Ehrung verweigert

DDR-Radlegende „Täve“ Schur wird nicht in die Ruhmeshalle des Sports aufgenommen

Trotz seiner beeindruckenden Erfolge bleibt Gustav Adolf „Täve“ Schur, die Radsport-Ikone der DDR, von der „Hall of Fame des deutschen Sports“ ausgeschlossen.

Author - Sebastian Krause
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„Täve“ Schur wird wohl nicht mehr in die „Hall of Fame des deutschen Sports“ aufgenommen werden. Einen dritten Anlauf wird es nicht geben.
„Täve“ Schur wird wohl nicht mehr in die „Hall of Fame des deutschen Sports“ aufgenommen werden. Einen dritten Anlauf wird es nicht geben.Daniel Förster

Gustav Adolf „Täve“ Schur ist die Radsport-Legende der DDR schlechthin. Der 95-Jährige hat als erster Deutscher die Weltmeisterschaft der Amateure gewonnen und war 1955 und 1959 Sieger der Friedensfahrt. Bei Olympia 1956 und 1960 gewann er Bronze und Silber. Im vergangenen Jahr erhielt er den Verdienstorden des Landes Sachsen-Anhalt.

„Täve“ Schur bis heute nicht in der „Hall of Fame“

Dennoch bleibt Schur bis heute eine Ehrung verwehrt: die Aufnahme in die Ruhmeshalle „Hall of Fame des deutschen Sports“. Daran wird sich auch nichts mehr ändern.

„Täve“ Schur bekommt keine dritte Nominierung

„Es gibt derzeit keine neuen Informationen, die erwarten lassen, dass ein dritter Anlauf erfolgreich wäre“, teilt die Stiftung Deutsche Sporthilfe auf KURIER-Anfrage mit.

Schur war bereits 2011 und 2017 für eine Aufnahme in die „Hall of Fame“ nominiert worden. Die Jury lehnte den Vorschlag jedoch ab. 2017 verfehlte „Täve“ die Mindestanzahl von 50 Prozent der abgegebenen Stimmen.

„Täve“ Schur feierte vor wenigen Tagen seinen 95. Geburtstag.
„Täve“ Schur feierte vor wenigen Tagen seinen 95. Geburtstag.Daniel Förster

Radsport-Idol sorgt für zweifelhafte Aussagen

Die damalige Nominierung des DDR-Radsportidols hatte sowohl Zustimmung als auch Kritik hervorgerufen – vor allem nach seinen Aussagen, die als Verklärung des DDR-Unrechts und als Verharmlosung des erwiesenen DDR-Dopings von Minderjährigen ausgelegt wurden.

„Schur ist nicht gewählt worden, und es wird in dieser Weise keinen dritten Anlauf geben. Denn die Sporthilfe ist überzeugt, dass man der gesamten Diskussion um die deutsche Sport-Vergangenheit nur versuchen kann gerecht zu werden, wenn man sich nochmals sehr grundsätzlich mit der Thematik auseinandersetzt und nicht nur über Jury-Stimmen redet“, sagt Dr. Michael Ilgner, damaliger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Sporthilfe, zur Jury-Entscheidung.

Jury setzt sich aus Sportverbänden und Politik zusammen

2011 hatte es bereits einen ersten Anlauf gegeben, Schur in die „Hall of Fame“ aufzunehmen. Auch da gab es keine Jury-Mehrheit – was auf viel Kritik bei Sportfans aus dem Osten stieß.

Die Jury setzt sich zusammen aus allen lebenden Mitgliedern der „Hall of Fame“. Außerdem gehören Vertreter der Stiftung Deutsche Sporthilfe, des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), des Verbands Deutscher Sportjournalisten (VDS), der Politik sowie Persönlichkeiten weiterer Institutionen des Sports zur Jury.

Der DDR-Sport war nicht kriminell, sondern vorzüglich aufgebaut: Der Aufbau der sportlichen Gesundheit der Bevölkerung aus den Kindergärten heraus über den Schulsport bis hin zu den Leistungssporteinrichtungen war einmalig.

