Lieblingsstück ist ein selbstgestrickter Pullover in grün imago/elgreko74

Liebe Leserinnen und Leser! Beim Aufräumen fiel mir gestern eine kleine rote Wollmütze in die Hände, die ich als Kind in der Schule im Handarbeitsunterricht gestrickt habe. Erinnern Sie sich? Hatten sie den Unterricht auch in der Schule? Die Jungs hatten frei! Und wir Mädchen lernten häkeln, stricken, Strümpfe stopfen.

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Obwohl meine Mutter mir das natürlich auch gezeigt hat, denn Handarbeit war zu einer Zeit ja üblich und fast überlebenswichtig. Oft wurden bei uns zu Hause alte Pullover aufgeribbelt und etwas Neues daraus gestrickt. Sogar für meine Puppen hatte ich von Mutti und Oma selbstgestrickte Kleidung. Röcke, Kleidchen, Strampler, Söckchen. Mit Blick auf unser heutiges Leben im Überfluss war das sehr nachhaltig.

Stricken beruhigt, baut Stress ab und ist das perfekte Mittel zur Entspannung

Und überhaupt: Stricken liebe ich! Es beruhigt und baut Stress ab. Ähnlich wie beim Yoga oder Meditieren können die Gedanken beim Stricken abschweifen. Die verborgene Kraft der Handgelenke beeinflusst das Gehirn. Die beidseitig rhythmischen und automatischen Bewegungen entspannen und wirken heilsam. Die monotonen Abläufe:  Masche anheben, Faden durchziehen und neu gestrickte  Schlaufe abheben, samt dem Geklapper der Nadeln wirken wie ein Mantra beim Yoga. Man schaltet ab, vergisst den Stress. Kopf und Körper sind im Einklang miteinander. So erreicht der Geist seinen natürlich entspannten Zustand. 

Stricken ist auch Training für beide Gehirnhälften. Die eine muss die Bewegungen steuern, die andere beschäftigt die Konzentrationsfähigkeit und logisches Denkvermögen. Das hat Dr. Herbert Benson von der Medizinischen Schule in Harvard in einer Studie mit 3500 Strickenden festgestellt. Obendrein trainiert Stricken die Hand- und Fingermuskulatur und fördert die Feinmotorik. Natürlich auch das Durchhaltevermögen!

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Eine Socke mit fünf Nadeln kann ich in ein paar Stunden fertigstricken.  An einem Pullover hingegen werkele ich auch schon mal wochenlang. Höchst zufriedenstellend dabei ist, dass ich immer sofort den Fortgang sehe. Jede Masche ist ein Schritt zur Fertigstellung einer Reihe und damit des gesamten Projekts. Das Ergebnis der Strickarbeit ist dann immer ein gelungenes kreatives Einzelstück. Das macht zu Recht glücklich und stolz.

Nur schade, dass die meisten Männer das  Erlebnis nicht haben! Aber dafür gibt es inzwischen Strickkreise. Unlängst habe ich gelesen, dass es sogar bei Ikea in Spandau ein monatliches Strick-und Häkeltreffen gibt. In meinem kleinen bevorzugten Wollladen ist dies vor Corona auch so gewesen. Donnerstags für ein oder zwei Stündchen. Gerade vor Weihnachten, bei selbstgebackenen und mitgebrachten Plätzchen haben wir strickend Weihnachtsgeschenke produziert. Dabei Stress und Hektik des Alltags hinter uns gelassen.

Gemeinschaftliches Stricken verbindet und macht viel Spaß

Jede hat ihre Strickarbeit dabei. Man fachsimpelt und gibt sich Tipps, während ein munteres Gespräch in sehr angenehmer Atmosphäre vor sich hinplätschert. Gemeinschaftliches Stricken verbindet und macht Spaß. Oft wird gelacht und dabei Hektik des Alltags hinter sich gelassen. 

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Mein neustes Strickprojekt ist eine wärmende knallig rotfarbene Pudelmütze. Soll doch jeder sehn, dass ich stricken kann. Zufrieden und selbstbewusst werde ich sie tragen. Sie wird meine Ohren warmhalten. Natürlich: Stricken ist nicht jedermanns Sache. Aber wenn Sie es gern tun, dann tun Sie es jetzt und stricken ein einzigartiges Weihnachtsgeschenk für ihre Liebsten.

Eine schöne Woche wünsche ich Ihnen. Bleiben Sie bitte warm und gesund!

Ihre Sabine Stickforth

Sabine Stickforth schreibt jeden Dienstag im KURIER über das Leben über 50 in Berlin.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com