Hätte sich jemand etwas so Verrücktes einfallen lassen, was Matheo Raab passiert ist, hätten die meisten die Augen verdreht. So etwas kommt eher in Hollywood vor, nicht aber im realen Leben. Für die meisten ist das zu dick aufgetragen. Bundesligadebüt mit 27 Jahren. Nach vielen Rückschlägen erst und etlichen Verletzungen. Dazu in einer schwierigen Situation für den Verein. Der unmittelbare Kontrahent auf der Torhüterposition gerade als Nummer 1 in die „Elf der Legenden“ aus 60 Jahre 1. FC Union Berlin gewählt und nur wegen einer im Training erlittenen Fußverletzung nicht einsatzbereit. Eine neuerliche Niederlage mochte sich lieber niemand vorstellen, weil sonst der Druck im Abstiegskampf vor dem Gastspiel bei Rekordmeister Bayern München um weitere Pascal zugenommen hätte. Alles zusammen ist das nur eines: Gaga!
Elf der Legenden des 1. FC Union wurde gerade gewählt
Oder eine der schönsten Geschichten, die die Bundesliga für einen Spieler des 1. FC Union bisher bot. Am Ende, nach 90 plus 14 Minuten, ist es alles andere als durchgeknallt. Ganz im Gegenteil. Ein neuer Held ist geboren. Einer, der beim Erstligadebüt sein Tor reingehalten und manch großartige Parade gezeigt hat. Das mit der weißen Weste, mit der Null, kommt nicht häufig vor, schon gar nicht für den Verein aus Köpenick.

50 Jahre ist es her, dass dieses Kunststück vor Raab jemandem gelungen ist. Es passierte zum Saisonauftakt 1976/77, dem ersten Spiel nach der Rückkehr in die DDR-Oberliga, im damaligen Stadion der Weltjugend im Ortsderby gegen den BFC Dynamo. Oder wie diejenigen, die es mit den Eisernen halten, noch immer sagen: gegen Hohenschönhausen. Das Ergebnis: 1:0, wie diesmal in Freiburg. Der Torwartheld damals: Wolfgang „Potti“ Matthies, seinerzeit mit 23 nicht viel jünger als Raab heute.
Zwei Keeper beim 1. FC Union schafften etwas Ähnliches
Das eine ist als bleibendes Kapitel in die Geschichte der Eisernen eingegangen, das andere sollte es ihm gleichtun. Dass es dazwischen auch Henryk Lihsa 1989 mit einem 1:0 bei Lok Leipzig glückte, als Damian Halata, Bernd Hobsch und Olaf Marschall den Union-Schlussmann nicht überwinden konnten, geht dagegen etwas unter, weil trotz des Sieges am Ende der Abstieg aus der Oberliga stand.

Das Debüt von Matheo Raab wird aber erst dadurch ganz und gar spektakulär, weil er sich kurz zuvor die Hand verletzt hatte und bis zuletzt durchhalten musste. Als noch gar nicht oder nicht so oft gewechselt werden durfte, kam so etwas deutlich häufiger vor. Nahezu legendär ist das Auf-die-Zähne-Beißen von Wolfgang Weber, der in 356 Bundesligaspielen für den 1. FC Köln seinen Mann stand, 1966 im WM-Finale gegen England in letzter Minute das 2:2 schoss, was die DFB-Elf in die Verlängerung brachte, in der Geoffrey Hurst das Wembley-Tor erzielte.
Ein Jahr zuvor, die Geißböcke spielten im Cup der Landesmeister gegen den FC Liverpool um den Einzug ins Halbfinale, brach Weber sich noch vor der Halbzeitpause das rechte Wadenbein. Doch er machte, zumal die Partie in die Verlängerung ging, noch 75 Minuten weiter. „Ich hatte tierische Schmerzen, aber ich wusste nicht, dass das Bein gebrochen war“, gab er zu. „Außerdem wollte ich nicht als Feigling gelten.“ Erst nach Losentscheid schieden die Kölner aus.
Auch der FC Bayern scheiterte mal an so einen Wunderkeeper
Aus einer anderen Generation stammt ein Beispiel, das dem von Matheo Raab stark ähnelt. Als sich 1982 im Endspiel des europäischen Meistercups Bayern München und Aston Villa gegenüberstanden, kam für Villa-Schlussmann Jimmy Rimmer schon in Minute 10 das Aus. Der erst 23-jährige Nigel Spink nahm dessen Platz ein. Nur hatte der in der zu Ende gehenden Saison keine Sekunde gespielt. Im Meistercup und in den 42 Punktspielen der damaligen First Division stand immer Rimmer zwischen den Pfosten. Jede Minute. Was Karl-Heinz Rummenigge und Dieter Hoeneß, Paul Breitner und Klaus Augenthaler gegen den Ersatzmann auch anstellten – sie können es wohl bis heute nicht fassen –, Spink hielt alles, Villa gewann vor allem dank des Neuen mit 1:0 Europas Krone.