Gustav Adolf „Täve“ Schur, Radsport-Legende der DDR

Was sind die Anforderungen, um aufgenommen zu werden?

Wie die Sporthilfe auf KURIER-Anfrage erklärt, hätten sich die drei Träger der „Hall of Fame des deutschen Sports“ auf ein Leitbild verständigt, das für eine Aufnahme von Sportlerinnen und Sportlern als Grundlage herangezogen werden soll.

Grundlage ist demnach:
  • Herausragende sportliche Leistungen und Erfolge bzw. herausragendes Engagement im Sport und damit Vorbildwirkung als Persönlichkeit
  • Klare Haltung zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung
  • Klare Haltung zum Fairplay, gegen Sportbetrug und Doping
  • Klare Haltung zur eigenen Vergangenheit
  • Reflexion zu in der Vergangenheit gemachten Verfehlungen/Entscheidungen (Geheimdiensttätigkeit, Doping, etc.)
  • Besondere Biografien infolge von Unterdrückung, politischer Verfolgung oder persönlichen Schicksalsschlägen im Rahmen der Ausübung der Sport-Tätigkeit
„Täve“ Schur bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom. Er gewinnt Silber im Mannschaftszeitfahren.
„Täve“ Schur bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom. Er gewinnt Silber im Mannschaftszeitfahren.Horstmüller/imago

„Täve“ Schur verharmlost Doping in der DDR

Ob Schur all diese Kriterien erfüllt, ist zumindest diskutabel. In der Vergangenheit fiel der 95-Jährige immer wieder mit zweifelhaften Aussagen zur DDR und Doping-Vergangenheit auf. Der Zeitung Neues Deutschland sagte er etwa: „Der DDR-Sport war nicht kriminell, sondern vorzüglich aufgebaut: Der Aufbau der sportlichen Gesundheit der Bevölkerung aus den Kindergärten heraus über den Schulsport bis hin zu den Leistungssporteinrichtungen war einmalig.“ Den DDR-Sport als kriminell zu bezeichnen, sei „völliger Quatsch“.

Der Sport in der DDR sei „gut“ gewesen, sagte er weiter, weil er „beispielhaft den Aufbau der Gesundheit vorantrieb und dabei auch noch international erfolgreich war“. Er kenne „diese Berichte“ über Doping an Minderjährigen in der DDR zwar, ergänzte er, ging aber nicht weiter darauf ein. Stattdessen verwies er auf die Wurzeln der Dopingforschung in Westdeutschland Anfang der 50er-Jahre.

Schur will nicht in die „Hall of Fame“ aufgenommen werden

Schoss sich Schur mit diesen Aussagen endgültig ins Abseits? Sorgte er so dafür, dass eine der größten Radsport-Legenden des Landes nie in die Ehrenhalle aufgenommen wird? Auf Nachfrage bei der Sporthilfe heißt es dazu nur: „Wir können keine Auskunft darüber geben, inwieweit seine Äußerungen und Verbindungen bei den jeweiligen Entscheidungen zurate gezogen wurden.“

Schur scheint es mittlerweile auch egal zu sein, ob er in die „Hall of Fame“ aufgenommen wird oder nicht. „Ich brauche keine Hall of Fame. Meine Hall of Fame ist das Volk“, sagte er einst. Und der Mitteldeutschen Zeitung sagte er 2017: „Wir hatten in der DDR keine Dopingtoten.“ Er stehe weiterhin zu seinen Aussagen, bekräftigte Schur. Er müsse nichts korrigieren.

Schur spielt bei Auswahl keine Rolle mehr

Der Deutsche Olympische Sportbund, der Verband Deutscher Sportjournalisten und die Sporthilfe schlagen der Jury jedes Jahr drei neue Persönlichkeiten aus dem Sport vor. Voraussetzung ist, dass die Sportlerinnen und Sportler seit mindestens fünf Jahren nicht mehr aktiv sind. Der Name „Täve“ Schur wird wohl künftig keine Rolle mehr spielen.

Wie ist Ihre Meinung dazu? Muss Täve Schur in die „Hall of Fame des deutschen Sports“ aufgenommen werden?
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