Hilfe zur Pflege

Pflege in Deutschland: Hunderttausende verzichten auf Geld, das ihnen zusteht

Eine Studie zeigt massive Lücken bei der Hilfe zur Pflege. Viele Berechtigte gehen leer aus, oft aus Unwissenheit, Scham oder wegen bürokratischer Hürden.

Author - Tobias Esters
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Pflegebedürftige Menschen erhalten oft nicht die ihnen zustehende Hilfe zur Pflege und verzichten auf finanzielle Unterstützung
Pflegebedürftige Menschen erhalten oft nicht die ihnen zustehende Hilfe zur Pflege und verzichten auf finanzielle UnterstützungUte Grabowsky/photothek.net

Viele pflegebedürftige Menschen in Deutschland leben am Existenzminimum und verzichten auf Geld, das ihnen eigentlich zusteht. Eine aktuelle Untersuchung zeigt nun ein alarmierendes Ausmaß.

Viele Pflegebedürftige verzichten auf Hilfe trotz Anspruch

Laut einer Studie des Paritätischen Gesamtverbands haben rund 390.000 Pflegebedürftige Anspruch auf die sogenannte Hilfe zur Pflege. Doch nur etwa 76.000 Menschen nutzen diese Unterstützung tatsächlich. Das entspricht gerade einmal rund 20 Prozent. Für die übrigen rund 315.000 Betroffenen bleibt das Geld unerreicht. Experten sprechen von einer enormen Dunkelziffer.

Die Untersuchung wurde vom Freiburger Sozialforscher Thomas Klie durchgeführt. Grundlage waren Daten zur häuslichen Pflege, zur Pflegebedürftigkeit sowie zum Bezug von Grundsicherung und Hilfe zur Pflege. Sein Ergebnis macht deutlich, dass viele Menschen trotz Anspruch durchs Raster fallen.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Viele Betroffene wissen schlicht nicht, dass ihnen diese Unterstützung zusteht. Andere schämen sich, Hilfe zu beantragen. Hinzu kommt, dass die Beratung oft nicht ausreicht. Ein weiteres Problem liegt in den Behörden selbst. Die Praxis bei der Bewilligung unterscheidet sich je nach Region teils erheblich.

Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, kritisiert große Unterschiede bei der Hilfe zur Pflege in Deutschland.
Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, kritisiert große Unterschiede bei der Hilfe zur Pflege in Deutschland.Foto: Der Paritätische

Besonders deutlich wird das bei einem Blick auf die Bundesländer. Im Saarland erhalten nur 9,49 Prozent der Anspruchsberechtigten Hilfe zur Pflege. In Mecklenburg Vorpommern sind es dagegen 47,26 Prozent. Sachsen kommt auf 39,14 Prozent, Sachsen Anhalt auf 21,7 und Thüringen auf 25,72 Prozent. Berlin liegt bei 38,45 Prozent und Brandenburg bei 36,07 Prozent. Im bundesweiten Durchschnitt liegt die Quote bei 19,44 Prozent.

Kritik am System: Wohnort entscheidet über Hilfe

Für den Paritätischen ist das ein unhaltbarer Zustand. Hauptgeschäftsführer Joachim Rock kritisiert gegenüber dem MDR deutlich, dass derzeit die Postleitzahl darüber entscheidet, wie gut Pflegebedürftige zu Hause unterstützt werden. Gute Pflege müsse überall gewährleistet sein, unabhängig vom Wohnort.

Gleichzeitig bleibt die Situation vieler Betroffener weitgehend unsichtbar. Während die stationäre Pflege gut erfasst ist, gilt die häusliche Pflege laut Studie als eine Art Blackbox. Es gebe Hinweise darauf, dass viele Familien überfordert sind und mit Unterversorgung kämpfen. Auch Angehörige geraten zunehmend unter finanziellen Druck und tragen ein erhöhtes Armutsrisiko.

Diese Voraussetzungen müssen erfüllt sein

Anspruch auf Hilfe zur Pflege haben Menschen, deren eigenes Einkommen und Vermögen zusammen mit den Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung nicht ausreichen, um die notwendigen Pflegekosten zu decken. Voraussetzung ist in der Regel ein anerkannter Pflegegrad sowie ein tatsächlicher Pflegebedarf, der entweder zu Hause oder in einer Einrichtung besteht.

Zudem wird geprüft, ob eigenes Vermögen oberhalb bestimmter Freibeträge liegt und ob unterhaltspflichtige Angehörige finanziell herangezogen werden können. Erst wenn diese Mittel nicht genügen, springt das Sozialamt ein.

Wer Hilfe zur Pflege beantragen möchte, sollte sich gut vorbereiten, um Verzögerungen oder Ablehnungen zu vermeiden. Zunächst ist es wichtig, alle relevanten Unterlagen zusammenzustellen. Dazu gehören Nachweise über Einkommen und Vermögen, Mietkosten, Rentenbescheide sowie Unterlagen zur Pflegebedürftigkeit wie der Pflegegradbescheid. Auch Belege über bereits entstandene Pflegekosten sind hilfreich.

Im nächsten Schritt sollte man sich möglichst früh beraten lassen, etwa bei der Pflegekasse oder einer unabhängigen Beratungsstelle, um den individuellen Anspruch besser einschätzen zu können.

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