1976 wurde ein Liedermacher ausgebürgert. Ein Ereignis, bei dem die Grenzen der DDR auf einmal spürbar wurden. Und ich beantragte innerlich mein Visum für Hollywood. Wir wohnten in Potsdam, in der Albert-Klink-Straße. Dass der Mann mit K am Ende ein Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten war und nichts mit mir zu tun hatte, verschwieg ich großzügig. Gerit Kling aus der Albert-Kling-Straße klang wesentlich schöner.
„Ich war nicht irgendwer. Ich hatte Filmblut“
Ich ging in die fünfte Klasse. Meine Schule stand direkt gegenüber unserer Wohnung. Eine typische DDR-Neubauwohnung: Küche ohne Fenster, Bad ohne Fenster, aber mit zuverlässiger Mangelwirtschaft. Unsere Eltern waren noch sehr jung damals und gingen gerne mal tanzen. Wenn nachts der Fahrstuhl auf unserer Etage stoppte und die Schlüssel im Schloss klirrten, lag ich wach. Erst wenn ich hörte, dass sie wieder da waren, konnte ich einschlafen. Sicherheit war damals ein Geräusch.

In der Schule langweilte ich mich. Zweite Reihe am Fenster. Ich blickte in den Innenhof und träumte mich fort. Manchmal wusste ich nicht einmal, welches Fach gerade stattfand. Während Frau Gutschmidt sieben mal acht abfragte, streichelte ich einen Elefanten in Thailand oder stand in den Universal Studios und nahm meinen Kinder-Oscar entgegen. Sieben mal acht erschien mir in diesem Zusammenhang völlig überschätzt.
Eines Tages bekam ich von einem Onkel aus dem Westen eine Bravo. Eine echte. Mit Hochglanz. Mit Zähnen, die weißer waren als jede sozialistische Zukunft. „So sieht Freiheit offenbar aus“, dachte ich damals. Dort las ich zum ersten Mal von einer amerikanischen Fernsehserie: „Starsky & Hutch“.

Zwei Männer in engen Jeans lehnten lässig an einem roten Auto. Sie lachten in die Kamera, als wüssten sie, dass das Leben Spaß macht. Und ich wusste plötzlich: Da gehöre ich hin. Immerhin hatte ich mit viereinhalb in Konrad Wolfs „Goya“ die kleine Elenita gespielt. Und in „Hund über Bord“ eine Hauptrolle übernommen. Ich war also nicht irgendwer. Ich hatte Filmblut.
„Meine Mutter war entsetzt“
Die Idee kam wie ein Blitz: Was, wenn ich meinen Mitschülern erzähle, ich sei für eine Rolle in genau dieser amerikanischen Serie engagiert worden? Ich kaufte schwarze Haarfarbe in einer Drogerie, färbte mir die Haare pechschwarz. Meine Mutter war entsetzt. Ich log etwas von einer Wette. Am nächsten Tag war ich Gesprächsthema Nummer eins. Perfekter Auftakt.

Ich erzählte von Vorsprechen, von Auswahlprinzipien, von einem Visum, das noch geprüft werde. Je detaillierter ich sprach, desto realer wurde es. Ich erfand Drehorte, Dialoge, Nebenfiguren. Und irgendwann glaubte ich mir selbst. Ich war nicht mehr die Erzählerin. Ich war bereits auf Sendung. In einem Land, in dem leise über Biermanns Ausbürgerung gesprochen wurde und das Ministerium für Staatssicherheit immer genauer hinsah, erzählte ein elfjähriges Mädchen öffentlich von Hollywood – und niemand stoppte sie.
Vielleicht war ich einfach zu klein für die große Politik. Die Wunschlisten begannen. T-Shirts. Autogramme. Turnschuhe aus Amerika. Ich schrieb alles auf und überlegte ernsthaft, wie ich das Zeug im Flugzeug zurücktransportieren würde. Da die Serie im Westfernsehen noch gar nicht lief, hatte ich völlige Narrenfreiheit.
Ich konnte sie erfinden. Es ging um Freundschaft. Schnelle Autos. Freiheit. Und um die Tochter von Starsky. Ein hübsches Mädchen mit pechschwarzen Haaren. Dann klingelte die Klassenlehrerin abends bei uns. Das war das Ende meiner amerikanischen Karriere. Ich musste mich unter der DDR-Fahne für meine Fantasie vor der gesamten Schule entschuldigen.
Danach wurde es grausam. Die Schüler schlugen Bücher auf meinen Kopf, warfen mich in die Brennnesseln und ignorierten mich monatelang. Elfjährige können grausam sein – und Systeme übrigens auch. Manchmal denke ich noch an dieses Mädchen mit den schwarzen Haaren. Und wie traurig die Wahrheit sie machte.


