Union-Kolumne

Moral pur! Union zeigt Comeback-Qualitäten

Erst einmal zuvor in ihrer Bundesligahistorie ist es dem 1. FC Union gelungen, wie beim 2:2 gegen Mainz nach einem Zwei-Tore-Rückstand zu punkten.

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Der Lohn der eisernen Aufholjagd: Stürmer Marin Ljubicic trifft für den 1. FC Union gegen den FSV Mainz 05 noch zum Ausgleich und rettet einen Punkt.
Der Lohn der eisernen Aufholjagd: Stürmer Marin Ljubicic trifft für den 1. FC Union gegen den FSV Mainz 05 noch zum Ausgleich und rettet einen Punkt.Matthias Koch/imago

So häufig gelingt es dem 1. FC Union Berlin nicht, wie er zum Wiederbeginn der Bundesliga beim 2:2 gegen Mainz gepunktet hat. Nach einem Zwei-Tore-Rückstand kamen die Rot-Weißen mit einem blauen Auge davon. Das ist für sie auch deshalb außergewöhnlich, weil es nach einem 2:2 gegen Ende der vorigen Saison im Heimspiel gegen Werder Bremen erst zum zweiten Mal passiert ist, dass sie in einer solchen Situation noch etwas gerissen haben.

Für das Team um Kapitän Christopher Trimmel ist es schon immer ein Erfolg gewesen, überhaupt 0:1-Rückstände aufzuholen. Ganz außergewöhnlich ist es, ein Spiel ganz und gar zu drehen. So wie es im vorigen Spieljahr bei Eintracht Frankfurt und in Freiburg geglückt ist und damit der Aufschwung in sichere Tabellengefilde einherging.

Union beweist Comeback-Qualitäten: Moral stimmt für die Rückrunde

Andererseits ist es so, dass man aus Spielen wie dem jetzt gegen Mainz mehr mitnimmt als aus vielen anderen. Dass man sich gefühlt als Sieger vorkommt, während der andere quasi im Regen steht. Vor allem dann, wenn jemand in der Situation ist wie die Mainzer, denen Unentschieden nicht wirklich weiterhelfen. Noch nicht verloren haben die Nullfünfer in drei Spielen unter Urs Fischer. Doch einen entscheidenden Schritt weg von der Roten Laterne haben sie mit drei Unentschieden nicht hinbekommen. Für die Eisernen dagegen ist alles so weit in Ordnung. Sie haben die Teams in der unmittelbaren Gefahrenzone zumindest auf Distanz gehalten.

Immer wieder Doekhi: Der Union-Verteidiger, selbst bereits fünfmal erfolgreich, bereitete mit einem wuchtigen Kopfball den Ausgleich gegen Mainz vor.
Immer wieder Doekhi: Der Union-Verteidiger, selbst bereits fünfmal erfolgreich, bereitete mit einem wuchtigen Kopfball den Ausgleich gegen Mainz vor.Sebastian Räppold/Matthias Koch/imago

Spiele noch zu drehen oder sie nach einem deutlichen Rückstand zu einem Unentschieden zu bringen, hat eine ganz besondere Note. Für den deutschen Fußball liegt das Schlüsselerlebnis einer solchen Partie im WM-Titel von 1954. Aus zwei Gründen ist es das „Wunder von Bern“ geworden: Erstens, weil die eigentlich unbezwingbaren Ungarn besiegt wurden. Und zweitens, weil es nach einem 0:2-Rückstand passierte, den Ferenc Puskas (6.) und Zoltan Czibor (8.) herbeigeführt hatten. Max Morlock (10.) und Helmut Rahn (18.) glichen aus, ehe der „Boss“ („Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen …“) kurz vor Schluss die Sensation perfekt machte. Es ist die spektakulärste Aufholjagd, die der deutsche Fußball je erlebt hat.

Nach 0:2-Schock gegen Mainz: Eiserne erkämpfen sich ein 2:2

Dabei gibt es solche und ähnliche Spektakel immer wieder. Selbst auf höchstem Niveau. Wie sonst hätte AC Mailand 2005 das Finale der Champions League gegen Liverpool nach einem 3:0 zur Halbzeit noch verlieren können? Innerhalb von sechs Minuten (!) holten die Reds den Rückstand unter anderem durch einen Treffer von Xabi Alonso, dem späteren Meistertrainer von Bayer Leverkusen, auf, um im Elfmeterschießen, in dem Dietmar Hamann Englands Rekordmeister gleich im ersten Versuch auf Siegkurs brachte, zu triumphieren.

Dass sogar ein Vier-Tore-Rückstand aufgeholt wird, ist zwar viel seltener, kommt aber dennoch vor. In der Bundesliga passierte das genau zweimal. Zu Zeiten von Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Gerd Müller lag Bayern München in Bochum nach 53 Minuten 0:4 zurück, machte daraus innerhalb von 20 Minuten ein 5:4, um am Ende mit 6:5 zu gewinnen. Vor acht Jahren war Schalke bei einem 0:4-Halbzeitrückstand in Dortmund eigentlich mausetot. Nach dem Coup zum 4:4 zumal gegen den Erzfeind ließen die Königsblauen ein T-Shirt herstellen mit diesem Aufdruck: Derbysieger.

Baumgart-Team sendet starkes Signal vor den Spielen in Augsburg und Stuttgart

Haargenau denselben Verlauf nahm im Herbst 2012 das WM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Schweden. Eine halbe Stunde vor Schluss führte das Team um Kapitän Philipp Lahm in Berlin 4:0, verzog sich nach dem 4:4 aber mit finsteren Mienen aus dem Olympiastadion. Ein Gutes hatte die furiose Aufholjagd der Schweden (oder das unerklärliche Nachlassen der Deutschen) letztlich aber doch. Es war ein ungewöhnlicher Tupfer auf dem Weg zum Titel zwei Jahre später in Brasilien.

Damit kann der Jahresauftakt des 1. FC Union natürlich nicht einmal im Ansatz mithalten. Dass es das Team von Trainer Steffen Baumgart innerhalb von neun Minuten dennoch zum kaum noch erwarteten Punktgewinn brachte, ist nicht das schlechteste Statement für die Partie am Donnerstag in Augsburg und die für die Eisernen am Sonntag in Stuttgart beginnende Rückrunde. Die Moral, so das allgemeine Lob, ist intakt. Das ist bei Teams wie den Eisernen schon mal so gut wie die halbe Miete.