Es juckt, brennt, schwillt an – und wer Pech hat, landet in der Notaufnahme. Der Eichenprozessionsspinner ist in diesem Sommer in Berlin so aggressiv verbreitet wie selten zuvor. Spielplätze gesperrt, Parks gesperrt, Sportplätze dicht. Selbst städtische Grünflächenmitarbeiter meiden ihre eigenen Einsatzorte, weil sie nach der Arbeit mit Hautausschlägen nach Hause kommen. Die Lage ist ernst, doch der Senat drückt sich.
Giftig, gefährlich, unterschätzt: Was die Raupe mit dem Körper macht
Wer glaubt, ein paar Härchen einer Raupe seien kein ernstes Gesundheitsproblem, hat noch keinen echten Kontakt mit dem Eichenprozessionsspinner gehabt.
Die mikroskopisch kleinen Brennhaare der Raupe enthalten Thaumetopoein: ein Eiweißgift, das sich beim Kontakt mit Haut oder Schleimhäuten verankert und dort eine Entzündungsreaktion auslöst, die mit keinem gewöhnlichen Insektenstich zu vergleichen ist. Die Folgen: starker Juckreiz, Quaddeln, Rötungen, Schwellungen und in schwereren Fällen allergischer Schock, Atemnot und ein medizinischer Notfall.

Das Tückische: Die Härchen lösen sich vom Nest, schweben durch die Luft und setzen sich auf Kleidung, Haut und in Atemwege – auch dann, wenn man die Raupe nie direkt berührt hat. Ein entspannter Spaziergang durch den Volkspark Jungfernheide kann in diesem Sommer zur Gesundheitsgefahr werden. Für Kinder, Allergiker und ältere Menschen gilt das umso mehr.
Zwölf Bezirke rufen um Hilfe – der Senat schickt Ratschläge
Was also tut der Berliner Senat angesichts dieser Lage? Wenig. Zu wenig. Alle zwölf Bezirke haben in der vergangenen Woche in einem gemeinsamen Brief Alarm geschlagen. Adressiert an Finanzsenator Stefan Evers, Gesundheitssenatorin Ina Czyborra und Umweltsenatorin Ute Bonde, forderten die Bezirksstadträte zentrale Koordinierung, Unterstützung und Handlung. Die Botschaft war eindeutig: Wir kommen alleine nicht mehr durch.

Die Antwort aus dem Krisentreffen am gestrigen Dienstag? Umweltstaatssekretär Andreas Kraus ließ mitteilen, dass in den nächsten Jahren mehr auf Prävention gesetzt werden solle. Und dass Beratungsangebote geplant seien – jene Beratung, die es, wohlgemerkt, bereits Ende vergangenen Jahres gab. Kraus’ stärkstes Argument: Man habe nicht vorhersehen können, dass der Befall dieses Jahr so schlimm werden würde.
Das ist, mit Verlaub, eine schwache Ausrede. Klimadaten, Vegetationsbeobachtungen und der Trend der vergangenen Jahre legen nahe, dass der Eichenprozessionsspinner kein unvorhersehbares Naturphänomen ist, sondern ein verlässlich wachsendes Problem – eines, auf das sich eine Stadtverwaltung vorbereiten kann und muss.
Der Senat sieht zu, während die Bezirke brennen
Die Bezirke sind in diesem Sommer vollständig auf sich allein gestellt. Reinickendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf – laut Krisentreffen besonders stark betroffen – sollen nun als Pilotbezirke herhalten, an deren Beispiel Lösungen für die kommenden Jahre entwickelt werden. Was für die Menschen dort klingt wie eine Perspektive, ist in Wirklichkeit ein Eingeständnis: Für diesen Sommer gibt es nichts.

Stattdessen werden die Raupen weiterhin abgesaugt, verklebt oder mit einem Bakterienpräparat bekämpft. Methoden, die funktionieren, wenn sie früh und koordiniert eingesetzt werden, die aber bei einem flächendeckenden Massenbefall an die Grenzen ihrer Kapazität stoßen. Und genau an diesem Punkt sind wir gerade.
Berlin braucht eine Antwort – nicht nächstes Jahr
Berlin ist keine Kleinstadt. Über 3,7 Millionen Menschen leben hier, die öffentliche Parks, Spielplätze und Wälder nicht als Luxus betrachten, sondern als Teil ihres Alltags. Wenn ein Gesundheitsrisiko diese Räume über Wochen unbenutzbar macht, ist das kein lokales Verwaltungsproblem. Das ist eine gesamtstädtische Aufgabe.




