Bürgerrechtler Roland Jahn

In Ketten in den Westen: Wie die DDR vor 40 Jahren einen Staatsfeind abschob

Im Juni 1983 reiste Roland Jahn in die Bundesrepublik ein - nicht ganz freiwillig. Der Mann gehörte zu den Menschen, die zu den Zuständen im SED-Staat nicht schwiegen. Die Stasi wollte ihn mit aller Gewalt loswerden.

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Roland Jahn, von 2011 bis 2021 Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen: Vor 40 Jahren wurde der damalige DDR-Bürgerrechtler gewaltsam in den Westen abgeschoben.
Roland Jahn, von 2011 bis 2021 Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen: Vor 40 Jahren wurde der damalige DDR-Bürgerrechtler gewaltsam in den Westen abgeschoben.Christoph Soeder/dpa

Über die DDR wird derzeit in so manchen Büchern wieder viel geschrieben. Sehr unterschiedlich sind  dabei die Ansichten über das Leben der Menschen im SED-Staat, die teilweise auch ein recht positives Bild zeichnen. Kaum erwähnt wird, wie das Regime mit den Menschen umging, die die Machenschaften des Systems offen anprangerten, das keine freie Meinungsäußerung duldete. Zu ihnen gehörte Roland Jahn (69), der spätere letzte Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen im wiedervereinten Deutschland. Vor 40 Jahren schob die DDR ihn in Ketten gelegt als Staatsfeind in den Westen ab – gegen seinen Willen. Die Gewaltaktion hatte Stasi-Chef Erich Mielke minutiös planen lassen, wie Unterlagen aus dem Stasi-Archiv zeigen.

Der Unbequeme aus Thüringen: Roland Jahn gehört ab den 70er-Jahren zu den bekannten Bürgerrechtlern der DDR. Nach seinem Wehrdienst schließt er sich in seiner Heimatstadt Jena einer oppositionellen Gruppe an. Mit zahlreichen Aktionen gerät Jahn schnell ins Visier der Staatsmacht. So macht er den mysteriösen und bis heute unaufgeklärten Tod des 24-jährigen Jenaer Oppositionellen Matthias Domaschk öffentlich, der 1981 in einer Stasi-Zelle starb.

Als Jahn bei Fahrradfahrten durch Jena gegen das damalige Kriegsrecht in Polen demonstriert, wird er 1982 verhaftet. Nach einer fünfmonatigen U-Haft im Stasi-Knast und Verurteilung zu 22 Monaten Gefängnis unterschreibt er unter Anraten seines Anwaltes Wolfgang Schnur (ein Stasi-IM) einen Ausreiseantrag. Auf Grund von Protesten in der DDR und in der Bundesrepublik kommt Jahn jedoch vorzeitig frei. „Ich erklärte daraufhin den Ausreiseantrag für null und nichtig, weil ich ihn im Gefängnis geschrieben hatte“, sagt er. „Ich wollte in meiner Heimat bleiben.“

Roland Jahn auf der Demonstration in Jena (März 1983)
Roland Jahn auf der Demonstration in Jena (März 1983)Robert-Havemann-Gesellschaft/Bernd Albrecht

Trotz Stasi-Knast: So wird Roland Jahn zum Staatsfeind der DDR

Er bleibt und zeigt weiter öffentlich seine Kritik gegen den Staat. So trägt Jahn auf einer von der SED und FDJ organisierten Friedens-Demo in Jena ein Plakat mit der Aufschrift „Schwerter zu Pflugscharen“ – jener  Bibelspruch, mit dem die oppositionelle DDR-Friedensbewegung auch die Atomaufrüstung im Osten anprangert. Jahn wird damit für die Machthaber zum Staatsfeind, den sie schnell loswerden wollen.

Am 6. Juni 1983 verfasst ein Stasi-Oberst dazu den Plan, der sofort umgesetzt werden soll. Stasi-Chef Mielke stimmt der Aktion noch am selben Tag mit „einverstanden, Abschiebegewahrsam garantieren“ und seiner Unterschrift zu. Danach soll Jahn unter Vortäuschung falscher Tatsachen beim Stadtrat für Wohnungspolitik beim Rat der Stadt Jena erscheinen, um ihn so in die Fänge der Stasi zu bekommen. Mielkes Leute sollen ihn dann in der Nacht unbemerkt an dem Grenzübergangsbahnhof Probstzella in den Interzonenzug D 301 nach München setzen.

