Das alte Schlecker-Schild ist noch zu sehen, auch die Fassade der Blumberger Apotheke. Im Januar hat der Abriss der Kleeblatt-Passage in Berlin-Marzahn begonnen. Viele Anwohner sind sauer. Denn viele Jahre war der Versorgungskomplex der Kiez-Treffpunkt. Jetzt sollen auch hier Wohnblöcke hochgezogen werden.
Gebäude dem Verfall preisgegeben
„Es ist eine Schande“, sagt ein älteres Pärchen, das gerade in der Hohensaatener Straße spazieren geht, als der KURIER den Abriss fotografiert. Die Kleeblatt-Passage aus den 90ern wäre früher ideal gewesen. Alle wichtigen Geschäfte gab es hier an einem Fleck – jetzt sei aber nur noch der Rewe-Markt da.
Brutal haben die Bagger eine Schneise durch den Beton geschlagen. Schon zu DDR-Zeiten wurden für jedes Neubaugebiet solche Dienstleistungszentren geplant. Nicht unbedingt schön, aber praktisch. Sie standen für kurze Wege. Geschäfte (Blumenladen), Dienstleistungen (Reinigung, Post), Bücherei, Jugendklub, Restaurant und Kneipe gab es so an einem Fleck.
Doch Gewerbemieter zogen aus, neue wurden irgendwann nicht mehr gesucht. Solcher Kieztreffpunkte gibt es kaum noch in Marzahn, Hellersdorf, Lichtenberg oder Hohenschönhausen. Die Grundstücke werden nur noch als wertvolle Fläche gesehen. Das Alte wird abgerissen und die Grundstücke neu bebaut. Das Problem: Die DDR-Wohngebiete werden so immer weiter verdichtet, die einstmals geplante Weite verschwindet.
Gebaut wird direkt vor die Balkone der Alt-Mieter
So auch an der Kleeblatt-Passage. Die Gewobag baut hier einen Gebäudekomplex aus Hochhäusern – mit neun, elf und 17 Stockwerken und 375 Wohnungen. Mitten rein in das Wohngebiet, direkt vor die Balkone der Alt-Mieter.

„Wenn ich auf unseren Balkon gehe und mir vorstelle, da künftig nur auf Beton zu schauen – das ist für mich eine unzumutbare Vorstellung“, sagte Mieterin Anke Preuß im Mai vergangenen Jahres, als der KURIER zum ersten Mal über die Gewobag-Pläne berichtete. „Dieser Bau würde unser komplettes Wohngebäude verschatten. Aber ein Umzug? Das kommt nicht infrage. Ich wohne hier doch schon seit über 40 Jahren!“
Die Anwohner schlossen sich zusammen, sammelten Unterschriften gegen Abriss und Neubau, protestierten bei der Bezirksverordnetenversammlung gegen „den massiven Eingriff, der das Gleichgewicht des Quartiers völlig aus der Balance bringen würde“. Es gebe hier sowieso schon zu wenige Hausärzte und Kitas.
Noch in diesem Jahr beginnt der Neubau von 375 Wohnungen
Doch genutzt hat es nichts. Der Abriss schreitet voran. Noch in diesem Jahr soll auf dem Grundstück an der Hohensaatener Straße 18 der Bau der Wohntürme mit 375 Wohnungen beginnen. Im Erdgeschoss verspricht die Gewobag „eine lebendige Einkaufspassage mit Geschäften des täglichen Bedarfs“. In zwei Jahren sollen die Wohnungen einzugsbereit sein.

Das landeseigene Wohnungsunternehmen verrät auch schon die geplanten Mietpreise. Ein-Zimmer-Wohnungen sollen mit WBS 100/140 ab 432 Euro warm kosten, mit WBS 160 bis 220 ab 524 Euro. 2-Zimmer-Wohnungen gibt es ab 612 bzw. 730 Euro, 3-Zimmer-Wohnungen ab 783 bzw. 947 Euro.





