Es fallen Schüsse auf Bars, in einem Club in Kreuzberg explodiert eine Handgranate, Unbekannte feuern auf das Haus eines wohlhabenden Mannes aus der türkisch-kurdischen Szene. Eine neue Welle organisierter Gewalt erschüttert seit Monaten Berlin. Die Hauptstadt ist zum Schauplatz eines Bandenkriegs geworden. Die Drahtzieher sitzen in der Türkei und kämpfen um Reviere in Berlin. Ihre Helfershelfer rekrutieren sie auf Tiktok.
Immer mehr Angriffe mit Schusswaffen
Vor allem Geschäftsleute mit türkischen Wurzeln leben in Angst. Es geht um Drohanrufe und Forderungen nach Schutzgeld. Wer nicht zahlt, muss mit Konsequenzen rechnen, heißt es. Viele Betroffene schweigen aus Furcht und wenden sich nicht an die Polizei.
Die Gewalt eskaliert sichtbar. Rivalisierende Gruppen kämpfen um Einfluss, auch im lukrativen Drogenhandel. Berlins Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) spricht von einer neuen Dimension der Bedrohung.

Attentäter reisen als Touristen ein
„Wir sehen inzwischen rivalisierende Banden, die auf Berlins Straßen sichtbar Gewalt einsetzen, sei es durch Handgranatenwürfe auf Lokale, sei es durch Schüsse auf Menschen, Fahrzeuge und auch Gebäude“, sagte Badenberg dem RBB.
Die Zahlen belegen die Entwicklung: 2025 registrierte die Polizei 543 Fälle von Schussabgaben sowie 629 Bedrohungen mit Schusswaffen. Ein Jahr zuvor waren es mit 363 Schüssen und 303 Drohungen noch deutlich weniger.
Im Fokus der Ermittler stehen vor allem türkisch-kurdische Gruppierungen. Täter reisen gezielt aus der Türkei ein, um Anschläge zu verüben. Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel erklärte, die Männer kämen kurzfristig mit Touristenvisa, führten Aufträge aus und verschwänden danach wieder.
Was sich nun in Berlin ausbreitet, hat in der Türkei längst Tradition: Straßenbanden der „neuen Generation“, finanziert durch Erpressung sowie Drogen- und Waffenhandel. Besonders gefürchtet sind die Daltons, bekannt für extreme Brutalität und die Rekrutierung über soziale Medien. Laut Beobachtern sollen allein in Istanbul rund 1000 bewaffnete Mitglieder aktiv sein, viele davon Jugendliche.

Versprechen von schnellem Reichtum in der Bande
Die Banden inszenieren sich online als glamouröse Parallelwelt. Teure Autos, Bargeld, Waffen – es ist das Versprechen von Ruhm und Reichtum, das junge Menschen aus armen Vierteln anzieht. „Drogendealer verdienen 250.000 bis 300.000 Lira im Monat“, sagt der Journalist Osman Cakli. „Ein Textilarbeiter arbeitet jeden Tag 13 bis 14 Stunden in der Fabrik, ist oft nicht versichert und bekommt keinen Mindestlohn. Wenn die Kinder dieser Familien nicht gefasst werden, verdienen sie in wenigen Monaten das Einkommen von vielleicht zwei oder drei Jahren.“
Der Einstieg in die kriminelle Szene ist erschreckend einfach. „Jemand, der unter einem Video auf Tiktok einen Kommentar hinterlässt, kann zwei Monate später als Auftragsmörder tätig werden.“ Waffen seien leicht zu beschaffen, sogar Sturmgewehre für wenige Hundert Euro.
Berüchtige Daltons-Bande in Berlin aktiv
Die Türkei spielt zugleich eine Schlüsselrolle im internationalen Drogenschmuggel. Kartelle nutzen ihre Häfen als Einfallstor für Kokain nach Europa. Ein Teil dieser Strukturen versucht nun, neue Märkte zu erschließen – auch in Berlin. Für die Banden ist die Hauptstadt attraktiv: eine Metropole mit florierendem Drogenhandel und aus Sicht der Täter überlasteten Sicherheitsbehörden.
Dass die Daltons bereits präsent sind, zeigte sich selbst öffentlich. Bei einer Beerdigung im Berliner Clan-Milieu im Januar tauchte ein Kranz mit der Aufschrift „Daltonlar“ auf.
Die Polizei reagiert mit massivem Druck. Seit November ermittelt eine große Sondereinheit des LKA mit dem Namen „Ferrum“. Beamte durchsuchen nahezu jede Nacht Shisha-Bars, Imbisse und bekannte Treffpunkte in mehreren Bezirken. Rund 5000 Menschen, 3000 Fahrzeuge und mehr als 800 Lokale wurden kontrolliert.




