Es gibt im Fußball immer wieder Dinge, die tauchen in keinem Trainingsplan auf. Das hat einen Grund. Wenn auch nur einen einzigen. Manches kann trotz Taktiktafel, trotz Analyse der gegnerischen Spielweise, trotz einstudierter Laufwege, trotz ausgetüftelter Standardsituationen und blinden Verständnisses untereinander nicht einkalkuliert werden. Bruder Zufall ist oft der beste Joker.
Als Dahoud ins Leere schlägt, beginnt das Chaos
Nehmen wir den Freitagabend beim 1. FC Union Berlin im Stadion An der Alten Försterei. Nichts deutete wenige Minuten vor Schluss darauf hin, dass in dem bis dahin chancen- und niveauarmen Spiel noch Aufregendes passiert.
Weil Eintracht-Joker Mahmoud Dahoud im Strafraum der Eisernen aber ein kapitales Luftloch schlug, kam Nathaniel Brown an den Ball und hämmerte ihn wie einen Strich in die linke Torecke. Dass Dahoud in einer Partie, die nicht gerade für geglückte Aktionen steht, für eine der misslungensten einen Scorerpunkt für die Vorbereitung eines Treffers erhielt, ist ein Witz. Wer ein Spiel seriös bewerten will, gerät da fix in Schieflage. Aber: Der Zufall eben.

Ähnlich verhält es sich mit dem Ausgleich. Welcher Teufel mag in Oscar Höjlund gefahren sein, vor den Augen des Schiedsrichters und vor zig Kameras, die Bilder in den VAR-Keller senden, Rani Khedira festzuhalten? Ziemlich viel Blödheit, ein wenig aber auch Zufall.
Die Folge: Platzverweis, Elfmeter, Ausgleich, auch wenn es einer der schlampigsten Elfmeterschüsse war, der in der Bundesliga je zum Tor geführt hat. Macht jemand das in der Kreisliga, werden ihm die Leviten gelesen. Erst recht in Deutschlands Eliteliga. Nicht immer heiligt der Zweck, nämlich ein Tor, die Mittel. Jedenfalls fällt es auch beim 1:1 nicht leicht, von einem klassisch herausgespielten Treffer zu reden.
Dümmstes Foul des Spiels – und der Elfer sitzt trotzdem
Zugleich ist völlig klar, dass ohne Zufall viel weniger Tore fallen würden. Alles wäre vorhersehbar, könnte, so fein es von den Angreifern auch herausgespielt wird, von jeder Abwehr besser antizipiert und damit verteidigt, wenn nicht komplett verhindert werden. War die Partie zwischen den Köpenickern und den Hessen mehr als 80 Minuten alles andere als ein Gourmethäppchen, kam wenigstens ganz am Ende ein klein wenig Bewegung in die Strafräume.

Oft schon brachte in anderen Partien ein abgefälschter Schuss das Ding erst ins Rollen. Sorgte ein eigentlich unerklärlicher Fehler, der sonst nicht einmal im Schlaf passiert, für ein Signal. Tore der Marke „prächtig herausgespielt“, „ohne jeglichen Schnörkel“ aufgebaut oder „da kam kein Verteidiger auch nur mit der Fußspitze heran“ sind die seltensten.
Verhindert wird das, weil in den Strafräumen üblicherweise zu viel Verkehr herrscht. Rani Khedira, vierfacher Torschütze in dieser Saison, wäre nicht der 1:0-Siegtreffer im Auswärtsspiel bei St. Pauli gelungen, hätte er zuvor nicht Andrej Ilic höchst unfreiwillig angeschossen, womit die Situation eine komplett andere wurde.
Auch hätte Unions Vizekapitän beim 1:3 bei der TSG Hoffenheim keinen Treffer erzielt, wäre da nicht Grischa Prömels Fußspitze gewesen, die der Kugel eine völlig andere Richtung gab. In der Sprache der Trainer heißt es dann, dass die berühmten Kleinigkeiten den Ausschlag gegeben hätten.
Warum ohne Zufall kaum Tore gefallen wären
Vor Jahren hatte ich an dieser Stelle schon mal eine Rubrik erwähnt, die sich die ARD als Kontrast zu ihrem Tor des Monats hatte einfallen lassen: das Anti-Tor des Monats.
Ein Treffer in einer unterklassigen Liga bleibt mir in besonderer Erinnerung: morastiges Spielfeld; von Pfützen übersäter Torraum; der Ball, der damals noch aus Leder war, tropfnass; ganz langsam rollt dieses schwere Etwas Richtung Tor; der Verteidiger holt aus, als ob er den Ball über die Tribüne bolzen würde; er bleibt mit seinem Fuß im Tornetz hängen und muss zusehen, wie die Kugel bis kurz hinter die Linie rollt und dort wie zum Hohn liegenbleibt.
Als Anti-Tor – für den einen zum Heulen, für den anderen zum Wiehern – unschlagbar!


