Caesar nennt sich der 50-jährige Russe, der gemeinsam mit Ukrainern gegen die eigenen Truppen kämpft. Mit ihm haben sich Hunderte Russen den ukrainischen Streitkräften angeschlossen.
Caesar nennt sich der 50-jährige Russe, der gemeinsam mit Ukrainern gegen die eigenen Truppen kämpft. Mit ihm haben sich Hunderte Russen den ukrainischen Streitkräften angeschlossen. AFP/Sameer Al-Doumy

Russland überzieht die Ukraine mit den schwersten Raketenangriffen seit Mitte Dezember. Mehr als 120 Raketen seien am Donnerstag abgefeuert worden, hieß es aus Kiew. Im ganzen Land wurde am Morgen Luftalarm ausgelöst.

Der Berater des ukrainischen Präsidentenbüros, Olexij Arestowytsch, forderte die Menschen auf, dringend Schutz zu suchen. Und er warnte davor, Bilder von den Explosionen und Einschlägen in den sozialen Netzwerken zu veröffentlichen, weil das Rückschlüsse auf Arbeit der ukrainischen Luftabwehr zulasse und deren Position verraten könne.

Russen kämpfen unter ukrainischem Kommando

Die russischen Militärs haben in den vergangenen Wochen wiederholt das Energieversorgungsnetz der Ukraine mit Marschflugkörpern, Raketen und sogenannten Kamikaze-Drohnen angegriffen, um die ukrainische Bevölkerung im Winter unter Druck zu setzen. Trotz der massiven Attacken sieht Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) Moskau auf dem Weg zur Niederlage in dem Angriffskrieg gegen das Nachbarland.

„Putin verliert diesen Krieg auf dem Schlachtfeld“, sagte Habeck mit Blick auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin und forderte weitere Waffenlieferungen für Kiew. Waffen, die auch etlichen Russen zur Verteidigung der Ukraine dienen könnten. Denn vereint in der Legion „Freiheit Russlands“ kämpfen auch Russen an der Seite der Ukraine gegen russische Truppen, vereint unter ukrainischem Kommando.

Wie viele es genau sind und wo sie sich aufhalten, ist streng geheim. Die Beweggründe der russischen Kämpfer für Kiew sind höchst unterschiedlich. Und wer zu ihnen gehören möchte, muss einen Lügendetektortest über sich ergehen lassen. Doch es gibt sie.

Der 41-jährige Russe Tichij war mit seiner ukrainischen Ehefrau und den beiden Kindern in Kiew zu Besuch, als der Krieg begann. Heim nach Russland kehrte die Familie seitdem nicht mehr.
Der 41-jährige Russe Tichij war mit seiner ukrainischen Ehefrau und den beiden Kindern in Kiew zu Besuch, als der Krieg begann. Heim nach Russland kehrte die Familie seitdem nicht mehr. AFP/Sameer Al-Doumy

„Ich bin kein Verräter. Ich bin ein wahrer russischer Patriot“, sagt der Sprecher der Legion, der sich Caesar nennt. Journalisten führt er gerne zu den Ruinen eines orthodoxen Klosters in Dolina, ein Gebiet, das im Herbst von der ukrainischen Armee zurückerobert worden war. Die zertrümmerte goldene Kuppel, ein Wächterlöwe inmitten von Schutt und zerstörte Ikonen sind die ideale Kulisse, um „der Welt zu zeigen, welche Werte Putin vertritt“, wie der Mann mit den stahlblauen Augen erklärt.

Russen kämpfen gegen die Tyrannei Putins

Seine Worte – manchmal russisch, manchmal englisch – wählt er sorgfältig. „Ich kämpfe nicht gegen das Mutterland, ich kämpfe gegen das Putin-Regime, gegen die Tyrannei“, sagt Caesar. Die Legion bestehe aus „mehreren Hundert“ Russen, die nach einer zweimonatigen Ausbildung seit Mai im Donbass eingesetzt werden.

