Herzinfarkte sind eine häufige Todesursache.
Herzinfarkte sind eine häufige Todesursache. Imago/Science Photo Library

Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems sind die häufigste Todesursache in Berlin und Brandenburg. Rund 33 Prozent aller Todesfälle sind darauf zurückzuführen. Laut Charité ereignen sich etwa 10.000 Herzinfarkte pro Jahr in Berlin. Doch die Krankenkasse AOK schlägt jetzt Alarm: Viele Herzinfarkt-Patienten werden vor allem in der Hauptstadt nicht richtig behandelt, weil sie in das falsche Krankenhaus kommen. Was alles schiefläuft – und welche Kliniken im Notfall die beste Hilfe bieten.

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Viele Patienten mit Herzinfarkt werden nicht optimal versorgt, weil sie in Kliniken ohne Herzkatheterlabor eingeliefert werden. Von den rund 203.000 Herzinfarkt-Fällen im Jahr 2020 in Deutschland wurden sieben Prozent in Kliniken behandelt, die nicht über so ein lebensrettendes Katheterlabor verfügen. Das Problem betraf mehr als 14.000 Herzinfarkt-Behandlungen. Das zeigt das heute gestartete Online-Portal „Qualitätsmonitor“ des Wissenschaftlichen Instituts der AOK.

Experten empfehlen: Krankenhäuser ohne rund um die Uhr verfügbares Katheterlabor meiden

„In Kliniken, die häufig Herzinfarkte behandeln, können Patientinnen und Patienten die optimale Ausstattung und Erfahrung erwarten. So sollte bei schweren Herzinfarkten möglichst innerhalb von einer Stunde eine Herzkatheter-Behandlung erfolgen. In Häusern, die nur selten Herzinfarkte behandeln, ist das bis auf wenige Ausnahmen nicht gewährleistet“, sagt Jürgen Klauber, Geschäftsführer des AOK-Instituts.

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In einem Katheterlabor können Gefäßverschlüsse, die bei einem Herzinfarkt auftreten, optimal behandelt werden, erklärt die AOK. Der Rettungsdienst sollte Infarktpatienten deshalb so schnell wie möglich in eine Klinik mit Katheterlabor bringen. Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie empfiehlt, Krankenhäuser ohne rund um die Uhr verfügbares Katheterlabor zu meiden. „Der Qualitätsmonitor zeigt, dass es ein Problem bei der Steuerung und Information der Patientinnen und Patienten gibt, denn eigentlich haben wir in Deutschland keinen Mangel an Herzkatheterlaboren“,  erklärt Jürgen Klauber.

Die Betonung liegt auf eigentlich, wie der Fall Berlin exemplarisch zeigt. Die Hauptstadt schnitt in dem Vergleich deutschlandweit am schlechtesten ab. So gab es 2020 allein in Berlin neben der Charitè, dem Deutschen Herzzentrum Berlin und dem Helios-Klinikum Emil von Behring noch 24 weitere Kliniken mit durchgängig verfügbarem Herzkatheterlabor. Dennoch nahmen dort 18 weitere Kliniken ohne Katheterlabor an der Herzinfarkt-Versorgung teil. Das entspricht immerhin 39 Prozent aller Kliniken, die in Berlin an der Versorgung beteiligt waren.

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Am besten schneidet hier im Ländervergleich Hamburg ab, wo nur zwei Kliniken (zehn Prozent der an der Herzinfarkt-Versorgung beteiligten Häuser) kein Katheterlabor vorhielten.

Besonders ausgeprägt ist das Problem der nicht adäquaten Herzinfarkt-Versorgung in den deutschlandweit 362 Kliniken, die 2020 weniger als 25 Fälle pro Jahr behandelten. Nur jede fünfte Klinik in dieser Gruppe verfügte laut Qualitätsmonitor über ein Herzkatheterlabor.

