Herthas Profis hatten nach dem Derby richtig gute Laune. Foto: imago images

Wer regiert Berlin? So titelte das Fachmagazin „Kicker“ vor dem Derby Hertha contra Union und ging der Frage nach, ob der Aufschwung der Unioner nur eine Momentaufnahme sei oder schon Trend und Hertha um seinen Status als Nummer eins der Stadt fürchten müsse.

Nein, sage ich deutlich. Die Fakten sprechen für sich: Der 3:1-Sieg im Derby war der zweite Erfolg in diesem heißen Duell in Folge. Schon im Mai war Hertha mit 4:0 siegreich. In den bislang sieben Derbys seit 2010 in der Ersten und Zweiten Liga hat die Hertha dreimal gewonnen, dazu gab es zwei Remis und zwei Union-Erfolge. Torverhältnis: 13:8 für Blau-Weiß.

Das Team kann sich nun bis Anfang April 2021 –dann soll das nächste Derby an der Alten Försterei steigen – auch „Stadtmeister“ nennen, egal, ob Union wie im Moment in der Tabelle vor Hertha steht. „Dieser Titel ist etwas für die Fans“, sagte mir vor Tagen Unions Derby-Legende Torsten Mattuschka, „dann kannst du bis zum nächsten Duell die große Schnauze haben.“ So ist es, nicht mehr und nicht weniger. Sticheleien der Anhänger beider Lager gehören doch zu einer gesunden Rivalität.

Gelungene Aktion von Hertha BSC

Ich fand deshalb die Aktion von Hertha vor dem Derby, über Nacht tausende blau-weiße Fahnen in der Stadt zu befestigen, originell. In der Vergangenheit war Hertha ja oft mit Marketing-Aktionen aufgefallen, die nicht mal der eigene Anhang verstand. Irgendwie erinnerte mich das an einen Coup der Union-Fans aus dem Jahr 2013, als diese die „Hertha“, das Gründungsschiff des Konkurrenten, auf der Kyritzer Seenplatte kaperten. 118 Unioner bestiegen die „Hertha“ damals in Zivil, ehe sie sich auf dem Wasser outeten und das Schiff in Rot-Weiß beflaggten. Beide Aktionen verliefen friedlich und belebten doch die Rivalität mit einem Augenzwinkern. Weiter so, auch den verärgerten Berliner Behörden zum Trotz!

Den Status, die Nummer eins in der Stadt zu sein, hat Hertha beinahe seit Ewigkeiten inne. Das begann in den 1920er und 1930er Jahren, als die Mannschaft sechsmal in Serie das Finale um die Deutsche Meisterschaft erreichte und zweimal den Titel holte. Viel später, bei der Gründung der Bundesliga 1963, bewegte man sich meist auf Augenhöhe mit Tennis Borussia und Tasmania 1900 und zog in die Eliteklasse ein. Nur nach dem Zwangsabstieg 1965 wegen Zahlung überhöhter Gehälter war die Nummer eins für kurze Zeit futsch, weil Tasmania aus politischen Gründen in die Liga gehievt wurde, dort aber versagte. Ernsthaft verlor Hertha den geliebten Nummer-eins-Status für längere Zeit nur an Blau-Weiß 90. Passiert ist das Mitte der 1980er Jahre mit dem Tiefpunkt, Herthas Abstieg in die Amateuroberliga Berlin 1986/87. Zeitgleich thronte Blau-Weiß 90 für eine Saison sogar in der Bundesliga. Ab 1989/90 aber war Hertha wieder das Berliner Flaggschiff.

Dass der 1. FC Union zuletzt im Eiltempo Boden gutgemacht hat, sehe ich positiv für Hertha, weil sich der Klub schneller bewegen muss. Der Status der Nummer eins ist nicht in Stein gemeißelt. Durch Unions Aufholjagd samt meist als sympathisch angesehenem Außenseiter-Dasein musste auch Hertha sein Profil schärfen. Gott sei Dank ist man vom einst angestrebten Hipster-Image abgekommen. Dass das Team im Derby mit dem Logo der starken Fanaktion „Hertha-Kneipe“ auflief, ist der beste Beweis dafür. Vielleicht ist Hertha ja mit 128 Jahren Historie mehr die von vielen geliebte Eckkneipe als ein Start-up. Urige Eckkneipen gehören nun mal zum echten Berlin und könnten auch einem künftigen Big-City-Klub Bodenhaftung verleihen.