Für die Stasi ist klar, dass Jahn sich dagegen wehren wird. Und so wird in dem Plan ein hoher Aufwand an Personal- und an Sicherheitsmaßnahmen betrieben, als wäre der Bürgerrechtler ein Schwerverbrecher. Allein an der zwei Kilometer langen Zugstrecke zwischen Grenzübergang und Staatsgrenze werden über 100 als Grenzsoldaten getarnte Stasi-Leute postiert. Ihre Aufgabe: „Sollte Jahn den Zug zum Stehen bringen und entweichen, wird er aufgegriffen und in den Zug zurückgebracht.“ Auch im Zug sind Mielkes Leute. Ein als Reisender getarnter IM soll Jahn unter Kontrolle halten und verhindern, dass er die Notbremse zieht.

Roland Jahn wird  auf einer Demonstration von Stasi-Leuten sein Transparent entrissen und zerstört, auf dem „Schwerter zu Pflugscharen“ steht - der Leitspruch der oppositionellen DDR-Friedensbewegung.  
Roland Jahn wird auf einer Demonstration von Stasi-Leuten sein Transparent entrissen und zerstört, auf dem „Schwerter zu Pflugscharen“ steht - der Leitspruch der oppositionellen DDR-Friedensbewegung. Robert-Havemann-Gesellschaft/Bernd Albrecht

In Ketten in den Westen: Stasi plant Sicherheitsmaßnahmen wie bei einem Schwerverbrecher

Die Stasi will mit Gewalt verhindern, dass sich Jahn seiner Abschiebung widersetzt. Laut Plan sind daher auch Männer dabei, die der Abteilung VIII angehören. Zu deren operativen Geschäft gehören neben Überwachungen und Festnahmen auch Entführungen und Anschläge.

Laut dem Stasi-Bericht über die „Realisierung der Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR/Übersiedlung des Konterrevolutionärs Roland Jahn“ erscheint am 7. Juni 1983 der Bürgerrechtler im Rat der Stadt Jena. „Ich habe in dem Moment gar nicht damit gerechnet, dass ich abgeschoben werden sollte“, sagt Roland Jahn dem KURIER.

Wie geplant, wird er von Stasi-Leuten empfangen, die ihm mitteilen, dass er sofort die DDR zu verlassen habe. Laut Bericht nimmt Jahn dies zur Kenntnis, weigert sich aber die Papiere zu unterschreiben. Er macht klar, dass er in der DDR bleiben will. Jahn wird daraufhin festgenommen. Zwei Stasi-Männer fahren ihn zu seiner Wohnung, wo er seine Sachen packen soll. Jahn gelingt es, seinen Bewachern zu entwischen und in die nahe Wohnung einer Bekannten in die Jenaer Leninstraße zu fliehen. Dort nehmen ihn später die Stasi-Leute wieder fest.

Eine Knebelkette, wie sie auch die Stasi bei Roland Jahn einsetze.
Eine Knebelkette, wie sie auch die Stasi bei Roland Jahn einsetze.Sabine Gudath

Dabei wird Jahn von seinen Bewachern, Angehörige der berüchtigten Stasi-Abteilung VIII, mit einer Führungskette gefesselt, mit der man Gefangene abführt. Diese Knebelkette wird um das Handgelenk gelegt und dann verdreht. Der dadurch hervorgerufene Schmerz soll den Gefangenen gefügig machen. Und so wird auch das Fesseln von Jahn in dem Stasi-Bericht begründet: „Durch die Anwendung körperlicher Gewalt … musste sein Widerstand gebrochen werden.“

In Ketten in den Westen: Warum Roland Jahn die DDR nicht verlassen will

Doch Jahn  lässt sich seinen Willen nicht brechen, der gegen 18.40 Uhr zur Grenzübergangsstelle transportiert wird. Dort macht er erneut immer wieder klar, dass er in der DDR bleiben will. Jahn verlangt, mit dem DDR-Innenminister zu telefonieren. Seine Bewacher reagieren damit, dass sie ihm wieder die Knebelkette anlegen.

