Dixie Dörner war eine Legende von Dynamo Dresden und einer der besten Fußballer der DDR. Nun starb er im Alter von nur 70 Jahren.  Foto: Imago Images

Es ist noch gar nicht lange her, drei, vier Monate nur, da haben wir miteinander telefoniert. Um Dynamo Dresden ging es, völlig klar, und darum, ob sich die Schwarz-Gelben nach ihrem x-ten Aufstieg endlich in der 2. Fußball-Bundesliga etablieren oder vielleicht sogar den Blick nach ganz oben richten könnten, wo sie unmittelbar nach dem Zusammenschluss von Fußball-West und Fußball-Ost vier Jahre gespielt haben. Skeptisch war Hans-Jürgen Dörner, den sie seit Jugendzeiten nicht nur in Dresden „Dixie“ gerufen haben, weil er alles rund um seinen Herzensverein verfolgte, bis zuletzt im Aufsichtsrat saß, dort seinen exzellenten Blick auf das Geschehen bei Dynamo und auf den Fußball insgesamt richtete und für alles einen Rat wusste.

Dixie Dörner führte die DDR zu Olympia-Gold 

Sie haben viele Experten in Dresden, aber sie hatten keinen wie ihn, den, der am 18. Mai 1985 als erster von nur zwei DDR-Fußballern (der andere ist Joachim Streich) auf 100 Länderspiele kam und der in den meisten dieser Partien seine Mitspieler als Kapitän aufs Feld führte. Mit Dörner wurde Dynamo fünfmal DDR-Meister und viermal FDGB-Pokalsieger, mit 392 Partien ist er Rekordspieler der Schwarz-Gelben, und in der ewigen Einsatzliste der DDR-Oberliga liegt er auf Rang 4. Dreimal ist „Dixie“ Fußballer des Jahres geworden und in die „Traum-Elf 40 Jahre Oberliga“ wurde er sowieso gewählt.

Wie das aber in einem Leben ist, nicht alles hat auf den Punkt geklappt. Das hat einen wie ihn, den Perfektionisten, maßlos geärgert. Dabei war es lediglich grenzenloses Pech, dass er, eigentlich Mitglied der goldenen Generation der 1970er-Jahre, die einzige WM-Endrunde, die von einer DDR-Mannschaft erreicht wurde, verpasste. Eine Gelbsucht legte ihn 1974 flach, die Spiele gegen Australien und Chile, das 1:0 in Hamburg im einzigen deutsch-deutschen Duell und die Zwischenrunde gegen Brasilien, die Oranjes um Johan Cruyff und schließlich Argentinien fanden ohne ihn statt. Dafür brillierte er zwei Jahre später bei Olympia umso mehr, als er seine Mitspieler zu Gold in Montreal führte.

Als Fußballer hat er ihnen allen was vorgemacht. Eine völlig andere Art von Stil hat er ins Spiel gebracht, ausgefeilte Technik, einzigartige Ballbehandlung, dazu eine perfekte Kombination aus Feinmotorik und Kämpferherz und vor allem ganz viel Eleganz. Regelrecht zum Mit-der-Zunge-schnalzen. Als „Beckenbauer des Ostens“ haben ihn Journalisten gern bezeichnet, dabei war Dörner mehr als nur eine mögliche Kopie vom „Kaiser“. Er hat auf allen Positionen gespielt, zunächst am häufigsten im Mittelfeld, später als spielender Libero, doch selbst als Stürmer war „Dixie“ vielen anderen überlegen. Das Prädikat nach den meisten Spielen: Extraklasse! War Not am Mann, streifte er sich sogar den Torwart-Pulli über, weil er zwischen den Pfosten auch seine Hände und Fäuste einzusetzen wusste und auch mal ins bedrohte Eck flog. Ein Jahrhundert-Talent und einer, der mit dem Ball zu tanzen pflegte.

Dixie Dörner als Denker und Lenker

Ein einziges Mal haben wir gegeneinander gespielt, bei einem Vorbereitungs-Kick auf die Saison, er mit Dynamo und den damaligen anderen Stars wie Gerd Weber und Udo Schmuck, Reinhard Häfner und Hartmut Schade, Gert Heidler und Peter Kotte, ich mit Rotation Berlin, dem damaligen DDR-Ligisten. 1:2 nur haben wir verloren, weil wir vor Ehrgeiz über uns hinausgewachsen sind und es den Nationalspielern ja zeigen wollten. Keine Chance! Von der ersten Minute sind wir trotzdem ins Staunen gekommen über die Finesse und Schnelligkeit dieses Dynamo-Kreisels, vom einstigen Kult-Trainer Walter Fritzsch erfunden und von Dixie Dörner als Denker und Lenker in Perfektion umgesetzt.

Dixie Dörner war mit sich im Reinen

Imago
Zwei Fußball-Legenden auf einem Bild: 1974 trafen Uli Hoeneß und Dixie Dörner mit ihren Klubs Bayern München und Dynamo Dresden im Europapokal aufeinander.

Später haben sich unsere Wege rein beruflich, er als Trainer der Olympiamannschaft für 1988, ich als Fußball-Journalist, mehrfach gekreuzt. In Bremen, wo er nach einer Tätigkeit beim Deutschen Fußball-Bund 1996 als einer der ersten Trainer aus der DDR mit Werder ein Team aus der Bundesliga übernahm, habe ich ihn besucht und mit seiner Unterstützung in die Strukturen eines renommierten Erstliga-Vereins aus dem Westen hineingeschnuppert. Dass sein Engagement an der Weser nicht erfolgreich war, hat viele Gründe. Am meisten profitiert haben davon Kinder und Jugendliche, sonst hätte es womöglich in Dresden „Dixie Dörners Fußballschule“ nie gegeben.

Noch vor einem Jahr, zu seinem 70. Geburtstag am 25. Januar, hat er mir versichert, gerade auch wegen dieser Tätigkeit rund um den Nachwuchs mit sich im Reinen zu sein. Was damals noch wichtiger war: „Obwohl wir wegen der Pandemie keine Spiele mit den Oldies mehr bestreiten können, fühle ich mich gesund und fit.“

Das aber war „Dixie“ wohl schon nicht mehr. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ist mit ihm einer der größten Fußballer, den die DDR je hatte, eine Woche vor seinem 71. Geburtstag nach langer Krankheit in Dresden gestorben.

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