7.000 Meter tief

Wal-Friedhof im Indischen Ozean: Eine Stadt der Toten in der Tiefsee

Südwestlich von Australien liegt ein Wal-Friedhof, der alles bisher Bekannte übertrifft. Manche der Knochen sind über fünf Millionen Jahre alt.

Author - Tobias Esters
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Ein Zwergwal im offenen Ozean. Skelette dieser Walart wurden auch im neu entdeckten Wal-Friedhof im Indischen Ozean gefunden.
Ein Zwergwal im offenen Ozean. Skelette dieser Walart wurden auch im neu entdeckten Wal-Friedhof im Indischen Ozean gefunden.robertharding/IMAGO

Es kann im Jahr 2026 nicht genug Meldungen über Wale geben. Tausende Meter tief, dort wo kein Licht mehr durch das Wasser dringt, haben Forscher eine der außergewöhnlichsten Entdeckungen der Meeresbiologie gemacht. Im Indischen Ozean, südwestlich von Australien, liegt der bislang größte, tiefste und älteste Wal-Friedhof der Welt. Ein internationales Forschungsteam aus China, Neuseeland und Italien hat die Ergebnisse im Fachmagazin Nature veröffentlicht.

Wal-Friedhof in bis zu 7.000 Metern Tiefe

Das Gebiet, das die Wissenschaftler als Nekropolis der Wale bezeichnen, erstreckt sich über 1.200 Kilometer entlang des Meeresbodens der sogenannten Diamantina-Bruchzone, in Tiefen zwischen 4.616 und 7.001 Metern. Pro Quadratkilometer liegen dort bis zu 760 Wale auf dem Grund. Insgesamt dokumentierte das Team 485 Fundstellen mit Walknochen.

Wenn ein Wal stirbt, entweicht die Luft aus seinen Lungen, sein Körper füllt sich mit Wasser und sinkt auf den Meeresgrund. Dort wird er zur Oase für kleine Lebewesen, die sich auf die selten verfügbaren Nährstoffe stürzen und den Körper über Jahre, manchmal Jahrzehnte zersetzen. Unter besonderen Bedingungen aber verschwindet der Körper nicht vollständig, wie die neu entdeckte Grabstätte eindrucksvoll belegt.

Das chinesische Tiefsee-Tauchboot Fendouzhe, mit dem die Forscher den Wal-Friedhof in bis zu 7.001 Metern Tiefe erkundeten.
Das chinesische Tiefsee-Tauchboot Fendouzhe, mit dem die Forscher den Wal-Friedhof in bis zu 7.001 Metern Tiefe erkundeten.Zhou Jiayi/IMAGO

Das älteste dort gefundene Fossil, ein Schnabelwal, ist laut Analyse 5,26 Millionen Jahre alt und stammt damit aus dem frühen Pliozän, einer Epoche, in der Giraffen in Europa heimisch waren und Mammuts noch umherstreiften.

Schnabelwale eignen sich besonders gut zur sogenannten Fossilisierung: Ihre Schädel sind extrem dicht verknöchert, weshalb sie nach dem Tod des Tieres viel langsamer zersetzt werden, als die Knochen anderer Walarten. Einige der gefundenen Arten sind heute vollständig ausgestorben. Darunter befindet sich auch eine bislang völlig unbekannte neue Art, die das Team auf den Namen Pterocetus diamantinae taufte.

Eine Stadt voller Leben mitten in der Stadt der Toten

Was die Entdeckung besonders bemerkenswert macht, ist nicht nur die schiere Zahl der toten Wale, sondern die Fülle an Leben, die die Forscher dort vorfanden. Das Team dokumentierte 35 verschiedene Makrofaunaarten, darunter knochenfressende Würmer, Muscheln, Schlangensterne, Schnecken und Krebstiere. Bis zu 2.840 Individuen pro Quadratmeter wurden gezählt. Viele dieser Arten waren der Wissenschaft bislang unbekannt.

Dazu kommt eine klimatische Bedeutung. Auf dem gesamten Gebiet könnten mehr als zehn Millionen Gerippe und Kadaver liegen, die rund 6,7 Millionen Tonnen Kohlenstoff binden.

Warum sterben hier so viele Wale?

Eine eindeutige Antwort darauf, warum ausgerechnet an diesem Ort so viele tote Wale versammelt sind, gibt es bislang nicht. Die Diamantina-Bruchzone formte sich, als die Australische und die Antarktische Kontinentalplatte vor 60 bis 50 Millionen Jahren auseinanderdrifteten. Die V-förmige Topografie des Gebiets könnte dazu beitragen, dass sinkende Walkadaver dort konzentriert landen.

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