Heute vor 40 Jahren

Dresdens bitterster Kollaps: Wie ein 3:1 in Uerdingen zur Pause ins 3:7 kippte

Als Dresden kollabierte! Die legendäre 3:7-Pleite gegen Uerdingen 1986 bleibt eines der dramatischsten und unvergesslichsten Spiele im deutschen Fußball.

Author - Sebastian Karkos
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Wolfgang Funkel (l.) erzielte das zwischenzeitliche 6:3 per Elfmeter, das schon reichte für Uerdingen, Jens Ramme (Nr. 12) im Dynamo-Tor erlebte eine schwarze Stunde.
Wolfgang Funkel (l.) erzielte das zwischenzeitliche 6:3 per Elfmeter, das schon reichte für Uerdingen, Jens Ramme (Nr. 12) im Dynamo-Tor erlebte eine schwarze Stunde.IMAGO

Es gibt Dinge im Sport, die sind nicht zu erklären. Und wenn man nach 40 Jahren immer noch über ein Ereignis spricht, muss damals etwas ganz Besonderes passiert sein.

Das größte Fußballspiel aller Zeiten

Am 19. März 1986 ereignete sich eines der spektakulärsten Fußballspiele aller Zeiten auf deutschem Boden. Das Fußballmagazin „11 Freunde“ kürte die Partie später sogar zum „größten Fußballspiel aller Zeiten“. Dynamo Dresden verlor damals mit 3:7 bei Bayer Uerdingen. Am Ende stand das, was bis heute als „Wunder von der Grotenburg“ bekannt ist.

Was diese Partie so einzigartig machte: Dresden hatte das Hinspiel im Europapokal der Pokalsieger mit 2:0 gewonnen und reiste selbstbewusst zum Rückspiel nach Krefeld. In jenen Tagen waren deutsch-deutsche Vergleiche im Sport noch eine Seltenheit; Begegnungen im Europacup hatten ihre ganz eigene politische Brisanz.

Die Kapitäne Matthias Herget (Uerdingen links) und Dixi Dörner (Dynamo) tauschen vor dem Spiel in Krefeld die Wimpel.
Die Kapitäne Matthias Herget (Uerdingen links) und Dixi Dörner (Dynamo) tauschen vor dem Spiel in Krefeld die Wimpel.HORSTMUELLER/IAMGO

Mit der Interflug reisten 16 Spieler und acht Betreuer einen Tag vor dem Spiel am Flughafen Düsseldorf an und übernachteten im damaligen Hansa-Hotel am Krefelder Hauptbahnhof. Die Westdeutsche Zeitung schrieb seinerzeit: „Im Kaufhof wurden sie zu Kaffee und Kuchen eingeladen und erhielten ein kleines Gastgeschenk.“

Dresden führte zur Halbzeit mit vier Toren Vorsprung

Die Dresdner Mannschaft bestand aus Legenden wie Kirsten, Sammer, Döschner, Stübner, Dörner, Häfner, Pilz oder Minge. Und als Dynamo im Rückspiel bereits in der ersten Minute durch Minge in Führung ging, schien alles in Dresdner Richtung zu laufen. Zur Halbzeit stand es gar 3:1 für Dynamo, in der Summe also 5:1. Das Duell schien entschieden. Eigentlich. Einige der 22.000 Zuschauer verließen bereits das Grotenburg-Stadion – und verpassten die Halbzeit ihres Lebens.

Dieses Plakat hing am 19. März 1986 im Grotenburg-Stadion. Sechs Jahre später begegneten sich beide Klubs dann tatsächlich in der Bundesliga.
Dieses Plakat hing am 19. März 1986 im Grotenburg-Stadion. Sechs Jahre später begegneten sich beide Klubs dann tatsächlich in der Bundesliga.IMAGO

Uerdingen spielte sich in einen Rausch und holte Tor um Tor auf. DDR-Fernsehkommentator Uwe Grandel stellte fassungslos fest: „Das kann doch alles nicht wahr sein.“ Zwischen der 58. und 86. Minute schoss Uerdingen sechs Treffer und gewann 7:3. Eine derartige Aufholjagd hat es im europäischen Fußball bis heute nicht mehr gegeben.

Trainer Sammer musste gehen, zuvor flüchtete Lippmann

Für Dynamo hatte der Kollaps von Krefeld Folgen: Trainer Klaus Sammer, Vater von Offensivmann Matthias, musste seinen Hut nehmen, und die Rückkehr in die DDR verlief nicht komplett. Stürmer Frank Lippmann hatte sich nach dem Spiel vom Teamhotel abgesetzt. Die DDR‑Nachrichtenagentur ADN meldete damals: „Der ehemalige Fußballspieler der SG Dynamo Dresden, Frank Lippmann, hat nach dem Spiel gegen Bayer Uerdingen für eine hohe Geldsumme, die ihm sportfeindliche Kreise im Westen geboten haben, seine Mannschaft verraten und ist nicht in die DDR zurückgekehrt.“

Dresden-Trainer Klaus Sammer kann nicht fassen, was im Rückspiel passiert, nach der Rückkehr in die DDR ist Schluss für ihn.
Dresden-Trainer Klaus Sammer kann nicht fassen, was im Rückspiel passiert, nach der Rückkehr in die DDR ist Schluss für ihn.IMAGO

Kurios: Für Dynamo Dresden war dies nicht die einzige bittere und kaum erklärliche Schlappe jener Zeit. Bereits ein Jahr zuvor, im März 1985, schied das Team im Europapokal der Pokalsieger gegen Rapid Wien aus: Auf ein 3:0 im Hinspiel folgte ein 0:5 im Rückspiel in Österreich.

Dresden vergeigte auch in Wien und gegen Union einen scheinbar sicheren Vorsprung

Und nur wenige Wochen nach dem Aus in Uerdingen verlor Dresden auch im FDGB‑Pokal dramatisch: Das Halbfinal‑Hinspiel gegen Union Berlin hatten die Sachsen in der Alten Försterei 2:1 gewonnen, im Rückspiel führten sie nach gut einer Stunde sogar 3:1. Doch die Eisernen erzielten noch drei Treffer und zogen dank der Auswärtstorregel ins Finale ein. Dennoch: Die Partie in Uerdingen überstrahlt alles – bis heute.

Dynamos Jörg Stübner (l.) beim Rückspiel in Uerdingen, auch der Mittelfeldspieler ging damals mit unter.
Dynamos Jörg Stübner (l.) beim Rückspiel in Uerdingen, auch der Mittelfeldspieler ging damals mit unter.IMAGO

Übrigens: Der KFC Uerdingen, wie der Klub seit 1995 heißt, ist mittlerweile in die fünftklassige Oberliga abgestürzt, zehrt aber bis heute vom Mythos dieses Spiels. Am Niederrhein findet heute, genau 40 Jahre nach dem Duell, eine Jubiläumsfeier statt. Viele Ex‑Profis, unter anderem die Funkel‑Brüder, sind dabei, auch zwei Dresdner haben sich angekündigt: Matthias Döschner und Jens Ramme.

Ramme war der junge Torwart, der nach der Halbzeit für den verletzten Bernd Jakubowski ins Dynamo-Tor musste und zur tragischen Figur wurde. Er sagte später einmal: „Ich bekam sogar Morddrohungen, traute mich ein halbes Jahr nicht in die Öffentlichkeit.“ Uerdingens damaliger Trainer Karl-Heinz Feldkamp sagt bis heute: „Wie dieses Wunder zustande kam, kann ich wirklich nicht erklären.“

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