Himmlisch heiß

Verrückte Geschichte: Liebes-Prophetin bekam ihre Tipps von einem Engel

Aufklärerin Ida Craddock behauptete, ihre Liebes-Tipps vom Beischlaf mit einem Engel gelernt zu haben – und brachte Paaren im 19. Jahrhundert ihre heißesten Tipps bei.

Author - Jana Hollstein
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Heiße Sex-Tipps wurden im 19. Jahrhundert per Engel weitergegeben.
Heiße Sex-Tipps wurden im 19. Jahrhundert per Engel weitergegeben.Freepik

Manche Menschen werden als Lehrer geboren, andere wählen den Beruf ganz pragmatisch. Und wieder andere behaupten, sie seien von Engeln dazu inspiriert worden, mit denen sie eine leidenschaftliche Affäre haben. Zumindest galt das für Eine: Ida Craddock, eine der ersten Sex-Aufklärerinnen der USA.

Von ultra-konservativ bis ultra-hexisch: Ida Craddock war die Sex-Prophetin

Ida Craddock wurde 1857 in Philadelphia geboren und wuchs streng religiös als Quäkerin auf. Eigentlich war sie Lehrerin für Stenografie, bis ihr Interesse für Spiritualität geweckt wurde. Sie war eine der ersten Amerikanerinnen, die Yoga praktizierten, und fing an, sich immer mehr für die Verbindung von Mystik und Erotik zu interessieren.

Von da an wurde ihre Geschichte skurril. Ida Craddock behauptete, sei sei mit einem Engel namens Soph verheiratet – eine leidenschaftliche, sehr körperliche Ehe. Der Sex, so erzählte sie, sei manchmal so laut gewesen, dass die Nachbarn sich beschwert hätten.

Ihre Mutter fand das weniger himmlisch und versuchte, sie in eine Irrenanstalt einweisen zu lassen. Craddock zog daraufhin nach Chicago – und begann dort, Ehepaare in „mystischer Sexualkunst“ zu beraten.

Ida Craddock war eine ungewöhnliche Vorreiterin der sexuellen Aufklärung.
Ida Craddock war eine ungewöhnliche Vorreiterin der sexuellen Aufklärung.Wikimedia Commons

1893 brachte die Weltausstellung in Chicago eine Tänzerin namens Fahreda Mahzar in die Stadt. Auf der Bühne nannte sie sich „Little Egypt“ und zeigte einen orientalischen Bauchtanz. Das Publikum war begeistert. Die Presse dagegen empört: Das Ganze sei schlicht obszön. Craddock sah das völlig anders – und schrieb eine leidenschaftliche Verteidigung der Tänzerin. Sie veröffentlichte einen langen Artikel, in dem sie erklärte, dass der Tanz nichts Anrüchiges habe.

Was sie im Text nicht erwähnte: Später behauptete sie, einige Bewegungen aus der Show in ihr Liebesleben mit Engel Soph integriert zu haben. Dieser Artikel brachte ihr jedoch einen gefährlichen Gegner ein.

Der Erzfeind der Sex-Aufklärerin: Post-Arbeiter brachte Ida Craddock hinter Gitter

Der Mann hieß Anthony Comstock, und er war einer der größten Moralapostel der amerikanischen Geschichte. Comstock war überzeugt, dass praktisch alles menschliche Verhalten gegen Gottes Willen verstoße. Er bezeichnete sich selbst als „Unkrautjäger in Gottes Garten“ und machte es sich zur Lebensaufgabe, alles Unmoralische auszurotten. In seinem Kreuzzug ließ er 15 Bücher verbrennen. Als Spezialagent der Post verbat er alles, was er für obszön hielt, mit der Post zu verschicken. Da stand Craddocks Verteidigung von „Little Egypt“ natürlich ganz oben auf der Liste.

Ida Craddock ließ sich von einer Bauchtänzerin zu wilden Sex-Moves inspirieren.
Ida Craddock ließ sich von einer Bauchtänzerin zu wilden Sex-Moves inspirieren.Depositphotos/imago

Ida Craddock ließ sich aber erstmal nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Sie beriet Paare über Sexualität und bot sogar Beratung per Post an – für Menschen, denen ein persönlicher Besuch zu peinlich war. Die Ratgeber lesen sich heutzutage erstaunlich konservativ. Sie war gegen Masturbation, gegen Verhütung und gegen Abtreibung. Doch sie wollte, dass Menschen über Sex redeten. Ihr Ziel sei es, schreib sie, „sexuelle Leiden und Übel zu verhindern“.

Tragischer Tod der Sex-Prophetin im Gefängnis

Für Anthony Comstock war das alles bereits zu viel. Er ließ Craddock verhaften. Im Prozess passierte etwas Absurdes: Die Geschworenen durften ihr Buch „Right Marital Living“ nicht einmal lesen. Es sei angeblich so versaut, dass sie nur einige vorgelesene Auszüge hören durften. Craddock bekannte sich schuldig und erhielt eine Bewährungsstrafe. Nach weiteren Verhaftungen und einem Aufenthalt in einer Anstalt zog sie nach New York – und machte einfach weiter.

Comstock versuchte es schließlich mit einer Hinterlist. In einer verdeckten Aktion bestellte er ihr Buch „The Wedding Night“, ein Sexratgeber, der unter anderem für Vorspiel plädierte – und „überführte“ sie. Craddock wurde erneut verhaftet. Die Geschworenen bekamen diesmal nicht einmal Auszüge zu sehen – ihnen wurde einfach versichert, das Werk sei unvorstellbar obszön. Kaum war sie wieder frei, wurde sie wieder festgenommen. Diesmal sollte es das letzte Mal sein: sie nahm sich im Gefängnis das Leben.

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