Beim letzten Derby im Olympiastadion feierten die Herthaner über das 4:0. Foto: City-Press

Im Volksmund heißt es: „Es gibt Fußballspiele und es gibt Derbys.“  Eine weitere Steigerung bedeuten die hoch emotionalen Stadtderbys wie das zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union. Dabei geht es nicht nur um drei Punkte, es geht ums Prestige, um die Außenwirkung in der Liga, die Gunst von Investoren und Sponsoren, auch um die inoffizielle „Stadtmeisterschaft“, die für die beiden Fan-Lager von enormer Bedeutung ist. Eine Stadt kommt dabei in Bewegung.

Am Freitag, wenn Hertha die Unioner im Olympiastadion zum Geisterderby empfängt, haben sich die Vorzeichen gegenüber den letzten Duellen der beiden Teams geändert. Vor Jahren standen oft die Gegensätze „Ost gegen West“ im Mittelpunkt, später hieß es gern „Nischenverein gegen Establishment“ oder „Kiezklub gegen Hauptstadtklub“. Der 1. FC Union hat inzwischen mächtig aufgeholt – sportlich wie wirtschaftlich und sich die Sympathien einer großen Anhängerschaft erworben. In der Tabelle liegt Union überraschend da, wo Hertha hinwill – im oberen Drittel der Liga.

Der Reiz des Derbys ist riesengroß

Der Reiz solcher Derbys ist riesengroß, völlig egal, in welcher Liga gespielt wird. Als Junge habe ich meine ersten Erfahrungen bei einem so genannten Bezirks-Derby gesammelt. Im „Stadion der Freundschaft“ im thüringischen Gera stand ich mit selbstgenähter Fahne in der Fankurve des Außenseiters, der BSG (Betriebssportgemeinschaft) Wismut Gera. Es ging gegen den Riesen aus dem nur 43 Kilometer entferntem Jena, den FC Carl Zeiss. Der wurde im Volksmund wegen seiner Finanzkraft auch „FC Fiat“ genannt. Solche Wagen fuhren damals die Zeiss-Kicker. Das Derby haben sie natürlich zu meinem Leidwesen gewonnen.

Viele Jahre später erlebte ich einige brisante Derbys in der DDR-Oberliga, wenn der 1. FC Union auf den Dauermeister BFC Dynamo traf. Ich sehe noch die Fankarawanen vom S-Bahnhof Friedrichstraße Richtung Stadion der Weltjugend ziehen, das an der Chausseestraße thronte – nahe der Berliner Mauer. Viel Polizei eskortierte vor allem die übermächtigen Union-Anhänger. Ab Mitte der 70er Jahre fanden diese Derbys, die das Klischee vom „Underdog“ gegen den „Riesen“ trefflich bedienten, im 45.000 Zuschauer fassenden Stadion statt. Der BFC, so hieß es, wollte damals vermeiden, in Köpenick, in der engen Alten Försterei, anzutreten – einem Hexenkessel. Offiziell aber wurde aus „Sicherheitsgründen“ im weiten Rund in Mitte gespielt.

Inzwischen trennen die beiden Rivalen von einst drei Ligen, der BFC spielt in der Regionalliga Nordost eine gute Rolle und verliert das Fernziel, die Dritte Liga, nicht aus dem Blickfeld. Dynamo hat sich als Derby-Gegner für Union längst erledigt, der heißt Hertha BSC.

Am 28. Oktober unterlag Hertha BSC mit Pal Dardai (r.) mit 2:4 bei Tennis Borussia im DFB-Pokal.  Foto: imago images

Am Freitagabend wird erst das siebte Duell in Pflichtspielen stattfinden. Vier waren es seit 2010 lediglich in Liga zwei, zwei in Liga eins. Deshalb reden Alt-Herthaner noch immer vom einstigen Vergleich zwischen ihrem Verein und Tennis Borussia vom „Berliner Ur-Derby“. Immerhin trafen beide Klubs 111 Mal in ihrer langen Geschichte in Pflichtspielen aufeinander – zum ersten Mal 1910! Ironie der Geschichte: Auch TeBe spielt nun in einer Liga mit dem BFC.

Was spricht nun dieses Mal für Hertha? Immerhin drei Profis kommen mit Derby-Erfahrungen aus anderen starken Ligen zum Spiel. Kapitän Dedryck Boyata war einst viermal für Celtic Glasgow im ältesten Derby Europas, dem Old Firm, gegen die Glasgow Rangers erfolgreich. Krzysztof Piatek stürmte für Genua 1893 gegen Sampdoria Genua und für den AC Mailand im Derby gegen Inter. Und der junge Franzose Matteo Guendouzi half Arsenal London gegen Chelsea und Tottenham. Ob das den Ausschlag gegen Union geben kann? Wenn ich das nur wüsste…