Interview zum WM-Start

Sami Khedira: „Manuel Neuer hat eine ganz andere Aura als Oliver Baumann“

Sami Khedira bewertet Deutschlands Chancen bei der WM 2026, das überraschende Neuer-Comeback und die Pläne der Fifa für eine zukünftige XXL-WM.

Author - Julia Nothacker
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Was traut Sami Khedira der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2026 zu?
Was traut Sami Khedira der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2026 zu?Mladen Lackovic/imago

Er war selbst mittendrin, als Deutschland 2014 Weltmeister wurde. Heute blickt Sami Khedira auf die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft mit einem ganz anderen Blick: als Experte. Während sich die Fans schon auf das Mega-Turnier 2026 in den USA, Kanada und Mexiko freuen, spricht der Ex-Nationalspieler Klartext: Was muss die DFB-Elf liefern? Wer entscheidet das Turnier? Und was hält er vom Sensations-Comeback von Manuel Neuer? Khedira hat in unserem Interview eine klare Meinung.

Sami Khedira über die Chancen der DFB-Elf bei der WM 2026

Eins steht fest: Auch zwölf Jahre nach dem WM-Sieg und fünf Jahre nach seinem Ende als Fußballprofi hat Sami Khedira nicht an Beliebtheit verloren. Als wir den 39-Jährigen, der heute als Berater, Experte und Unternehmer tätig ist, im Berliner Flagship-Store der Kinderprodukt-Marke Cybex zum Interview treffen, kann sich Sami vor Autogramm- und Fotowünschen kaum retten. Auffallend: Vor allem die Kleinen sind an diesem Tag ganz aufgeregt, den Weltmeister von 2014 zu treffen.

Wenige Tage vor dem Start der WM 2026 ist auch Sami Khedira ganz nervös – vor allem deswegen, weil sein jüngerer Bruder Rani im Kader der tunesischen Nationalmannschaft ist. „Ich bin sein größter Fan auf der Tribüne“, sagt Sami dem Berliner KURIER.

Rani und Bruder Sami Khedira (r.) 2015.
Rani und Bruder Sami Khedira (r.) 2015.Sportfoto Rudel/Imago

So groß der Stolz auf den jüngeren Bruder auch ist, Sami wünscht sich nicht nur für Tunesien, sondern natürlich auch für Deutschland ein gute Platzierung. Seine Einschätzung: „Ich habe großes Vertrauen in unsere Mannschaft – wohlwissend, dass wir kein Top-Favorit sind. Ich glaube, wir dürfen den WM-Titel nicht von ihnen verlangen – was nicht heißt, dass die Mannschaft nicht den Anspruch hat, ihn zu gewinnen. Es wird schwierig, aber mit dem richtigen Turnierbau, dem richtigen Vibe, der richtigen Stimmung haben wir Chancen, ins Halbfinale zu kommen. Wichtig ist, dass sie einen guten Flow haben und gut ins Turnier reinkommen. Entscheidend ist, dass die Stammspieler fit bleiben und sich keiner verletzt: Joshua Kimmich, Manuel Neuer, Aleksandar Pavlović, Florian Wirtz, Jamal Musiala.“

Das klingt nicht wirklich danach, als glaube Sami Khedira daran, dass wir 2026 den Titel holen. Und tatsächlich, Sami sieht vielmehr Frankreich und Portugal weit vorne, verrät er.

Wirbel um Manuel-Neuer-Comeback und XXL-WM

Für ein noch besseres Ergebnis könnte Manuel Neuer sorgen. Eigentlich hatte sich der 40-Jährige bereits 2024 aus der deutschen Nationalmannschaft zurückgezogen – jetzt ist er plötzlich zurück. Julian Nagelsmann hat Neuer trotz Verletzung kurz vor der WM wieder zur Nummer 1 gemacht. Eine Überraschung, die für Applaus und Kritik gleichermaßen sorgt. Wie beurteilt Sami Khedira die Entscheidung? Ist Manuel Neuer ein Risiko oder eine Chance?

Sami Khedira und Manuel Neuer standen viele Jahre gemeinsam für die deutsche Nationalmannschaft auf dem Platz. Zwischen 2009 und 2018 gehörten beide zum festen Stamm der DFB-Elf und feierten ihren größten gemeinsamen Erfolg beim WM-Triumph 2014 in Brasilien.

Manuel Neuer und Sami Khedira im Jahr 2018.
Manuel Neuer und Sami Khedira im Jahr 2018.Peter Hartenfelser/imago

„Wenn man erfolgreich sein will, liegen Chance und Risiko ganz nah beieinander. Natürlich hätte man das in der Kommunikation etwas anders machen können. Aber ich denke … nein, ich weiß, dass wir mit Manuel den besten deutschen Torhüter im Tor haben werden. Nicht nur den besten deutschen, sondern meines Erachtens sogar den besten Torhüter weltweit“, schwärmt Sami von seinem Kumpel Manuel Neuer.

„Manu hat eine Aura, eine Persönlichkeit, und er besitzt immer noch die Fähigkeit, Spiele zu entscheiden. Meiner Meinung nach war es gut, dass sich Julian und Manuel an den Tisch gesetzt und sich ausgesprochen haben – und sich letztendlich auch dafür entschieden haben, dass er bei der WM dabei ist. Auf der anderen Seite wird Oliver Baumann (Nummer zwei hinter Manuel Neuer, Anm. d. Red.) viel diskutiert. Er ist ein herausragender Sportsmann, ein richtig guter Torwart, aber bei allem Respekt – Manu hat noch mal eine ganz andere Aura und das wissen auch die gegnerischen Stürmer.“

Kritik gibt es aber nicht nur für Julian Nagelsmanns Entscheidung, Manuel Neuer zurückzuholen, sondern an der Organisation der Turniere: Schon die WM 2026 wird erstmals in drei Ländern gleichzeitig (USA, Kanada und Mexiko) ausgetragen – für viele Fans und Experten ein logistischer Kraftakt mit langen Reisen und wenig echter Turnier-Atmosphäre. Und es wird noch heftiger: Für die WM 2030 plant die Fifa sogar ein Modell mit Spielen auf mehreren Kontinenten. Die Fußball-WM droht zu einem globalen Mega-Event ohne klare Heimat zu werden.

Auch Sami Khedira sieht das kritisch: „Den Charme von früher, dass es ein Land ausrichten kann, gibt es so nicht mehr. Das hat natürlich auch wirtschaftliche Gründe. Schafft es überhaupt ein Land, das zu stemmen? Das ist alles sehr komplex, sehr kompliziert. Es ist ein globales Geschäft. Trotzdem bin ich allgemein dafür, den Sport, den Fußball so simpel wie möglich zu lassen. Die Organisation drumherum modern, aber einfach gestalten – für die Spieler, aber auch für die Fans. Die Fans müssen einen Zugang haben, sie müssen auf einfachem Wege dorthin kommen und bestenfalls sollte es bezahlbar sein, was ja auch ein großes Thema ist.“

Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema? Schicken Sie uns einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.