Der Plan zur Abschiebung von Roland Jahn: Stasi-Chef Erich Mielke hat ihn am 6. Juni 1983 mit „einverstanden, Abschiebegewahrsam garantieren“ und seiner Unterschrift zugestimmt.
Der Plan zur Abschiebung von Roland Jahn: Stasi-Chef Erich Mielke hat ihn am 6. Juni 1983 mit „einverstanden, Abschiebegewahrsam garantieren“ und seiner Unterschrift zugestimmt.BStU

„Ich wollte meine Eltern, meine Freunde, die Stadt und die Landschaft, meine Heimat nicht verlassen“, sagt Roland Jahn heute. „Die DDR war mein Land, auch wenn sie nicht mein Staat war. Ich wollte bleiben und helfen, dass sich in diesem Land etwas ändert.“

Etwa sechs Stunden bleibt Jahn in der Grenzübergangsstelle. Immer wieder testen die Stasi-Leute ihn, ob sein Widerstandswille gebrochen ist. Er ist es nicht, auch nicht dann, als bereits der nächste Tag angebrochen ist und gegen 3 Uhr früh der Zug nach München zur Abfahrt bereit steht.

Und so wird Jahn mit der Knebelkette gefesselt in den letzten Schlafwagen des D 301 gebracht. Die Fessel wird entfernt und die Tür des Abteils verschlossen. Laut Bericht reichen die Stasi-Leute dem ahnungslosen Schaffner die Papiere und erklären, dass es sich bei dem jungen Mann um eine „psychisch auffällige Person“ handle, „die unbedingt nach der BRD muss“. Daher sollte der Schaffner erst die Tür öffnen, wenn der Zug „das Territorium der BRD“ erreicht habe.

Vier Minuten dauert die  Zugfahrt über die Grenze, dann macht der D 301 auf der Westseite Halt in Ludwigsstadt. Dort nehmen ihn Beamte des bundesdeutschen Grenzschutzes in Empfang. Jahn erklärt ihnen, dass er gewaltsam und gegen seinen Willen aus der DDR abgeschoben wurde und er wieder zurück wolle. Doch es gibt für ihn kein Zurück. Laut den Papieren ist er mit einem Einreiseverbot in die DDR für immer belegt.

Erste Seite des detailierten Stasi-Berichtes über die Abschiebung ihres Staatsfeindes Roland Jahn.
Erste Seite des detailierten Stasi-Berichtes über die Abschiebung ihres Staatsfeindes Roland Jahn.BStU

Roland Jahn hat bis zum Fall der Mauer aus dem Westen versucht, etwas in der DDR zu verändern. Als Journalist (unter anderem für das ARD-Magazin „Kontraste“) machte er Geschehnisse öffentlich, schmuggelte Kameratechnik in den Osten, mit denen Oppositionsgruppen unter anderem Bilder lieferten, die Umweltzerstörungen und Menschenrechtsverletzungen in der DDR dokumentierten und auch die ersten Aufnahmen von den Montagsdemonstrationen in Leipzig zeigten.

Das Schlimmste an den Geschehnissen vor 40 Jahren sei gewesen, dass seine Familie damit belastet wurde, so Roland Jahn. „Mit meiner Abschiebung hat die DDR meinen Eltern den Sohn gestohlen.“

Und nicht nur das. „Besonders mein Vater bekam die Sippenverfolgung zu spüren, als ich zum Staatsfeind erklärt wurde“, sagt Roland Jahn. „Er hatte beim FC Carl-Zeiss Jena die Jugendabteilung mit aufgebaut und wurde Ehrenmitglied Nummer eins. Mit dem Tag meiner Abschiebung wurde ihm alles aberkannt – selbst die Tribünenkarte für die Heimspiele wurde ihm entzogen. Damit hat man ihm sein Lebenswerk genommen.“