Im Herzkatheterlabor der Oberhavel-Kliniken Henningsdorf. Es ist rund um die Uhr verfügbar. Dort wurden im Jahr 2020 370 Patienten behandelt.
Im Herzkatheterlabor der Oberhavel-Kliniken Henningsdorf. Es ist rund um die Uhr verfügbar. Dort wurden im Jahr 2020 370 Patienten behandelt. Imago/Gudath

Von den insgesamt 4108 Herzinfarkten in Kliniken mit weniger als 25 Fällen pro Jahr wurden 77 Prozent in Krankenhäusern ohne Herzkatheterlabor versorgt. In den Kliniken mit mehr als 240 Herzinfarkt-Fällen pro Jahr lag dieser Anteil hingegen bei null Prozent.

Diese Krankenhäuser haben in Berlin ein durchgängig verfügbares Herzkatheterlabor :

+ BG-Unfallklinik – Unfallkrankenhaus Berlin: 494 Fälle im Jahr 2020

+ Bundeswehrkrankenhaus Berlin: 49 Fälle

+ Caritas-Klinik Maria Heimsuchung Berlin-Pankow: 334 Fälle

+ Charité: 1426 Fälle

+ Deutsches Herzzentrum Berlin: 225 Fälle

+ DRK-Kliniken Berlin-Köpenick: 330 Fälle

+ DRK-Kliniken Berlin-Westend: 273 Fälle

+ Evangelisches Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge: 40 Fälle

+ Evangelisches Waldkrankenhaus Spandau: 117 Fälle

+ Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe: 153 Fälle

+ Helios-Klinikum Berlin-Buch: 252 Fälle

+ Helios-Klinikum Emil von Behring: 210 Fälle

+ Jüdisches Krankenhaus Berlin: 243 Fälle

+ Krankenhaus Hedwigshöhe: 286 Fälle

+ Martin-Luther-Krankenhaus: 144 Fälle

+ Park-Klinik Weißensee: 81 Fälle

+ Sana-Klinikum Lichtenberg: 334 Fälle

+ Sankt-Gertrauden-Krankenhaus: 254 Fälle

+ Schlosspark-Klinik: 157 Fälle

+ Vivantes Wenckebach-Klinikum: 301 Fälle

+ Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum: 295 Fälle

+ Vivantes-Klinikum Spandau: 268 Fälle

+ Vivantes-Klinikum Kaulsdorf: 98 Fälle

+ Vivantes Humboldt-Klinikum: 375 Fälle

+ Vivantes-Klinikum Am Urban: 355 Fälle

+Vivantes-Klinikum Neukölln: 456 Fälle

+ Vivantes-Klinikum im Friedrichshain: 557 Fälle

Dazu kommt in der AOK-Liste das Evangelische Krankenhaus Hubertus (83 Fälle), das im Jahre 2020 zwar ein Herzkatheterlabor hatte, das aber nicht durchgängig verfügbar (24/7) war.  

Gut schneidet Berlin bei der Behandlung von Brustkrebs ab: Alle Kliniken sind zertifiziert

Weitaus besser sieht es in Berlin bei der Behandlung von Brustkrebs aus. Auch diese Zahlen werden vom AOK-Qualitätsmonitor erhoben. In der Hauptstadt konnten alle operierenden Kliniken eine Zertifizierung als Brustkrebs-Zentrum vorweisen. In Brandenburg dagegen hatten 64,7 Prozent der an der Versorgung beteiligten Kliniken im Jahr 2020 keine solche Zertifizierung.

„Bei der Brustkrebs-Versorgung ist in den letzten Jahren erfreulicherweise eine gewisse Konzentration erkennbar“, berichtet Jürgen Klauber. Die vielfach kritisierte „Gelegenheitschirurgie“ werde weniger, habe aber immer noch ein relevantes Ausmaß.

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So wurden im Jahr 2020 in insgesamt 117 an der Brustkrebs-Versorgung beteiligten Krankenhäusern (20,3 Prozent) in Deutschland weniger als 25 Brustkrebs-Fälle operiert. Im Jahr 2016 betraf dies noch 157 Krankenhäuser (24,4 Prozent). „Man muss sich vor Augen halten, dass 25 OPs pro Jahr etwa einem Eingriff alle zwei Wochen entsprechen. Unter diesen Umständen kann man nicht davon ausgehen, dass es ein eingespieltes Team mit ausreichend Routine und eine eingespielte Prozesskette gibt“, so Klauber.