Rausch gab es auch in der DDR – nicht nur mithilfe von Alkohol. imago/Frank Sorge

Rausch in der DDR, gab es so etwas wirklich als breites Phänomen? Schließlich fanden illegale Drogen nur selten ihren Weg in die DDR. Wer sich berauschen wollte, griff meist zur Flasche oder in die Hausapotheke. Das war in Berlin nicht anders als in der Provinz.

Der MDR hat sich ausführlich mit dem Thema beschäftigt und kommt zu dem Ergebnis: „Besonders beliebt war das Beruhigungsmittel „Faustan“, denn gemischt mit Alkohol oder Cola löste es psychedelische Zustände aus. Doch nicht nur zum Feiern wurden Medikamente missbraucht, auch bei Patientinnen und Patienten war das Suchtpotenzial hoch und konnte in Abhängigkeiten führen.“ Aber woran lag das eigentlich?

Helmut Bunde, Suchtberater in der DDR, sagte dem MDR: „Es gab viele im Schichtsystem, die das nicht ausgehalten haben – Schichtsystem, Haushalt und so weiter, die sind mit dem Rhythmus nicht zurechtgekommen. Und Frauen neigen da eher dazu, eine Pille zu nehmen, als einen Schluck Cognac oder Wodka.“

DDR-Medikamente wie „Faustan“, „Aponeuron“ und „Eucopon“ wurden nicht nur konsumiert, um medizinische Leiden zu lindern. Brandenburgisches Apothekenmuseum Cottbus

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Wer entsprechende Beziehungen hatte, konnte sich illegale Substanzen natürlich aus dem Ausland herbeischaffen. „Besonders Mutige trauten sich sogar, kleine Mengen Haschisch aus West-Berlin einzuführen und vereinzelt wurden Opiate aus Kliniken, Apotheken oder von Ärztinnen und Ärzten entwendet“, so der MDR. Die meisten Feierwütigen mussten aber kreativ werden, um sich über das „gewöhnliche“ Betrunkensein hinaus zu berauschen.

Es war ein offenes Geheimnis in der DDR

Besonders bei Jugendlichen, Studierenden und Subkulturen wie der Punk- oder New-Wave-Szene seien Kombinationen aus Arzneimitteln mit Hochprozentigem beliebt gewesen. Auch Schnüffelstoffe wie der Fettfleckenentferner „Nuth“ wurden zur Ersatzdroge. DDR-Suchtberater Helmut Bunde: „Hier wurden gewisse Sachen selbst zusammengemixt, auch Arzneimittel. Es gab dann so Kombinationen mit ‚Faustan‘ und anderen Medikamenten und auch Alkohol – ‚Faustan‘ und Alkohol, Faustan-Cola zum Beispiel. Gelegentlich haben die Leute auch geschnüffelt.“

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„Faustan“ war in der DDR ein berühmt-berüchtigtes Arzneimittel, das wie die stoffverwandten Tranquilizer „Radepur“, „Rudotel“ und „Radedorm“ eigentlich gegen Unruhe, Angst und Spannungszustände verschrieben wurde. In der Kombination mit Alkohol sei die Wirkung des Medikaments allerdings verstärkt worden und konnte rauschartige, psychodelische Zustände hervorrufen. „Dass es zu diesem Zweck auch oft und gerne verwendet wurde, war ein offenes Geheimnis in der DDR“, so der MDR.

„Faustan“ war ein Imitat von „Valium“. Der Tranquilizer war ein Mittel zur Behandlung von akuten und chronischen Angst- und Spannungszuständen. Brandenburgisches Apothekenmuseum Cottbus

Aus der Stoffgruppe der Opiate und Opioide seien Husten- oder Schlafmittel mit dem Inhaltsstoff Codein besonders beliebt, wie das Hustenmittel „Eucopon“, das stark euphorisierend wirkte, sowie das Schmerzmittel „Dolcontral“. Daneben wurden Stimulanzien wie die Aufputschmittel „Centedrin“ und „Aponeuron“ konsumiert. „Aponeuron“ war ein Amphetaminil, das ähnlich der Soldatendroge „Pervitin“ und dem heutigen „Speed“ beziehungsweise „Crystal Meth“ wirkte.

Frauen waren in der DDR von Diät- oder Aufputschpillen betroffen

Studierende nutzten die „Upper“, um nächtelang für Klausuren lernen zu können. Mit „Faustan“, so der MDR, brachte man sich dann anschließend wieder runter. „Aponeuron“ habe es sogar auf die Leinwand geschafft: „Im Spielfilm ‚Das Leben der Anderen‘ wird der illegale Medikamentenbezug und die Abhängigkeit einer jungen Frau von den Tabletten thematisiert.“

Ähnlich aufputschende Inhaltsstoffe sollen Medikamente aufgewiesen haben, die offiziell als Appetitzügler verkauft wurden, wie „Sedafamem“ oder „Exponcit“. In Westdeutschland entsprachen solchen Präparaten die damals rezeptfrei erhältlichen Pep-Pillen „AN1“ und „Rosimon Neu“. In der DDR waren die Arzneien aber nur auf Rezept erhältlich, was die Beschaffung natürlich erschwerte. Oft konnte aber die Hausapotheke der Großeltern abhelfen.

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Wurden Schlaf- oder Beruhigungsmittel länger als empfohlen genutzt oder mit anderen Arzneimitteln oder Alkohol kombiniert, konnten Abhängigkeiten entstehen. Auch Diät- oder Aufputschpillen waren beliebt und machten süchtig. Besonders Frauen seien von dieser Art des Missbrauchs betroffen gewesen, so der MDR. „Sie machten 85 Prozent aller Medikamentenabhängigen in der DDR aus. Neben älteren Menschen bekamen sie auffällig oft Psychopharmaka verschrieben. Als Ursache dafür wird die Doppelbelastung berufstätiger Frauen vermutet, die damals als ihr natürliches Schicksal angesehen wurde. In Bezug auf Geschlechtererwartungen und zugeschriebenen Rollen unterschied sich die DDR also nicht erheblich von der BRD.“

Süchtige waren in der DDR lange auf sich selbst gestellt

Eine Medikamentenabhängigkeit sei recht einfach zu verbergen gewesen. Die meisten gingen ihrer Arbeit nach und verhielten sich relativ unauffällig. In der DDR habe die Überzeugung geherrscht, dass es im sozialistischen Staat keinen Alkohol- und Medikamentenmissbrauch gebe, weil das eine „Plage des Kapitalismus“ sei. Konsum und Sucht waren deshalb lange Tabuthemen.

Allerdings musste sich die Stasi zwangsweise mit den Themen Drogen und Medikamentenmissbrauch auseinandersetzen. Es gab spezielle Schulungsfilme, in denen ausführlich über Rauschgifte wie Haschisch, LSD und Opioide informiert wurde.

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Süchtige waren in der DDR lange auf sich selbst gestellt. Hilfe hätten sie zunächst nur bei ihren Mitmenschen gefunden, ab 1960 bei der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft gegen die Suchtgefahren. Erst in den 70ern seien therapeutische Clubs unter staatlicher Obhut entstanden.

Nach der Wende blieb der erwartete große Drogenrausch zunächst aus. Der Konsum illegaler Substanzen passte sich über die Jahre kontinuierlich dem Niveau der alten Bundesländer an. Medikamentenmissbrauch und -abhängigkeiten verschwanden jedoch nicht, so der MDR: „Schätzungen gehen davon aus, dass heute zwischen 1,4–1,9 Millionen Deutsche abhängig von Medikamenten sind.“