Gigafactory

Tesla feiert Rekordzahlen in Grünheide – und stoppt Lohn für kranke Mitarbeiter

Der Krankenstand in der Gigafactory ist von 17 auf unter fünf Prozent gesunken. Doch jetzt gibt es neuen Ärger um den Umgang mit kranken Mitarbeitern.

Author - Tobias Esters
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Die Tesla-Gigafactory in Grünheide bei Berlin – der Krankenstand ist auf unter fünf Prozent gesunken, doch die Methoden dahinter sorgen für Kritik.
Die Tesla-Gigafactory in Grünheide bei Berlin – der Krankenstand ist auf unter fünf Prozent gesunken, doch die Methoden dahinter sorgen für Kritik.Patrick Pleul/dpa

Von 17 auf unter fünf Prozent: Der Krankenstand in Teslas Gigafactory im brandenburgischen Grünheide ist dramatisch gesunken. Werksleiter André Thierig verkündete das stolz auf der Hannover Messe. „Ich glaube, da würden viele Unternehmen neidisch draufschauen, hätten sie das geschafft“, sagte er. Doch wie Tesla dieses Ergebnis erreicht, wirft ernste rechtliche Fragen auf, wie das Handelsblatt berichtet.

Neue Wohlfühlangebote, aber kein Lohn für Kranke

Thierig beschreibt einen neuen Geist in der Fabrik. Das Unternehmen habe ein Mitarbeiter-Aktienprogramm aufgelegt, ein Fitnessstudio gebaut und einen Barbershop eröffnet. Beschäftigte können zudem für 25 Euro pro Tag einen Tesla mieten. Die Mitarbeiter kämen mittlerweile sogar schon in der Arbeitskleidung zur Arbeit, so Thierig: „Die Leute finden es geil.“

Was Thierig nicht erwähnte: Mehrere Betriebsräte haben dem Handelsblatt bestätigt, dass Tesla derzeit wieder vermehrt Briefe an länger kranke Mitarbeiter verschickt, in denen der Konzern die Lohnfortzahlung einstellt. „Keine weitere Entgeltfortzahlung wegen möglicher Fortsetzungserkrankung“, lautet die Überschrift eines aktuellen Schreibens, das dem Handelsblatt vorliegt.

Tesla bestreitet laut dem Bericht darin, dass eine neue Erkrankung vorliegt, und fordert Mitarbeiter auf, ihre Ärzte von der Schweigepflicht zu entbinden sowie ihre Krankengeschichte detailliert offenzulegen. Das Unternehmen beruft sich auf ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts aus Januar 2023, das es Arbeitgebern erlaubt, das Vorliegen einer Neuerkrankung zu bestreiten.

Tesla-Werksleiter André Thierig verkündete auf der Hannover Messe stolz den gesunkenen Krankenstand – und sprach von einem neuen Geist in der Fabrik.
Tesla-Werksleiter André Thierig verkündete auf der Hannover Messe stolz den gesunkenen Krankenstand – und sprach von einem neuen Geist in der Fabrik.Sebastian Gollnow/dpa

Gregor Thüsing, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Bonn, hält Teslas Vorgehen für rechtlich bedenklich. „Das scheint mir doch etwas mehr, als die Rechtsprechung verlangt“, sagte er dem Handelsblatt. Kein Mitarbeiter müsse von sich aus ärztliche Diagnosen vortragen, und der Arzt müsse keine Diskussion mit Tesla über seine Diagnose führen. Was Tesla fordere, sei „juristisch hochumstritten“.

Gewerkschaft erkämpfte bereits Millionen für Betroffene

Die IG Metall hatte nach eigenen Angaben bereits 2024 rund 160.000 Euro für Beschäftigte erstritten, deren Lohn Tesla zuvor einbehalten hatte.

Gleichzeitig plant Tesla neues Wachstum in Grünheide. Bis Ende Juni sollen rund 1000 neue Mitarbeiter eingestellt werden, die Produktion soll auf 6000 Fahrzeuge pro Woche steigen. Dabei ist die Belegschaft in Grünheide seit März 2024 von gut 12.400 auf rund 10.700 Beschäftigte geschrumpft.

Der Grund laut Thierig: Automatisierung mache künftig weniger Personal für dieselbe Fahrzeugmenge nötig. Den Druck dahinter benennt er offen: „Wir konkurrieren mit Elektrofahrzeugen made in China. Und wenn wir da die Lieblings-Elektrofahrzeuge in Deutschland herstellen wollen, müssen wir an der Effizienzschraube drehen.“

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