Wer in der DDR ein Baby erwartete, kam an einem Namen nicht vorbei. Nein, nicht Mandy oder Enrico. Der Name Zekiwa ist gemeint. Der Kinderwagenhersteller aus Zeitz war mehr als ein Betrieb – er war ein Stück Alltagskultur. Werdende Eltern taten gut daran, sich noch vor der Niederkunft von Mandy oder Enrico um eines der begehrten Modelle zu kümmern.
Kinderwagen in der DDR Mangelware
Denn wie auf so vieles in der DDR musste man auch auf einen der Kinderwagen lange warten, nicht ganz so lange wie auf einen Trabant, aber immerhin. Kinderwagen galten in der DDR als Mangelware, besonders beliebte Modelle wie die Zekiwa‑Korbwagen, Sportwagen oder gar die Zwillingswagen waren heiß begehrt. Es kam vor, dass Eltern mehrere Wochen bis Monate auf das gute Stück warten mussten. Oder ihn gleich per Annonce aus zweiter Hand kauften. In den Kaufhäusern konnten Schwangere sich auf Vormerklisten schreiben lassen.
Nicht selten wurden daher gleich mehrere Kinder nacheinander in einer Familie oder im Bekanntenkreis im selben Kinderwagen umhergeschoben und die unverwüstliche Kinderkutsche an die nächsten kleinen DDR‑Bürger weitergegeben. Ein gut erhaltener Zekiwa war Gold wert – und wurde oft über Generationen gepflegt.
Wenn Papi den Zekiwa schmiert
Kein Wunder, ließen sich die Wagen von den geschickten Papis gut selber warten und reparieren.
Obwohl Zekiwa, der VEB Zeitzer Kinderwagenindustrie, in den 1970er und 1980er Jahren ein Riese war, gab es in der DDR Modelle, die man nur mit viel Glück oder Beziehungen bekam. Besonders knapp waren die handgeflochtenen großen Korbwagen, die sogenannte Weidenkorbmodelle. Von den Panoramawagen, die in den 1970er‑Jahren modern wurden, ganz zu schweigen. Hier konnte man durch durchsichtige Guckfenster auch aus der Ferne den lieben Kleinen beim Schlafen zusehen.
Es war in der DDR überhaupt nicht ungewöhnlich, Kinder etwa beim Einkaufen im Geschäft im Kinderwagen vor dem Laden stehen zu lassen. Heute undenkbar.

Auch Mario Schubert, der mit seinem Laden VEB Orange in Berlin erste Anlaufstelle für Alltagswaren aus der DDR ist, hatte schon eindrucksvolle Zekiwa‑Kinderwagen vor seinem Schaufenster in der Oderberger Straße zu stehen. „Ein toller Hingucker!“, sagt er. Ob es den Zekiwa auch in orange gab? „Ganz sicher. “
Als in Berlin‑Prenzlauer Berg vor zehn Jahren noch viele Latte‑Macchiato‑Mütter unterwegs waren, gab es auf der Schönhauser Allee sogar einen Secondhand‑Kinderwarenladen, der DDR‑Modelle der Marke Zekiwa verkaufte, erinnert sich Schubert.

Das Retro‑Design war plötzlich wieder in, sodass auch nach der Wende noch Kinder in den großen geflochtenen Körben unter einem Baldachin über das Berliner Kopfsteinpflaster geschaukelt wurden.
Vom kleinen Betrieb zum Weltmarktführer
Die Wurzeln des Betriebs, der kürzlich mit seiner Insolvenz Schlagzeilen machte, reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Im sächsischen Zeitz entstanden zu der Zeit erste Wagen‑ und Korbmacherbetriebe.

Doch richtig Fahrt nahm die Geschichte der berühmtesten Kinderkutschen der DDR in den 1950er‑Jahren auf: Mit der Gründung des VEB Zeitzer Kinderwagenindustrie – kurz Zekiwa – wurde aus Handwerk ein industrielles Schwergewicht. Die DDR setzte auf Massenproduktion, und Zekiwa lieferte: robuste, elegante, technisch durchdachte Kinderwagen für alle. Sogar für den Westen. Die Kinderwagen wurden auch über Neckermann verkauft.
In den 1970er‑ und 80er‑Jahren war Zekiwa der größte Kinderwagenhersteller Europas. Jährlich verließen Hunderttausende Wagen die Werkhallen – nicht nur für Ostdeutschland, sondern auch für den Export in über 60 Länder.

Im Rahmen des Abkommens für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) waren die Zeitzer für Kinderwagen im ganzen Ostblock zuständig. Im Rat war festgelegt, welche der teilnehmenden Volkswirtschaften was zu produzieren hatte. Um Ressourcen zu sparen, wurde Spezialisierung gefördert. Die DDR war etwa Spitze in Optik, während die CSSR mit Werkzeugmaschinen glänzte.
DDR-Design, das Generationen prägte
Noch heute schwärmen Mütter, die in der DDR ihre Kinder in Zekiwa‑Wagen spazieren fuhren, von der Langlebigkeit der Wagen. Ob der legendäre Korbwagen, der sportliche Bambino oder klappbare Zwillingswagen – die meisten Zekiwa‑Modelle waren auf demselben ikonischen Chromgestell montiert. Per Lederriemen ließ sich eine butterweiche Federung erzielen, große, aber schmale Reifen schaukelten die Babys sanft in den Schlaf. Ein Zekiwa, das war das erste Wohnzimmer eines Kindes in der DDR, seine feste Burg.
Die Wende – ein harter Bruch
Wie viele DDR‑Betriebe traf die Wiedervereinigung auch Zekiwa hart. Der Markt brach ein, westdeutsche Konkurrenz drängte hinein, die Produktionskosten stiegen. Der einstige Weltmarktführer kämpfte ums Überleben. In den 1990ern folgten Insolvenz, Neugründungen, Eigentümerwechsel. Doch der Name blieb – und mit ihm die Sehnsucht nach Qualität „Made in Zeitz“.
Zekiwa schaffte es, produzierte wieder Kinderwagen, Buggys und Zubehör. Zwar nicht mehr in der Größe früherer Zeiten, aber mit dem Anspruch, die eigene Geschichte zu bewahren. Die Produktion wurde ins Ausland verlagert. Zuletzt setzte man aber wieder auf die Produktion in der Region. Mit Körben aus fränkischer Weide und Stoffen aus örtlichen Nähereien sollte die Produktion der Luxus-Chaisen in Zeitz wieder ausgebaut werden
Wie geht es nach der Insolvenz von Zekiwa weiter
Auch mit dem Insolvenzantrag des Kinderwagen‑Herstellers mit Sitz in Kretzschau (Sachsen‑Anhalt) soll die Geschichte des berühmtesten Kinderwagens der DDR nicht zu Ende sein. Obwohl derzeit nur noch sechs Mitarbeiter beschäftigt sind, läuft der Betrieb trotz Insolvenz weiter. Die Unternehmensführung wolle die Insolvenz nutzen, um das Unternehmen neu aufzustellen. Es werden Investoren, etwa für einen Online‑Handel, gesucht.
„In den vergangenen Monaten war die wirtschaftliche Entwicklung durch rückläufige Umsätze, steigende Kosten und eine anhaltende Ergebnisbelastung geprägt“, teilte die Geschäftsführung mit. Insbesondere der Geburtenrückgang wirke sich spürbar auf die Nachfrage aus.




