Es ist ein historischer Tag für den DDR-Sport. Am 5. Februar 1956 gewinnt Harry Glaß die erste Olympiamedaille für die DDR. Bei den Winterspielen in Cortina d’Ampezzo sichert sich der Skisprung-Stilist aus Klingenthal Bronze von der Normalschanze.
Mit seinem Triumph verblüfft Glaß nicht nur die deutsche Öffentlichkeit, sondern stellt auch die DDR-Staatsführung zufrieden. Denn: Mit seinem Edelmetall verhindert Glaß einen Erfolg für den westdeutschen Athleten Max Bolkart. Der Allgäuer und große Rivale wird nur Vierter. Heute jährt sich der historische Tag zum 70. Mal.
Heinz-Florian Oertel kommentiert auf unnachahmliche Art und Weise
Heinz-Florian Oertel, die legendäre Reporter-Stimme aus dem Osten, kommentiert diesen historischen Augenblick auf seine unnachahmliche Art und Weise. „Das ist doch eine fabelhafte Leistung“, ruft er ins Radiomikrofon, als Glaß zu Olympia-Bronze springt: „Jetzt können Sie weiter essen. Und vielleicht auch ein Glas Wein aufmachen.“
Die Bronzemedaille, zugleich das erste Edelmetall eines deutschen Skispringers überhaupt, ist der sportliche Höhepunkt für einen der besten deutschen Wintersportler seiner Zeit.
Glaß kann Führung im zweiten Durchgang nicht halten
Der Wettkampf, der am letzten Tag der Spiele stattfindet, ist an Dramatik nicht zu überbieten. Glaß sorgt mit einem Sprung auf 83,5 Meter für eine faustdicke Überraschung und liegt nach dem ersten Durchgang in Führung.
Allerdings kann Glaß diese Position im zweiten Durchgang nicht halten. Im zweiten Sprung geht Glaß auf Nummer sicher, will nicht stürzen und landet bei nur 80,5 Meter. Dem bis dahin nicht als Titelfavorit gesehenen Finnen Antti Hyvärinen gelingt hingegen ein stilistisch sauberer Sprung auf 84 Meter. Damit sichert er sich Gold, sein Teamkollege Aulis Kallakorpi wird Zweiter. Dennoch erreicht Glaß mit Bronze Historisches – auch wenn ihm zu Silber nur ein halber Punkt fehlt.

Statt Glaß wird Recknagel erster Olympiasieger
Vier Jahre später nimmt die Karriere von Glaß ein tragisches Ende. 1960 stürzt er im Training auf der Bergisel-Schanze in Innsbruck bei der Vierschanzentournee. Ein Trümmerbruch im rechten Knöchel ist die Folge.
Glaß verpasst wegen der Verletzung die Olympische Spiele in Squaw Valley. Noch in Innsbruck wird er operiert, später in die Berliner Charite verlegt. Dort muss er vom Krankenbett aus mit anschauen, wie sein aufstrebender Widersacher Helmut Recknagel den ersten Olympiasieg eines DDR-Sportlers bei Winterspielen einfährt.
Mit 31 Jahren tritt Harry Glaß vom Leistungssport zurück
Das Drama bewegt die DDR-Öffentlichkeit enorm. Am Krankenbett bekommt er unzählige Genesungswünsche überreicht und auch Besuch von den beiden DDR-Größen Walter Ulbricht und Erich Honecker.
Von dieser Verletzung erholt sich Glaß nicht mehr. Im Dezember 1961 tritt er vom Leistungssport zurück. Der rechte Fuß macht ihm zu sehr zu schaffen. Außerdem ist er zu diesem Zeitpunkt bereits 31 Jahre alt.
Viele gesundheitliche Probleme nach Karriereende
Dem Sport bleibt Glaß nach seiner aktiven Karriere erhalten. Als Mitarbeiter der Sportvereinigung Dynamo ist er Angehöriger der Deutschen Volkspolizei. Er arbeitet von 1962 bis 1980 als Trainer im Nachwuchsbereich des SC Dynamo Klingenthal.
In den Jahren danach geht es Glaß, der am 11. Oktober 1930 in Klingenthal geboren wurde, gesundheitlich nicht gut. 1982 erleidet er einen Herzinfarkt. Ab 1988 ist er Früh-Rentner wegen eines Gehschadens als Folge seiner Sturzverletzung aus Innsbruck.
Glaß stirbt im Dezember 1997
Harry Glaß, der von vielen Wegbegleitern als stiller Charakter beschrieben wird, stirbt am 14. Dezember 1997 in Rodewisch nahe seiner Heimatstadt. „Die Pumpe will schon seit langem nicht mehr so richtig“, zitiert ihn das „Neue Deutschland“ in einem Nachruf. Der Olympia-Held wird für immer unvergessen bleiben.


