Bei einem Arbeitsunfall auf einer Baustelle in Spindlersfeld brachen im Sommer zwei Arbeiter durch eine nicht tragfähige Decke. Einer wurde mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht.
Bei einem Arbeitsunfall auf einer Baustelle in Spindlersfeld brachen im Sommer zwei Arbeiter durch eine nicht tragfähige Decke. Einer wurde mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht. Pressefoto Wagner

Um die Arbeitssicherheit auf dem Bau und in der Industrie ist es nicht gut bestellt. Das zeigen Mitteilungen der Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) und der Gesetzlichen Unfallversicherung. So befürchtet die IG BAU auch 2022„ dramatische Bilanz der Arbeitsunfälle auf dem Bau“, die Versicherung spricht von unzulässiger Manipulation von Sicherheitseinrichtungen an Maschinen.

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Nach vorläufigen Zahlen der Berufsgenossenschaft BG BAU, nach denen bis zum August bundesweit schon 56 Bauarbeiter tödlich verunglückt sind. Häufigste Ursache waren dabei Abstürze und tödliche Verletzungen durch herabfallende Teile.

Carsten Burckhardt vom IG BAU-Bundesvorstand, dort zuständig den Arbeitsschutz: „Die Situation auf den Baustellen in puncto Sicherheit und Gesundheit ist alarmierend. Rein statistisch ist bis August alle vier Tage ein Bauarbeiter ums Leben gekommen.  Es ist zu befürchten, dass das traurige Niveau des Vorjahres erreicht wird: 2021 waren insgesamt 85 Bauarbeiter während der Arbeit auf dem Bau gestorben, bis August waren es 60.“

Auch die Zahl von insgesamt 65.701 meldepflichtigen Arbeitsunfällen von Januar bis August sei besorgniserregend. Seit Jahren bewege sich die Unfallbilanz auf dem Bau auf einem erschreckend hohen Niveau.

Arbeitsschutz-Behörden sind unterbesetzt

Die Bundesländer müssten ihr „eklatantes Überwachungsdefizit“ beenden. Burckhardt: „Die Arbeitsschutzbehörden  haben nicht die nötigen Kapazitäten, um die Sicherheit und den Gesundheitsschutz für die Beschäftigten wirksam zu kontrollieren.“ Notwendig seien hier mehr Personal und damit eine stärkere Überwachung, ob der Arbeitsschutz eingehalten wird.

Nur auf Eigenverantwortung der Firmen zu setzen, sei zu wenig. Zu oft fehlten Schutzgeländer im Treppenhaus eines Rohbaus, seien Leitersprossen angebrochen, stromführende Kabel seien blank, in Tiefbauschächten würden keine Spundwände eingezogen. 

Nach Einschätzung der IG BAU passieren die meisten Unfälle in kleineren Betrieben. Kosten- und Zeitdruck seien die Hauptursachen für mangelnden Arbeitsschutz auf Baustellen. 

Maschinen werden manipuliert, und dann fließt oft Blut

Überall, wo in Betrieben mit Maschinen gearbeitet wird, wird an deren Schutzeinrichtungen herumgefummelt, um sie auszuschalten. Häufig wissen Vorgesetzte davon, dass Schutzeinrichtungen außer Kraft gesetzt sind. Das zeigt eine Umfrage des Instituts für Arbeitsschutz (IFA) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung unter betrieblichen Arbeitsschutzfachleuten.

Mehr als die Hälfte gaben an, dass Vorgesetzte Maschinenmanipulation in mindestens einem Fall toleriert hätten. Führungsverhalten sei entsprechend ein zentraler Hebel, um zu weniger Unfällen zu kommen.  

In Regensburg kippte am Sonntag ein Auslegerkran um, der Kranführer wurde leicht verletzt. Dem Arbeitsunfall fielen allerdings zwei Autos zum Opfer.
In Regensburg kippte am Sonntag ein Auslegerkran um, der Kranführer wurde leicht verletzt. Dem Arbeitsunfall fielen allerdings zwei Autos zum Opfer. imago/Manfred Segerer

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 10.000, teilweise tödlich ausgehende Arbeitsunfälle jedes Jahr die Folge manipulierter Schutzeinrichtungen sind. Sie werden ausgeschaltet, wenn sie die Produktion verlangsamen. hat das IFA zwischen Ende 2019 und Sommer 2022 über 840 Personen befragt, die im Betrieb mit Arbeitsschutzbelangen betraut sind,  Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Führungspersonal.

Vorgesetzte wissen oft, das Schutzvorrichtungen ausgeschaltet  sind

„Die Antworten aus der Praxis zeigen, dass mehr als ein Viertel aller Maschinen manipuliert werden, teils sogar dauerhaft“, sagt Stefan Otto, Experte für Maschinensicherheit im IFA. Was noch viel erschreckender sei: „Die Hälfte der Befragten gab an, dass die Vorgesetzten von Manipulationen an den Maschinen wüssten. Wenn Führungskräfte sich so verhalten, nehmen sie damit in Kauf, dass ihre Beschäftigten Leib und Leben riskieren.“

Die Befragungsergebnisse belegen zudem einen Zusammenhang zwischen Duldung durch die Leitung einerseits und der Häufigkeit von Manipulationen und daraus resultierenden Unfällen andererseits.

Stefan Otto fordert nicht nur mehr Verantwortungsbewusstsein der Vorgesetzten im Betrieb, sondern auch beim Kauf von Maschinen. Es sollten Geräte gekauft werden, die einen geringen „Manipulationsanreiz“ bieten und deren Schutzvorrichtungen nicht abgeschaltet werden können.