Ich wollte mit einer spektakulären Aktion mehr Aufmerksamkeit für die Obdachlosen in Berlin erreichen – zusammen mit der Politik und den Menschen, die in dieser Stadt leben“, sagt Lind. „Etwas Gutes jetzt plötzlich schlechtzumachen – so können wir nicht miteinander umgehen.“

2025 überreichte Michael Lind Reinickendorfs Bürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner (CDU) den Siegerscheck.
2025 überreichte Michael Lind Reinickendorfs Bürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner (CDU) den Siegerscheck.BA FReinickendorf

Lind befürchtet, dass der Fall ein schlimmes Nachspiel haben könnte:  „Welcher Unternehmer wird sich jetzt noch an Hilfsaktionen für Bedürftige in Berlin beteiligen? Welcher Unternehmer möchte in einer Stadt investieren, wenn er bei einer guten Tat unter schlimmen Verdacht gerät? Das darf nicht passieren!“

Erst wollte Lind sich aus der Kaffeewette zurückziehen, die die Bezirke mit Ausnahme Friedrichshain-Kreuzbergs fortführen wollen. „Doch ich gebe nicht auf“, sagt er. „Denn ich möchte schon, dass die Kältehilfe nicht nur Kaffee, sondern auch Geld bekommt.“
Lind will vom Regierenden Wegner und von Bezirksbürgermeisterin Hermann keine Entschuldigungen. „Sie sollen jetzt die ganze Sache rechtlich abklären lassen, damit bei dieser Wette auch weiter Finanzspenden an die Kältehilfe fließen können. Nicht nur in diesem Jahr, sondern auch in den kommenden.“

Vielleicht ist das auch dem Regierenden Bürgermeister bewusst geworden. Am späten Freitagnachmittag wurde mitgeteilt: Wegner will nun doch den Bezirken erlauben, dass sie die Kaffeewette mit Unternehmen durchführen können.
„Da durch die Kaffeewette weder der Eindruck der Befangenheit oder Käuflichkeit erweckt werden kann, noch das Ansehen des öffentlichen Dienstes gefährdet wird, erteile ich hiermit vorsorglich die Genehmigung“, schrieb Wegner an alle Bezirke. Das berichtet der Tagesspiegel.

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