Sabine Stickforth schreibt jeden Dienstag über das Leben über 50 in Berlin. Dieses Mal geht es um den Respekt vor dem Alter. Foto: imago/imagebroker

Liebe Leser und Liebe Leserinnen, letztens habe ich in Mitte in einem angesagten Restaurant zu Mittag gegessen. Unmittelbar vor mir hat ein junger Mann ebenfalls das Restaurant betreten und mir vor der Nase die Tür zufallen lassen. Zuerst war ich geschockt! Dann verärgert über diese Geste der Unhöflichkeit.  Es gibt einfach zu viele unsensible Menschen, Männer und Frauen, die sich nicht benehmen können.

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Aber ich vermute, dass mir das so 40 Jahre früher nicht passiert wäre. Als junge, attraktive Frau wird man einfach mehr gesehen. Das ist kein abgedroschener Spruch, sondern wahres Erleben. Ich bin sicher, dass mir hier die meisten weiblichen Menschen zustimmen werden.

Es gibt viele Männer, die nehmen nur Frauen wahr, die in ihr Beuteschema passen. Auf der Straße lassen sie gleichgültig den Blick über uns reifere weiblichen Geschöpfe hinweggleiten. Oder drängeln uns womöglich beiseite: „Tschuldigung, hab Sie gar nicht gesehen.“ Wir sind unsichtbar, wenn wir älter geworden sind.

Ältere Schauspielerinnen berichten, sie bekommen kaum noch Rollen

Das ist ein sehr langer Prozess, der mir selbst eigentlich erst in solchen Situationen wie der vor der Nase zugeknallten Tür auffällt. Wie reagieren? Den Übeltäter zur Rede stellen? Sinnlos! Dahinter steht eine Haltung. Und die ist allgegenwärtig in unserer Gesellschaft. So berichten beispielsweise in die Jahre gekommene Schauspielerinnen immer wieder, dass es für sie kaum noch Rollen gibt oder sie nicht engagiert werden. Als Frau hat man sich unauffällig aus dem Leben zurückzuziehen. 

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Aber welch ein Verlust für alle ist das eigentlich! Schließlich wissen wir, wo wir stehen. Besitzen Wissen, Lebenserfahrung und Sicherheit. Wir sind Profis im Beruf und versierte Gesprächspartner. Wir haben unseren Stil gefunden. Diese Stärken lohnt es auszuspielen! 

Das Alter an sich hat ein Imageproblem. Alle möchten gern sehr alt werden, aber keiner will es sein. Obwohl uns die Wirklichkeit in diesem Land zwingt, uns mit dem Thema zu beschäftigen. Gerne würde ich sehr viel öfter über Menschen, die mit Geschick und Würde älter werden, lesen oder im Fernsehen Berichte sehen. Vor allem aus Berlin! Hier gibt es doch bestimmt unzählige Beispiele von Frauen und auch Männern, die ein interessantes und vitales Rentnerdasein führen!  Elke Schilling, Initiatorin und 1. Vorsitzende von Silbernetz ist ein  Beispiel. Es fehlen die Vorbilder und Beispiele von Menschen, die in Würde älter werden.

Auch wenn sich der Zeitpunkt nach hinten verschoben hat, an dem eine Frau als „alt“ gilt, wird das Älterwerden von Frauen und Männern immer noch unterschiedlich bewertet. Das macht allemal ein Spruch von George Clooney klar: „Wir kriegen Falten, werden fett und glatzköpfig, aber keinen kümmert's“. Damit meint er das männliche Geschlecht.

Das gemeinsame Älterwerden ist ein natürlicher Prozess

Privat läuft es zum Glück ja anders. Auch unsere Ehemänner und Partner werden älter. Da ist das gemeinsame Älterwerden ein akzeptierter natürlicher Prozess. Unsere grauen Haare, Lachfalten und wertvoll angesammeltes Hüftgold gehören eben selbstverständlich zur Lebensphase, in der wir uns gerade befinden.

Das Bild vom Alter, dass man es  womöglich krank und einsam verbringt, entspricht übrigens gar nicht der Wirklichkeit. Laut einer aktuellen Studie im Auftrag der Deutschen Bank und der Initiative „Deutschland - Land der Ideen“ haben eher jüngere Menschen (14-29-Jährige) Angst vor dem Alter und der damit verbundenen Einsamkeit. Hingegen haben aber erstaunlicherweise nur 11 Prozent der von TNS Infratest befragten über 60-Jährigen Angst vor dem Alleinsein.

Für mich ist genau das die wahre Erkenntnis! Schließlich leben wir schon in der zweiten Lebensphase und machen in unserem Alltag aus den Aufgaben, die sich uns stellen, immer das Beste. Bleiben wir also gelassen! Ich schluckte den Ärger über den jungen Mann, der die Tür vor mir zufallen ließ, jedenfalls einfach runter. Und ich habe mir im Restaurant ein köstliches Nudelgericht bestellt und es mit Genuss verspeist.

Eine gute Zeit wünscht Ihnen Ihre Sabine Stickforth

Sabine Stickforth schreibt jeden Dienstag im KURIER über das Leben über 50 in Berlin.
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