Kolumne „Gerits Welt

Ich erfand ein Hollywood-Leben: DDR-Star Gerit Kling über eine Lüge

Gerit Kling erinnert sich an ihre DDR-Kindheit, Fantasiefluchten nach Hollywood, Lügen, Strafen und Mobbing – und verrät, warum diese Geschichte sie bis heute prägt.

Author - Gerit Kling
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In „Gerits Welt“ schreibt Gerit Kling über ihr Leben in der DDR und erzählt Anekdoten aus ihrem Leben als Schauspielerin, Ehefrau und Mutter.
In „Gerits Welt“ schreibt Gerit Kling über ihr Leben in der DDR und erzählt Anekdoten aus ihrem Leben als Schauspielerin, Ehefrau und Mutter.Jordis Antonia Schlösser

1976 wurde ein Liedermacher ausgebürgert. Ein Ereignis, bei dem die Grenzen der DDR auf einmal spürbar wurden. Und ich beantragte innerlich mein Visum für Hollywood. Wir wohnten in Potsdam, in der Albert-Klink-Straße. Dass der Mann mit K am Ende ein Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten war und nichts mit mir zu tun hatte, verschwieg ich großzügig. Gerit Kling aus der Albert-Kling-Straße klang wesentlich schöner.

„Ich war nicht irgendwer. Ich hatte Filmblut“

Ich ging in die fünfte Klasse. Meine Schule stand direkt gegenüber unserer Wohnung. Eine typische DDR-Neubauwohnung: Küche ohne Fenster, Bad ohne Fenster, aber mit zuverlässiger Mangelwirtschaft. Unsere Eltern waren noch sehr jung damals und gingen gerne mal tanzen. Wenn nachts der Fahrstuhl auf unserer Etage stoppte und die Schlüssel im Schloss klirrten, lag ich wach. Erst wenn ich hörte, dass sie wieder da waren, konnte ich einschlafen. Sicherheit war damals ein Geräusch.

Gerit Kling lebt heute in einer Villa in Potsdam. Mit ihrem Ehemann Wolfram Becker hat sie sich hier ein Leben aufgebaut.
Gerit Kling lebt heute in einer Villa in Potsdam. Mit ihrem Ehemann Wolfram Becker hat sie sich hier ein Leben aufgebaut.Jordis Antonia Schlösser

In der Schule langweilte ich mich. Zweite Reihe am Fenster. Ich blickte in den Innenhof und träumte mich fort. Manchmal wusste ich nicht einmal, welches Fach gerade stattfand. Während Frau Gutschmidt sieben mal acht abfragte, streichelte ich einen Elefanten in Thailand oder stand in den Universal Studios und nahm meinen Kinder-Oscar entgegen. Sieben mal acht erschien mir in diesem Zusammenhang völlig überschätzt.

Eines Tages bekam ich von einem Onkel aus dem Westen eine Bravo. Eine echte. Mit Hochglanz. Mit Zähnen, die weißer waren als jede sozialistische Zukunft. „So sieht Freiheit offenbar aus“, dachte ich damals. Dort las ich zum ersten Mal von einer amerikanischen Fernsehserie: „Starsky & Hutch“.

„Starsky & Hutch“ ist eine amerikanische Kult-Krimiserie aus den 1970er-Jahren, die von zwei gegensätzlichen Polizisten im fiktiven Bay City handelt.
„Starsky & Hutch“ ist eine amerikanische Kult-Krimiserie aus den 1970er-Jahren, die von zwei gegensätzlichen Polizisten im fiktiven Bay City handelt.Mary Evans/Imago

Zwei Männer in engen Jeans lehnten lässig an einem roten Auto. Sie lachten in die Kamera, als wüssten sie, dass das Leben Spaß macht. Und ich wusste plötzlich: Da gehöre ich hin. Immerhin hatte ich mit viereinhalb in Konrad Wolfs „Goya“ die kleine Elenita gespielt. Und in „Hund über Bord“ eine Hauptrolle übernommen. Ich war also nicht irgendwer. Ich hatte Filmblut.

„Meine Mutter war entsetzt“

Die Idee kam wie ein Blitz: Was, wenn ich meinen Mitschülern erzähle, ich sei für eine Rolle in genau dieser amerikanischen Serie engagiert worden? Ich kaufte schwarze Haarfarbe in einer Drogerie, färbte mir die Haare pechschwarz. Meine Mutter war entsetzt. Ich log etwas von einer Wette. Am nächsten Tag war ich Gesprächsthema Nummer eins. Perfekter Auftakt.

Mit fünf Jahren spielte Gerit im Film „Goya“ mit.
Mit fünf Jahren spielte Gerit im Film „Goya“ mit.Privat

Ich erzählte von Vorsprechen, von Auswahlprinzipien, von einem Visum, das noch geprüft werde. Je detaillierter ich sprach, desto realer wurde es. Ich erfand Drehorte, Dialoge, Nebenfiguren. Und irgendwann glaubte ich mir selbst. Ich war nicht mehr die Erzählerin. Ich war bereits auf Sendung. In einem Land, in dem leise über Biermanns Ausbürgerung gesprochen wurde und das Ministerium für Staatssicherheit immer genauer hinsah, erzählte ein elfjähriges Mädchen öffentlich von Hollywood – und niemand stoppte sie.

Vielleicht war ich einfach zu klein für die große Politik. Die Wunschlisten begannen. T-Shirts. Autogramme. Turnschuhe aus Amerika. Ich schrieb alles auf und überlegte ernsthaft, wie ich das Zeug im Flugzeug zurücktransportieren würde. Da die Serie im Westfernsehen noch gar nicht lief, hatte ich völlige Narrenfreiheit.

Ich konnte sie erfinden. Es ging um Freundschaft. Schnelle Autos. Freiheit. Und um die Tochter von Starsky. Ein hübsches Mädchen mit pechschwarzen Haaren. Dann klingelte die Klassenlehrerin abends bei uns. Das war das Ende meiner amerikanischen Karriere. Ich musste mich unter der DDR-Fahne für meine Fantasie vor der gesamten Schule entschuldigen.

Danach wurde es grausam. Die Schüler schlugen Bücher auf meinen Kopf, warfen mich in die Brennnesseln und ignorierten mich monatelang. Elfjährige können grausam sein – und Systeme übrigens auch. Manchmal denke ich noch an dieses Mädchen mit den schwarzen Haaren. Und wie traurig die Wahrheit sie machte.

„Wolfi, mein Mann, liebt diese Geschichte von mir“

Die Wahrheit zu sagen ist langweilig, dachte ich oft als Kind. Wolfi, mein Mann, liebt diese Geschichte von mir. Auch er war damals großer Fan der Serie, besonders von dem roten Ford Gran Torino, und findet es unglaublich, dass ich mir das alles ausgedacht habe. Vielleicht war es gar keine Lüge. Vielleicht war es nur mein erster öffentlicher Proberaum.

Was ist schon Staatsbürgerkunde gegen eine gute Fantasie? Und mal ehrlich: Hollywood war 1976 vielleicht unerreichbar. Aber meine Vorstellungskraft war es nie. Vielleicht war es das erste Mal, dass ich begriff, wie mächtig eine gut erzählte Geschichte sein kann.

Haben Sie Fragen oder Kolumnen-Wünsche an Gerit Kling? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com