Der russische Legionist Tichij patrouilliert durch ein zerstörtes Kloster in Dolina, auch Tichij steht im Krieg aufseiten Kiews.
Der russische Legionist Tichij patrouilliert durch ein zerstörtes Kloster in Dolina, auch Tichij steht im Krieg aufseiten Kiews. AFP/Sameer Al-Doumy

Die Legion ist Teil des internationalen Freiwilligenkorps innerhalb der ukrainischen Armee, ihr Emblem ist eine zuschlagende Faust, über der die Worte „Freiheit“ und „Russland“ stehen. Seine Männer seien unter anderem im seit Monaten hart umkämpften Bachmut an der Ostfront im Einsatz, erklärt Caesar. Dort kämpften sie unter ukrainischem Kommando hauptsächlich in der Artillerie.

Wer in die Legion will, muss erst einen Lügendetektortest bestehen

„Es sind motivierte und professionelle Kämpfer, die ihre Aufgaben perfekt erledigen“, sagt ein ukrainischer Offizier, der anonym bleiben möchte. Rekruten würden vor der Aufnahme sorgfältig geprüft – in Gesprächen und mit einem Lügendetektortest –, um das Risiko einer Unterwanderung auszuschließen. Auf Telegram, Twitter oder Instagram veröffentlicht die Legion „Freiheit Russlands“ vor allem Propagandavideos und erklärt, Tausende Bewerbungen erhalten zu haben.

Dem ukrainischen Militärexperten Oleg Schdanow zufolge hat die Legion vor allem eine politische Bedeutung: „Es ist gut für die Ukraine, wenn sie zeigen kann, dass auch Russen die Demokratie und Freiheit unterstützen und auf der richtigen Seite kämpfen“, sagt er. Auf das Kriegsgeschehen hätten die russischen Kämpfer allerdings „aufgrund ihrer geringen Zahl keinen großen Einfluss“.

Die Legionäre haben unterschiedliche Beweggründe, gegen Russland zu kämpfen. Für Tichij, einen Arbeiter aus der russischen Industriestadt Togliatti 800 Kilometer südöstlich von Moskau, sind sie eher persönlicher als politischer Natur: Seine Frau – die er in Russland kennengelernt hat – ist Ukrainerin. „Sie hätte es nicht verstanden, wenn wir in Russland geblieben wären“, sagt der 40-jährige Vater von zwei Kindern, der zum Zeitpunkt der Invasion mit seiner Familie in Kiew zu Besuch war.

Von dort kehrte die Familie nie nach Russland zurück – stattdessen trat Tichij der Legion bei. Seine Angehörigen in Russland könnten seine Entscheidung nicht nachvollziehen, er habe kaum noch Kontakt zu ihnen. Mit seinen Freunden hat er gebrochen. Sie säßen in Russland auf dem Sofa und wiederholten stur: „Wir werden die Ukraine befreien“, zitiert er sie. Russische Soldaten sieht Tichij als „Feinde“: Lieber würde er sich mit einer Granate in die Luft sprengen, als von ihnen gefangen genommen zu werden.

Caesar hingegen hat politische Motive. Der ehemalige Physiotherapeut aus St. Petersburg bezeichnet sich selbst als „rechten Nationalisten“ und ist überzeugt, dass die Regierung von Wladimir Putin nur mit Gewalt gestürzt werden kann. Seine Landsleute wollten „nichts sehen und nichts hören“, kritisiert Caesar und wird plötzlich emotional: „Russland stirbt“, sagt er. „Gehen Sie in die Dörfer – Sie werden Betrunkene, Drogenabhängige und Kriminelle sehen.“ Das sei das Ergebnis von 20 Jahren Putin.

Der Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar gab schließlich den Ausschlag dafür, dass Caesar mit seiner Frau und seinen vier Kindern nach Kiew ging.