Wer meine Kolumnen bisher gelesen hat, kennt ihn bereits: Wolfi. Meinen Ehemann. Ich war 49, als wir uns trafen. Frisch getrennt, nach zwölf Jahren Ehe – und ehrlich gesagt: ziemlich erledigt. Wolfi ist nicht der Typ Mann, den man an der Käsetheke trifft und der einen fragt, ob man Lust auf einen Kaffee hätte. Und selbst wenn – ich hätte vermutlich abgelehnt. Heute gibt es ja ein riesiges Geschäft mit Kennenlernplattformen. Onlinedating ist längst normal.
„Nach einer schmutzigen Trennung und vielen Tränen klang das beruhigend“
30 bis 40 Prozent aller Paare lernen sich inzwischen auf diesem Weg kennen. Früher traf man sich im Café. Heute im Algorithmus. Oder man wird verkuppelt. Unsere Geschichte begann eigentlich ganz harmlos. Ich hatte mir ein altes Boot gekauft – die Idee meines Sohnes Leon.

„Wir werden darauf eine gute Zeit haben“, meinte er. Nach einer schmutzigen Trennung und vielen Tränen klang das beruhigend. Wir machten beide den Bootsführerschein und fanden dieses Boot im Internet. Als es übergeben werden sollte, spielte ich gerade „Maria Stuart“ in Bad Hersfeld.
Also bat ich meinen besten Freund Kai und Leon, das Boot zu übernehmen und zu dem von mir angemieteten Steg zu bringen. So nahm das Schicksal seinen Lauf. Kai kannte Wolfi aus Potsdamer Zeiten. Und da Wolfis Haus direkt an der Havel liegt, bat Kai ihn um Hilfe. Wolfi brachte das Boot zu meiner Stegstelle, fuhr danach meinen Sohn nach Hause – und lud mich am Ende auch noch zum Grillabend ein.
Um ehrlich zu sein: Ich hatte null Interesse. Ich wollte niemanden kennenlernen. Die Trennung war zu frisch. Zu unschön. Zu alles. Aber Kai ließ nicht locker. Ich sei es dem Helfer schuldig. Und überhaupt: Anstand. Also ließ ich mich breitschlagen, klemmte zwei Flaschen Wein unter den Arm und stieg zu Kai ins Auto.

Plan: ein Stündchen. Höchstens. Später erfuhr ich, dass Kai das Ganze längst eingefädelt hatte. Er kannte uns beide und war überzeugt: Wenn die nicht zusammenpassen, dann frisst er einen Besen. Auf dem Grundstück angekommen, kam mir ein freundlicher, leicht in die Jahre gekommener Mann in einer braunen Kittelschürze entgegen.
„Da stand ich nun. Mit meinen zwei Flaschen Wein. Auf einem fremden Grundstück“
Seine Brille saß ein wenig schief, die Haare waren etwas strubbelig, noch feucht von den Küchendämpfen. „Ich bin Gerit Kling“, brachte ich etwas steif hervor. Er kannte mich nicht. Hatte mich weder gegoogelt noch jemals im Fernsehen gesehen. Es beeindruckte ihn ... überschaubar.
Da stand ich nun. Mit meinen zwei Flaschen Wein. Auf einem fremden Grundstück. Und trat leicht verloren von einem Bein auf das andere. Wenigstens war Kai in meiner Nähe. Es war Ende August 2014. Ein warmer Abend, und doch spürte man: Der Sommer zieht sich langsam zurück.
Dieses Licht – weich und golden, fast ein bisschen melancholisch. Und dann gab es Essen. Filet in Kaffeekruste mit Preiselbeeren. Süßkartoffeln in Kokos. Ich war sprachlos. Noch nie hatte jemand so für mich gekocht. Nach dem Essen machte Wolfi ein großes Feuer in der Feuerschale.
Wir lagen auf den Liegen, hörten das Holz knacken und spürten die Wärme. Und ich merkte, wie sich langsam etwas in mir löste. Ein kleines bisschen Ruhe. Ein kleines bisschen Zuhause. Zeit verging. Wir lernten uns kennen. Ich weiß gar nicht mehr, wann und wie es geschah, aber Amor hatte irgendwann doch noch getroffen. Nicht sofort, nicht spektakulär – aber gründlich.

Wir waren beide – und sind es noch – unsterblich verliebt. Dann wirkte Wolfi eine Zeit lang zunehmend nervös. Immer wieder griff er in seine Hosentasche. Manchmal brach ihm der Schweiß aus. Selbst beim Wasserskifahren fasste er sich plötzlich an den Neoprenanzug, was, ehrlich gesagt, Fragen aufwarf.
Aber es passierte nichts. Eines Tages waren wir auf der Wartburg. Ich hatte Dreharbeiten in Eisenach, und Wolfi wollte mir unbedingt diesen magischen Ort zeigen. Wir saßen beim Mittagessen, als plötzlich der Kellner mit Champagner auftauchte.
„Er überreichte mir eine kleine Schachtel mit einem Ring“
Wolfi stand auf, ging auf die Knie. Und griff natürlich – wieder in seine Hosentasche. Er überreichte mir eine kleine Schachtel mit einem Ring, einem Verlobungsring. Ein halbes Jahr, wie sich später herausstellte, hatte er den Ring schon mit sich herumgetragen. Überall hatte er die Schachtel dabei, beim Sport, in der Tanzgruppe, bei langen Autofahrten zu irgendwelchen Theatern.



