Kommentar

Senat lässt Berliner im Stich: Eichenprozessionsspinner-Terror auf eigene Gefahr

Was beim Berliner Krisentreffen zum Eichenprozessionsspinner herauskam, ist ein Armutszeugnis für eine Millionenstadt.

Author - Sharone Treskow
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So sehen Eichenprozessionsspinner von Nahem aus – hier kann man gut die gefährlichen Härchen erkennen.
So sehen Eichenprozessionsspinner von Nahem aus – hier kann man gut die gefährlichen Härchen erkennen.H. Bouwmeester/Agami

Es juckt, brennt, schwillt an – und wer Pech hat, landet in der Notaufnahme. Der Eichenprozessionsspinner ist in diesem Sommer in Berlin so aggressiv verbreitet wie selten zuvor. Spielplätze gesperrt, Parks gesperrt, Sportplätze dicht. Selbst städtische Grünflächenmitarbeiter meiden ihre eigenen Einsatzorte, weil sie nach der Arbeit mit Hautausschlägen nach Hause kommen. Die Lage ist ernst, doch der Senat drückt sich.

Giftig, gefährlich, unterschätzt: Was die Raupe mit dem Körper macht

Wer glaubt, ein paar Härchen einer Raupe seien kein ernstes Gesundheitsproblem, hat noch keinen echten Kontakt mit dem Eichenprozessionsspinner gehabt.

Die mikroskopisch kleinen Brennhaare der Raupe enthalten Thaumetopoein: ein Eiweißgift, das sich beim Kontakt mit Haut oder Schleimhäuten verankert und dort eine Entzündungsreaktion auslöst, die mit keinem gewöhnlichen Insektenstich zu vergleichen ist. Die Folgen: starker Juckreiz, Quaddeln, Rötungen, Schwellungen und in schwereren Fällen allergischer Schock, Atemnot und ein medizinischer Notfall.

So sieht ein starker Eichenprozessionsspinner-Befall aus.
So sieht ein starker Eichenprozessionsspinner-Befall aus.Robert Poorten/imago

Das Tückische: Die Härchen lösen sich vom Nest, schweben durch die Luft und setzen sich auf Kleidung, Haut und in Atemwege – auch dann, wenn man die Raupe nie direkt berührt hat. Ein entspannter Spaziergang durch den Volkspark Jungfernheide kann in diesem Sommer zur Gesundheitsgefahr werden. Für Kinder, Allergiker und ältere Menschen gilt das umso mehr.

Zwölf Bezirke rufen um Hilfe – der Senat schickt Ratschläge

Was also tut der Berliner Senat angesichts dieser Lage? Wenig. Zu wenig. Alle zwölf Bezirke haben in der vergangenen Woche in einem gemeinsamen Brief Alarm geschlagen. Adressiert an Finanzsenator Stefan Evers, Gesundheitssenatorin Ina Czyborra und Umweltsenatorin Ute Bonde, forderten die Bezirksstadträte zentrale Koordinierung, Unterstützung und Handlung. Die Botschaft war eindeutig: Wir kommen alleine nicht mehr durch.

Schilder warnen in der ganzen Stadt vor den Eichenprozessionsspinnern. Doch das reicht nicht als Maßnahme (Symbolbild).
Schilder warnen in der ganzen Stadt vor den Eichenprozessionsspinnern. Doch das reicht nicht als Maßnahme (Symbolbild).Michael Bihlmayer/imago

Die Antwort aus dem Krisentreffen am gestrigen Dienstag? Umweltstaatssekretär Andreas Kraus ließ mitteilen, dass in den nächsten Jahren mehr auf Prävention gesetzt werden solle. Und dass Beratungsangebote geplant seien – jene Beratung, die es, wohlgemerkt, bereits Ende vergangenen Jahres gab. Kraus’ stärkstes Argument: Man habe nicht vorhersehen können, dass der Befall dieses Jahr so schlimm werden würde.

Das ist, mit Verlaub, eine schwache Ausrede. Klimadaten, Vegetationsbeobachtungen und der Trend der vergangenen Jahre legen nahe, dass der Eichenprozessionsspinner kein unvorhersehbares Naturphänomen ist, sondern ein verlässlich wachsendes Problem – eines, auf das sich eine Stadtverwaltung vorbereiten kann und muss.

Der Senat sieht zu, während die Bezirke brennen

Die Bezirke sind in diesem Sommer vollständig auf sich allein gestellt. Reinickendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf – laut Krisentreffen besonders stark betroffen – sollen nun als Pilotbezirke herhalten, an deren Beispiel Lösungen für die kommenden Jahre entwickelt werden. Was für die Menschen dort klingt wie eine Perspektive, ist in Wirklichkeit ein Eingeständnis: Für diesen Sommer gibt es nichts.

So sieht es aus, wenn die Nester abgesaugt werden. Das müsste theoretisch in der ganzen Stadt passieren.
So sieht es aus, wenn die Nester abgesaugt werden. Das müsste theoretisch in der ganzen Stadt passieren.Bkr/imago

Stattdessen werden die Raupen weiterhin abgesaugt, verklebt oder mit einem Bakterienpräparat bekämpft. Methoden, die funktionieren, wenn sie früh und koordiniert eingesetzt werden, die aber bei einem flächendeckenden Massenbefall an die Grenzen ihrer Kapazität stoßen. Und genau an diesem Punkt sind wir gerade.

Berlin braucht eine Antwort – nicht nächstes Jahr

Berlin ist keine Kleinstadt. Über 3,7 Millionen Menschen leben hier, die öffentliche Parks, Spielplätze und Wälder nicht als Luxus betrachten, sondern als Teil ihres Alltags. Wenn ein Gesundheitsrisiko diese Räume über Wochen unbenutzbar macht, ist das kein lokales Verwaltungsproblem. Das ist eine gesamtstädtische Aufgabe.

Manche Parks kann man aktuell als Berliner nicht betreten, weil die Stadt den Befall der Giftraupen nicht im Griff hat. Peinlich für eine Weltmetropole.
Manche Parks kann man aktuell als Berliner nicht betreten, weil die Stadt den Befall der Giftraupen nicht im Griff hat. Peinlich für eine Weltmetropole.T.Seeliger/imago

Was gebraucht wird, ist das, was die Bezirke zu Recht gefordert haben: zentrale Koordinierung, einheitliche Ressourcen, ein konkreter Maßnahmenplan – nicht für 2027, sondern für jetzt. Solange der Senat das verweigert und die Verantwortung auf zwölf Bezirke mit zwölf verschiedenen Budgets und Kapazitäten abwälzt, ist die einzige verlässliche Empfehlung an Berliner Familien: Haltet die Kinder von bestimmten Parks fern, und hofft, dass der Sommer schnell vorbeigeht.

Doch das kann nicht der Anspruch einer Millionenstadt sein. Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema? Sind Sie von den Eichenprozessionsspinnern betroffen? Schicken Sie uns einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.