Wer im Osten Deutschlands lebt, zahlt heute genauso viel für Strom wie jemand in München, obwohl direkt vor der Haustür Windräder im Dauerbetrieb laufen. Das soll sich nach dem Willen der Grünen endlich ändern. Auf ihrem Länderrat in Sassnitz beschlossen sie am Sonntag als erste Partei Deutschlands den Abschied vom einheitlichen Strompreis. Ein Beschluss mit Zündstoff – und echten Chancen für Verbraucher im Osten.
Was die Grünen jetzt beim Strompreis fordern
Die Idee ist so simpel wie politisch brisant: Strom soll dort günstiger werden, wo er tatsächlich produziert wird. „Regionale Preissignale machen Wind- und Sonnenstrom dort günstig, wo die Anlagen stehen“, heißt es im Leitantrag des Länderrats laut Handelsblatt.
Konkret wollen die Grünen den deutschen Strommarkt in viele kleine Gebotszonen aufteilen – orientiert an lokalem Angebot und Nachfrage, sogenannter „netzscharfer Zuschnitt“. Eine Art Nord-Süd-Mauer soll es nicht geben: „Eine Aufteilung in nur zwei Gebotszonen lehnen wir klar ab.“ Das sei zu grob und zu willkürlich.

Das strukturelle Problem dahinter ist seit Jahren bekannt: Im Norden und Osten dreht Wind massenhaft Strom ins Netz, doch die Leitungen in den Süden fehlen. Dort gleichen teure Gaskraftwerke den Mehrbedarf aus. Der heutige Einheitspreis verteilt diese Kosten auf alle Deutschen, egal ob sie im windreichen Vorpommern oder im industriestarken Ruhrgebiet wohnen.
Parteistreit bricht sofort aus – NRW schießt zurück
Kaum war der Beschluss gefasst, kam der Widerspruch. NRW-Vizeministerpräsidentin Mona Neubaur distanzierte sich noch am selben Tag: „Die Aufteilung der einheitlichen deutschen Strompreiszone wäre der falsche Weg.“ Das schaffe neue Unsicherheiten, verteuere Investitionsentscheidungen und gefährde damit die Wettbewerbsfähigkeit der Industriestandorte im Westen und Süden der Republik.
Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir war stets dagegen – beide Länder fürchten, dass ihre Industriebetriebe künftig tiefer in die Tasche greifen müssen.

In den Vorgesprächen habe es „ordentlich gerappelt“, berichteten Beteiligte. Beim Bundesparteitag Ende 2025 hatte der Streit noch zu einem bewusst schwammigen Kompromiss geführt. Diesmal setzten sich die Befürworter durch. Co-Parteichef Felix Banaszak feierte es als Aufbruchssignal: „Das ist das Signal, dass sich die Partei hinter diesem Anliegen versammelt.“
Warum der Beschluss pünktlich zu den Ostland-Wahlen kommt
Zufall? Kaum. Im Herbst 2026 wird in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt gewählt – und der Länderrat in Sassnitz war bewusst als Startschuss für die ostdeutschen Wahlkämpfe konzipiert. Auch in Berlin steht im September 2026 die Abgeordnetenhauswahl an.
Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz für Sachsen-Anhalt brachte es auf den Punkt: „Der Strom muss günstiger werden, vor allem da, wo er günstig und grün produziert wird. Und das ist bei uns im Osten.“

Als Oppositionspartei im Bundestag können die Grünen die Reform nicht allein durchsetzen. Für künftige Koalitionsverhandlungen – und für den Druck auf Union und SPD – ist die klare Positionierung dennoch ein echter Trumpf.
Pro & Contra: Lohnt sich die Aufspaltung des Strompreises?
Pro: Strompreise sinken dort, wo viel Wind- und Solarenergie erzeugt wird – allerdings hängt der Haushaltsstrompreis nur teilweise vom Strombörsenpreis ab. Ostdeutsche Haushalte zahlen nicht länger indirekt für den höheren Energiebedarf im Süden. Günstige Energie lockt Unternehmen in den Osten, Arbeitsplätze könnten folgen.
Contra: Investitionsunsicherheit für Unternehmen, die standortübergreifend planen. Strom wird in industriestarken Regionen wie NRW und Bayern teurer. Das eigentliche Problem – fehlende Stromleitungen vom Norden in den Süden – bleibt ungelöst.
Darum könnten Verbraucher im Osten beim Strompreis künftig sparen
Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern – der Osten ist Deutschlands Windkraft-Zentrum. Trotzdem zahlen die Menschen dort denselben Strompreis wie alle anderen. Mit regionalen Preiszonen würde sich das ändern: Hohe Produktion bedeutet niedrige Preise. Die stille Quersubvention für den energiehungrigen Süden würde entfallen.
Dazu kommt ein Effekt, der die Region strukturell stärken könnte: Billiger Strom macht Standorte attraktiv. Industrie siedelt sich dort an, wo Energie günstig ist – das könnte im Osten neue Investitionen und Jobs bedeuten, gerade in Regionen, die wirtschaftlich noch immer aufholen.



